Ein Plädoyer für die Rückkehr karierter Autositze
Mal in letzter Zeit in den Innenraum deines Autos geguckt? Fährst du einen Göppel der Oberklasse, ist alles aus Leder. Oder Alcantara gibt's dort auch gerne mal. Und in der Mittel- und Kompaktklasse hängt es von der von den Käuferinnen und Käufern gewählten Ausstattungsstufe ab – da gibt's vom billigen Stoffbezug bis hin zu edlem Leder alles. Oder zunehmend auch – in einem genialen Marketing-Schachzug, mit dem uns billige Kunstlederimitate zu einem Premium-Preis verkauft werden sollen – sogenannte «vegane Innenausstattungen». Ooooh.
Gemein haben fast alle aktuellen Autokabinen-Designs, dass sämtliche Sitzbezüge einfarbig gehalten sind. Gewiss, beim High-End-Leder sieht man ab und an irgendwelche eingestanzten Muster. Oder bei der GTI-Klasse gibt's als höchste der Gefühle vielleicht mal einen roten Streifen am Sitzrücken. Doch letztendlich wird man beim Öffnen der Tür eines modernen Autos von einer monochromen Farbeinöde empfangen.
Dabei müsste das doch gar nicht sein. Denn es gab einmal eine Zeit, in der die serienmässige Innenausstattung eines günstigen Kompaktautos so aussah:
Das, notabene, ist nicht etwa eine Limited-Edition-Sonderausstattung, sondern das Interieur eines standardmässigen VW Golf GTI von 1981.
Und so sah es in einem Mazda RX-7 von 1979 aus:
Verehrte Damen und Herren, willkommen in einer bunteren, verspielteren Welt – willkommen in der Welt der karierten Autositze!
Hier, etwa, ein 1980er Ford Capri 3.0 S ...
... wie er in der Serie «The Professionals» von Bodie gefahren wurde. Carla Tartan hiess das Sitzbezug-Design übrigens. Jawohl, für ein cooles Design gab's selbstredend noch eine coole Bezeichnung.
Hier ein 1977er Triumph TR7:
Neben Rot gab es noch die Option in Grün ...
... oder in Beige:
1972 konnte man den Chevrolet K5 Blazer mit Highlander-Ausstattung bestellen:
Und den britischen Kleinwagen Hillman Imp gab es 1975 auf Wunsch mit Caledonian-Sitzbezügen:
Hier der Innenraum des Matra Bagheera aus Frankreich von 1975:
Jawohl: Dreisitzig war der. Mais bien sûr.
So sah es in einem 1978er Vauxhall Chevette HS aus:
Es ist 1980, du bist Sophie Marceau, und in «La Boum» fährst du ...
... einen Matra-Simca Rancho. Mit Karo-Sitzen. Ehrensache.
Es ist 1977, du bist James Bond, und in «The Spy Who Loved Me» fährst du einen weissen Lotus Esprit. Im Innenraum sieht es SO aus:
Echt jetzt: Diese Innenausstattung gab es ab Fabrik für den Lotus Esprit. Gewiss, nicht jedermanns Geschmack. Aber James Bond ist auch nicht jedermann.
Zurück zu den ikonischen Golf-GTI-Sitzen:
Zu verdanken haben wir diese einer Dame namens Gunhild Liljequist, die von Beruf ursprünglich Porzellanmalerin und Designerin von Pralinenschachteln war – bis sie in den Sechzigerjahren in die Abteilung für Stoffe und Farben von Volkswagen in Wolfsburg wechselte.
Für den Golf GTI wurde sie damit beauftragt, verschiedene Elemente des Innenraums «aus sportlicher Sicht» zu gestalten. Ein längerer England-Aufenthalt inspirierte Liljequist zu zwei markanten Designelementen: dem Tartanmuster für die Sitze und einem Schaltknauf im Golfball-Design.
Hmm ... gilt das noch als Karo?
Egal – wie unglaublich stylish ist der Houndstooth-Stoff bei diesem 1969er Chevrolet Camaro?
Und wenn wir schon bei den nicht-Karo-aber-trotzdem-verdammt-geilen-Vintage-Sitzbezügen sind: Checkt mal das Navajo-Interieur, das es 1970 beim AMC Pacer gab!
Oder, hey, bereits ein paar Einlagen aus Tweed wirken Wunder bei diesem Studebaker Avanti von 1964:
Doch das wohl coolste Autositz-Karo-Design aller Zeiten ist und bleibt wohl der geniale Pascha-Stoffbezug, den es 1978 beim Porsche 928 gab:
Hey, bekanntlich ist heute eine überwältigende Mehrheit (weltweit 81 %!) von Autos in Schwarz, Grautönen, Silber und Weiss lackiert. «Unbunt» heisst das im Fachjargon; «achromatics»; technisch eigentlich gar keine Farben. Wie schön wäre es doch, wenn es wenigstens im Interieur – notabene ein Ort, an dem man gehörig viel Zeit verbringt – ein bisschen mehr Verspieltheit gäbe? Ein bisschen mehr ... Freude?
