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Wegschauen Yonnihof

Bild: shutterstock

Yonnihof

Mein Plädoyer fürs Wegschauen

Warum ich selber entscheide, wie viel Realität ich (v)ertrage.



HINSCHAUEN. Eines der wichtigsten Wörter der Gegenwart.

Menschen verhungern – schaut hin!

Tiere werden gequält – schaut hin!

Leute werden online von anderen blossgestellt und fertiggemacht – schaut hin!

Und ich habe tatsächlich das Gefühl, die Menschen leiden mit, sie engagieren sich, sie versuchen, das Leid der Welt mitzutragen, es zu verstehen, indem sie – eben – hinschauen.

Auch betreffend Krieg sind die Menschen involviert, wollen Hintergründe und genaue Infos. Sie schauen hin. Finde ich gut!

Und dann...

Ja, dann wird einem amerikanischen Journalisten vor laufender Kamera der Kopf abgeschnitten. Er wird gezwungen, seine letzten Augenblicke damit zu verbringen, Worte zu sagen, die nicht die seinen sind und ihm als Menschen komplett widersprechen. Er wird zum Instrument eben jener Gewalt, welcher er mit seinem Schaffen entgegenwirken wollte. Bereits in der Theorie ist dieses Szenario ein wahres Schauspiel der Perversion. 

Ich wollte schon seit einigen Tagen einen Text zu diesem Thema schreiben, mich darüber informieren, was mit James Foley passiert war. Die Enthauptung selber jedoch wollte ich nicht sehen. Gestern aber landete ich bei der Recherche auf einer Seite, die das komplette Video beinhaltete (ohne Hinweis auf diese Tatsache), worauf ich auf einmal - obwohl ich nur hören wollte, was der Terrorist sagt - damit konfrontiert war, dass ich tatsächlich sah, wie einem Menschen der Kopf mit einem Messer abgetrennt wird.

Und ich propagiere hier aus vollstem Herzen und mit Inbrunst: SCHAUT WEG!

Dies aus zwei Gründen.

1. Um Eurer selbst Willen.
Wir sind uns ja aus Film und Fernsehen einiges gewohnt. Wir sind abgehärtet. In jedem Kinderspiel können die Kleinen bereits lustige bunte Tierchen abknallen, aus denen dann lustiges buntes Blut spritzt.

Doch es ist etwas komplett anderes, wenn man das tatsächliche Ende eines Menschenlebens auf so brutale Art mit ansieht. Es ist nicht das inszenierte Blutbad in einem Zombie-Movie. Die Psyche ist nicht gemacht, so etwas zu sehen. Soll sie auch nicht. 

Da sind Geräusche, die man nicht mehr aus dem Kopf bringt, Bilder, die einen vom Schlafen abhalten. Mich zumindest. 

Wenn jemand findet, dass er/sie, um die volle Härte der Realität der Geschehnisse zu begreifen, dieses Video sehen muss, dann soll er/sie das. Ich würde ihm/ihr dafür nie einen Vorwurf machen.

Ich sage aber (und das tue ich auch als Psychologin): Man muss das auf gar keinen Fall. Wir sind fähig, Elend und Tragik in ihrer Struktur zu begreifen, ohne dass wir den Gräuel visuell in die Iris gebrannt bekommen müssen. Ich wehre mich an dieser Stelle vehement gegen die Einstellung gewisser Medienschaffender, dass «die Welt so etwas sehen muss». Ich kann für mich selber abschätzen, wieviel meine Psyche aushält und ich bin kein Feigling, wenn ich im Nachhinein sage: «Ich wünschte, ich hätte das nicht gesehen.»

Und ja. Ich wünschte tatsächlich, ich hätte das nicht gesehen.

2. Aus Prinzip.
Die Verbreitung solcher Aufnahmen ist bekanntermassen die Absicht der Terroristen hinter dem Film. Die IS bekommt durch die Streuung die Aufmerksamkeit der Welt und verbreitet Angst und Schrecken - sowohl bei ihren Feinden als auch bei Journalisten, welche in Foleys Fussstapfen treten wollen.

Die Medien befinden sich dadurch dieser Tage auf einem extrem schmalen Grat zwischen Informieren und Boykott. Das Video selbst zeigen die wenigsten – weil man den Verbrechern keine Genugtuung geben will. Darüber berichten will oder soll man aber trotzdem. 

Es stellen sich dadurch wichtige ethische Fragen, wie: Bin ich Teil der Propaganda selber, wenn ich über die Enthauptung Foleys schreibe, und sei es noch so neutral? Mache ich mich hier gerade, obwohl ich zum Boykott aufrufe, zur stillen Komplizin? Wie geht man mit dieser Bredouille um?

Eine Gegenstrategie im Internet war es, positive Bilder von James Foley zu teilen und zu streuen und darauf zu hoffen, dass dadurch bei Suchanfragen nicht gleich Bilder seiner Hinrichtung, sondern Bilder seines Lachens angezeigt würden. Die Idee ist gut. Aber ist sie nicht einfach nur Symptombekämpfung?

Schlussendlich stellt sich mir die grosse Frage: Sollen wir für die Opfer hinschauen oder gegen die Täter wegschauen? Meine Antwort darauf geht zwar gegen meinen Instinkt, aber sie lautet: Wegschauen gegen die Täter - denn sie sind es, die die Opfer überhaupt erst schaffen.

Yonnihof

Yonni Meyer

Sie gilt als Schweizer Facebook-Phänomen: Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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