Stromlücke in der Schweiz: Branche hat gemessen – und findet Resultat «besorgniserregend»
Es ist noch nicht so lange her, da bereitete sich die Schweiz auf einen Winter mit Strommangel vor. Die Geschäfte und Hotels rüsteten ihre Lampen mit LED um, der Bund investierte Hunderte von Millionen in die Notstromreserven und die Bevölkerung legte einen Notvorrat an Kerzen an. Doch letztlich lief alles rund im Winter 2022/23, die mahnenden Worte von Guy Parmelin zur Strommangellage sind vergessen, die Angst vor dem Blackout verschwunden.
Das Problem jedoch bleibt, wie die Strombranche bei jeder Gelegenheit betont. Insbesondere im Winter drohe der Schweiz mittelfristig eine Stromlücke, warnen ihre Exponenten immer wieder. Doch die Worte bleiben ungehört. Deshalb hat der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) nun einen Stromversorgungs-Index entwickelt. Dieser soll – wie etwa der Konsumentenpreisindex bei der Teuerung – messen, wie gut es um die Versorgungssicherheit der Schweiz bestellt ist, sowie Fortschritte und Rückschläge einfach abbilden.
Die Ergebnisse des jetzt erstmals vorgestellten Stromversorgungs-Indexes bezeichnet der Verband als «besorgniserregend». Statt des Zielwertes von 100 Punkten erreicht der Index für das Jahr 2035 gerade mal 82 Punkte, bis ins Jahr 2050 fällt er gar auf magere 69 Punkte. Der Wert liegt gemäss VSE im «roten Bereich». In Schulnoten ausgedrückt ist das Resultat schlicht und einfach ungenügend.
Ursachen für das schlechte Abschneiden gibt es mehrere. Vereinfacht lassen sie sich wie folgt zusammenfassen: Die Schweiz baut sowohl ihre Winterstromproduktion wie auch ihre Netzinfrastruktur zu wenig aus. «Wir können nicht so weitermachen wie in den vergangenen zehn Jahren», sagte VSE-Präsident Martin Schwab am Montag vor der Presse in Bern. «Sonst riskieren wir unsere Versorgungssicherheit».
Berechnet wird der Stromversorgungs-Index anhand von fünf Unterindikatoren, die Stand heute für das Jahr 2050 ebenfalls alle den Zielwert verfehlen:
Stromnachfrage: 86 Punkte
Die Stromnachfrage pro Person wird in den kommenden Jahren deutlich steigen, und zwar gemäss VSE mehr als ursprünglich erwartet. Treiber dieser Entwicklung ist die Dekarbonisierung, namentlich bei der Elektromobilität. Hinzu kommt der absehbare Bau von neuen Rechenzentren für all die Applikationen von Künstlicher Intelligenz.
Ausbau bei den erneuerbaren Energien: 83 Punkte
Der Ausbau der Grossprojekte verläuft schleppend. Die Alpinsolar-Euphorie ist angesichts der hohen Kosten verflogen, die Produktion aus Wasserkraft ist gar rückläufig. Deutlich verfehlt die Windenergie ihr Ziel: Gemäss Hochrechnungen müssten bis 2050 rund 600 Windanlagen gebaut werden. Derzeit liegen laut VSE allerdings erst rund 200 Projekte vor. Und davon dürfte angesichts des grossen Widerstands von Windenergieskeptikern gemäss Schwab nur die Hälfte realisiert werden.
Ausgebaut werden letztlich nur Solaranlagen auf Dächern. Das beschert der Schweiz im Sommer eine Stromüberproduktion, im Winter jedoch viel zu wenig. «Allein mit Solar im Mittelland kann man keine Versorgungssicherheit gewährleisten», sagt Schwab.
Flexibilität: 52 Punkte
Während im Winter der Strom knapp wird, ist er im Sommer im Überfluss vorhanden. Doch dieser lässt sich nur bedingt speichern – etwa mit Hilfe der Speicherseen. Diese liefern heute mit rund 9 Terawattstunden (TWh) Inhalt gemäss VSE einen wesentlichen Beitrag zur Winterproduktion. Mit den am runden Tisch besiegelten 16 Wasserkraftprojekten hätte die Produktion um 2 TWh ausgebaut werden sollen. Doch davon, so die Befürchtungen aus dem Departement von Energieminister Albert Rösti, dürfte wohl nur die Hälfte davon zustande kommen.
Zusätzliche Stromproduktion: 68 Punkte
Mit dem absehbaren Wegfall der Atomkraftwerke Mitte der 2040er-Jahre spitzt sich die Situation nochmals zu. Die Antwort des VSE auf diese Entwicklung: Der Bund muss den Ausbau der Windenergie forcieren sowie eine Verlängerung der Laufzeiten für die bestehenden Atomkraftwerke und Investitionen in Gaskombikraftwerke prüfen.
Der Verband stellt sich hinter Röstis Plan, das Neubauverbot für AKWs zu streichen. Doch die Versorgungssicherheit bis 2050 werde das nicht beeinflussen, erklärt Schwab. Angesichts der Erfahrungswerte, wonach es heute schon 20 Jahre brauche, um einen Windpark zu erstellen, werde der Bau eines neuen Atomkraftwerks noch viel länger dauern.
Netz: 57 Punkte
Besonders schlecht schneidet die Schweiz beim Netz ab. Hier resultiert nur gerade ein Wert von 57 Punkten. Das liegt daran, dass der Netzausbau zu langsam vorwärtskomme, sagt Schwab. «Rund die Hälfte der Projekte verzögert sich.»
Ebenfalls negativ wirkt sich laut VSE der Umstand aus, dass die Schweiz noch immer kein Stromabkommen mit der EU hat. Solange das Abkommen nicht besiegelt sei, werde die Schweiz vom europäischen Strommarkt ausgeschlossen. Das ist weniger ein wirtschaftliches, denn ein technisches Problem, das die Netzstabilität der Schweiz bedroht. Mit einem Stromabkommen würde denn auch der Wert des Subindikators nach oben schnellen.
