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Yonnihof

Liebeskummer, du Hurensohn!

Bild: shutterstock
21.08.2016, 13:0721.08.2016, 14:35

Man kann wohl sagen, dass man über einen Liebeskummer dann hinweg ist, wenn man nicht mehr das Gefühl hat, gewisse Liebeslieder seien spezifisch für einen geschrieben worden.

Bevor es jedoch soweit ist, bringen einen Songs wie «Love the way you lie» oder «Pour que tu m’aimes encore» (Ouioui, ich hoff, du häsch brav ufpasst im Franz) auf Knopfdruck zum Heulen und wenn Whitney selig dann ihr «I will always love you» anstimmt, ist man überzeugt: «Bittersüessi Erinnerige sind alles, wo mir bliibed... Mir wüssed beidi, ich bin nöd das, wo du bruuchsch... OMG, ES GAHT SO VOLL FESCHT UM MICH I DEM LIED!»

Dann bricht man auch gerne mal im Manor an der Kasse in einen Heulkrampf aus, weil ebendieser Song just in dem Moment aus den Lautsprechern trötet, wenn man seinen neuen Mascara bezahlen will. «Was soll ich jetzt noch mit einem Mascara?? Hat ja eh keinen Sinn. Ich gehe sowieso nie mehr aus. NIE WIEDER. Ich bleibe für immer allein und tue mir 27 Katzen zu, die allesamt Ricola heissen.»

Ich würde meinen, dass wir uns alle einig sind: Liebeskummer ist ein riesengrosses Arschloch. Man ist zugleich voll mit Emotionen und komplett leer und hat absolut keine Ahnung, was man mit sich anfangen soll. Es tun einem Stellen im Körper weh, von denen man nicht einmal wusste, dass sie existieren und man rennt mit einem gigantischen Wattepausch um den Kopf durch die Welt. Appetit und Schlaf glänzen durch Abwesenheit und man sieht leider so aus wie man sich fühlt: wie das Kind eines Zombies und Chucky der Mörderpuppe – bloss schlechter gekleidet und mit fettigen Haaren.

Die wenige Energie, die man noch hat, verwendet man auf Verteufelungen oder Idealisierungen des/der verlorenen Liebsten – in einer Minute ist er ein rücksichtsloses Ego-Arschloch, in der anderen wünscht man sich zurück in seine Arme («Er roch doch immer so gut»). Jegliche Rationalisierung der getroffenen Entscheidung zur Trennung wird beinahe unmöglich, denn obwohl man überhaupt nicht zusammen passte und man sich wohl für immer und ewig gegenseitig unglücklich gemacht hätte, war da doch jemand, für den man etwas Besonderes war und der an einen dachte, der einem bescheuerte Kosenamen gab und einen unter dem Kinn kraulte, auch wenn man das nicht ausstehen konnte.

Man hatte sich gewöhnt an sein Schnarchen, an seine ungleichen Socken in der Wäsche und an seine lustigen SMS, wenn er betrunken war und seine Liebe für einen morgens um halb vier nicht für sich behalten konnte. «Du bishc imfal so di coolst früdnin vo alne und ich liebb dihc so okay okay mir isch gluab chli schlähct...»

Das alles fehlt. Und es ist ein bisschen, als wäre einem ein Stück des eigenen Körpers weggerissen worden.

So gleitet man denn dahin, in einem Sumpf aus Zeit und Emotionen, mit dem Gefühl, man werde nie wieder glücklich, selbst wenn man den Verflossenen schon lange nicht mehr zurück haben will.

Und dann geschehen wundersame Dinge: In der ganzen Misere und dem Leid tauchen plötzlich gute Geister auf – Freunde, Familie, Berufskollegen. Die nehmen einen in den Arm und trösten einen, sitzen Abende lang neben einem auf dem Sofa und sagen einem, man soll gopfertami endlich die Haare waschen. Und sie sagen nicht «Das chunt alles wieder guet», sondern sie sagen, dass es eine verdammte Riesenscheisse ist und dass es ihnen von Herzen leid tut. Denn in dem Moment, wo das Herz gebrochen ist und in 1000 Scherben vor einem liegt, ist nichts, aber auch gar nichts gut, und man kann sich auch nicht vorstellen, dass es jemals wieder gut wird. Nicht in tausend Jahren.

Liebeskummer ist die Zeit, in der Narben verheilen und das muss weh tun und das muss jucken – da muss man wohl einfach durch. Wer zu früh wieder drauf rumdrückt, muss von vorne anfangen.

Proust meinte, er habe in den Jahren, in denen er am meisten gelitten hat, am meisten gelernt. Klingt klug. Im Moment des Schmerzes aber denkt man: FUCK YOU, MARCEL! Wer will schon was lernen?! Ich will bloss normal schlafen und essen können und nicht bei jeder «Merci»-Werbung in Tränen ausbrechen.

Und ich will endlich wieder Songs hören können, ohne zu denken, sie seien für mich geschrieben worden.

Ausser es handelt sich um «Let It Be». Dann fänd’ ich’s ok.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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