Die Schweiz liebt Bargeld und zahlt lieber «cashless»
«Geld regiert die Welt», lautet ein Sprichwort. Zumindest kann man behaupten, dass ohne Geld kaum etwas geht. Und hier kommt die Volksinitiative «Bargeld ist Freiheit» ins Spiel, über die wir am 8. März abstimmen, zusammen mit dem direkten Gegenentwurf von Bundesrat und Parlament. Beides stösst in den Umfragen auf grosse Zustimmung.
Mit Bargeld sind Emotionen verbunden. Nach Ansicht der Initianten um den Ex-SVP-Politiker Richard Koller aber ist es akut gefährdet. «Noten und Münzen werden im Alltag schrittweise verdrängt», klagte Koller an der Medienkonferenz des Ja-Komitees. Auf seiner Website wird zu nichts weniger aufgerufen als zur «Rettung des Frankens».
Es ist kein Zufall, dass die Initiative während der Corona-Pandemie lanciert wurde. Damals gaben Homeoffice und Social Distancing dem bargeldlosen Zahlungsverkehr enormen Auftrieb. Das beunruhigt die Initianten. Der Bund solle sicherstellen, dass «Münzen oder Banknoten immer in genügender Menge zur Verfügung stehen», heisst es im Initiativtext.
95 Prozent für Bargeld
Wie ernst ist die Lage? Ist Bargeld vom «Aussterben» bedroht? Die Antwort liefert die Zahlungsmittelumfrage der Nationalbank, der Hüterin unserer Währung. Die neuesten Resultate stammen von 2024 und sprechen eine klare Sprache: 95 Prozent der Bevölkerung möchten, dass Bargeld weiterhin als Zahlungsmittel zur Verfügung steht.
Seine Abschaffung wäre demnach komplett chancenlos. Bei der praktischen Anwendung ist der Befund nicht mehr so eindeutig, doch 68 Prozent der Befragten möchten in Zukunft unverändert Bargeld nutzen können. Dieser Anteil ist gegenüber der vorletzten Befragung von 2022 sogar etwas angestiegen. Rennt die Bargeld-Initiative somit offene Türen ein?
Debitkarte am beliebtesten
Nicht wirklich, denn bei der konkreten Nutzung vor Ort (Kasse, Schalter, Automat) ergibt die Nationalbank-Umfrage ein ganz anderes Bild: 2017 erfolgten noch mehr als 70 Prozent der Zahlungen in bar. Sieben Jahre später hat sich dieser Anteil mehr als halbiert, auf 30 Prozent. Das beliebteste Zahlungsmittel ist die Debitkarte mit 35 Prozent.
Das sind eure Meinungen zu Bargeld
Deutlich im Aufwind sind auch Bezahl-Apps, also vor allem Twint. Die Umfrage zeigt, dass Bargeld von über 55-Jährigen und Menschen mit geringeren Einkommen fleissig genutzt wird. Bei den 15- bis 34-Jährigen und Gutverdienenden sinkt der Anteil auf 20 Prozent und weniger. Mit anderen Worten: Wir lieben Bargeld und brauchen es immer seltener.
Ältere fühlen sich abgehängt
Die Sorgen der Initianten sind somit nicht ganz unberechtigt. Dabei hat Bargeld durchaus Vorteile. Man hinterlässt kaum Datenspuren und ist abgesichert gegen System- und Stromausfälle. Viele Menschen verweigern sich freiwillig oder unfreiwillig der digitalen Welt. Vor allem Ältere fühlen sich durch den Cashless-Trend zunehmend abgehängt.
Entsprechend gross ist die Aufregung, wenn Noten und Münzen «verbannt» werden, erst recht, wenn es um staatliche oder staatsnahe Einrichtungen geht. In die Kritik gerieten zuletzt das Zürcher Kunsthaus, die Postauto AG oder das Bahnunternehmen BLS. Doch auch im Privatsektor sorgt die Umstellung auf bargeldlose Zahlungen für Kontroversen.
Nur Bares ist Wahres
So wollten die Organisatoren des Weihnachtsmarkts im Zürcher Hauptbahnhof ihren Händlern ein Bargeldverbot aufzwingen, unter Androhung einer Busse von 500 Franken. Nach einem Shitstorm krebsten sie zurück und erlaubten Barzahlungen, zur Erleichterung vieler Standbetreiber. Teilweise wiesen sie explizit darauf hin, dass sie Cash bevorzugen.
Händlern und Gastronomen sind die Gebühren ein Dorn im Auge, die bei bargeldlosen Zahlungen fällig werden (gerade Twint hat in dieser Hinsicht nicht den besten Ruf). Nach wie vor findet man Läden und Restaurants, in denen die Devise gilt «Nur Bares ist Wahres». Und dennoch: Der Trend zur Zahlung mit Karte und Handy ist unaufhaltsam.
Schweden will wieder Bargeld
Das zeigt ein Blick über die Grenze. In Deutschland und Österreich sind Barzahlungen stärker verbreitet als bei uns, doch auch in diesen Ländern geht es in Richtung «cashless». Weiter nördlich zeigt sich dies noch deutlicher. Bei einem Aufenthalt in London im letzten Herbst fragte ich mich, ob ich meine Pfundnoten überhaupt irgendwo loswerden konnte.
Besonders weit sind die Skandinavier. In Schweden und Norwegen erfolgen rund 90 Prozent aller Zahlungen elektronisch. Die schwedische Regierung wollte das Land komplett «bargeldfrei» machen, doch nun hat sie den Rückwärtsgang eingelegt. Wegen der Gefahr durch (russische) Cyberangriffe sollen die Haushalte wieder einen Bargeldvorrat halten.
Immer weniger Bancomaten
Einen Schritt weiter gingen die Norweger. Seit 2024 sind Läden oder Restaurants durch ein Gesetz zur Annahme von Bargeld verpflichtet. Auch Richard Koller wollte in der Schweiz mit einer zweiten Volksinitiative eine ähnliche Vorschrift einführen und zudem die Erreichbarkeit von Bancomaten vorschreiben. Sie scheiterte bereits im Sammelstadium.
Die Schweizer schätzen Bargeld, aber zu strikte Regeln wollen sie nicht. Das ist bei den Geldautomaten nachvollziehbar. Ihre Zahl hat seit 2020 abgenommen, von deutlich über 7000 auf noch gut 6000. Die Gefahr von Sprengungen ist nur ein Grund dafür. Wegen des Digital-Trends lohnt sich der Aufwand für Banken, Post und andere Betreiber nicht mehr.
Beigeschmack von Trötzelei
Das Festhalten der Bargeld-Initianten an ihrem Volksbegehren – das im Parlament nicht einmal von der SVP geschlossen unterstützt wurde – hat deshalb einen Beigeschmack von Trötzelei. Den Gegenvorschlag bezeichnen sie als «ungenau». Dabei ist er schlicht «neutraler» und juristisch verbindlicher als der populistisch angehauchte Initiativtext.
Der Abstimmungskampf verläuft bislang seltsam flau. Das mag daran liegen, dass die Initianten gemäss Tamedia selbst über wenig Cash verfügen (und deshalb Spenden auch mit Karte, Twint oder E-Banking akzeptieren …). Die Gegenseite wiederum hat es trotz der breiten Ablehnung im Parlament nicht einmal geschafft, ein Nein-Komitee zu formieren.
Absehbar ist, dass beide Vorlagen am 8. März angenommen werden und sich bei der erstmals seit 15 Jahren fälligen Stichfrage der Gegenvorschlag durchsetzen wird. Es wäre passend für ein Land, das Bargeld liebt und es gleichzeitig immer weniger nutzt.
