Häusliche Gewalt nimmt zu: Diese Rolle spielen Migration und Feminismus
Die eigenen vier Wände sollten ein Ort der Sicherheit sein. Für tausende Menschen sind sie jedoch ein Schauplatz von Gewalt. Diese reicht von Beschimpfungen über Körperverletzungen bis hin zu Tötungsdelikten.
Im Jahr 2024, für das die aktuellsten verfügbaren Daten vorliegen, wurden 11'849 Personen Opfer von häuslicher Gewalt. Das sind so viele wie noch nie. 2014 lag die Zahl der Opfer von polizeilich registrierten Gewaltstraftaten in Partnerschaft und Familie um rund 25 Prozent tiefer, wie Daten des Bundesamts für Statistik zeigen.
Über alle Deliktarten gesehen sind die Opfer zu 70 Prozent weiblich, die Beschuldigten zu 74 Prozent männlich. Bei gravierenderen Straftaten wie schwerer Körperverletzung sind männliche Täter mit 79 Prozent stärker überrepräsentiert als bei leichteren Formen wie Tätlichkeiten (70 Prozent).
Die Gewalt ereignet sich meist in einer aktuellen oder ehemaligen Partnerschaft. Häusliche Gewalt ist damit kein ausschliessliches, aber mehrheitlich ein Männerproblem. Was erklärt den Anstieg?
Das «feministische Paradox» als Erklärung
Markus Theunert, Gesamtleiter des Dachverbands männer.ch, verweist auf das von der deutschen Autorin Susanne Kaiser beschriebene «feministische Paradox»: Schreitet die Gleichstellung in einer Gesellschaft voran, nimmt häusliche Gewalt nicht ab, sondern zu.
Diese Männer seien in «patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen» gefangen und verfügten über keine anderen Bewältigungsstrategien, als bei Überforderung handgreiflich zu werden. Befeuert werde solches Verhalten «durch den weltweit zu beobachtenden patriarchalen Backlash auf politischer Ebene».
Ein Teil des Anstiegs lässt sich auch durch eine gestiegene Sensibilisierung erklären. Sie fördert ein Umdenken: Gewalt wird weniger akzeptiert. Das ist relevant, weil es sich bei diversen Formen häuslicher Gewalt um Antragsdelikte handelt, etwa bei einfachen Tätlichkeiten wie Ohrfeigen. Werden diese nicht angezeigt, erscheinen sie in keiner Statistik.
Alter der Hilfesuchenden ist rückläufig
Zahlen der Gewaltopferambulanz des Waadtländer Universitätsspitals stützen diese Interpretation. Das Durchschnittsalter der Opfer häuslicher Gewalt, die dort rechtsmedizinisch untersucht werden, sank von 42,9 Jahren 2019 auf 37 Jahre 2024. Laut Chefärztin Nathalie Romain-Glassey lässt sich diese Entwicklung womöglich durch das gestiegene Bewusstsein der jüngeren Generationen und die Präventionsarbeit erklären.
Vereinfacht gesagt: Gerade junge Frauen lassen sich in der Partnerschaft nicht mehr alles bieten. Doch wie steht es um die jungen Männer? «Die Annahme, dass neue Generationen von allein immer fortschrittlicher werden, trifft nicht zu», sagt Theunert.
Vielmehr gebe es eine Polarisierung: Auf der einen Seite immer mehr junge Männer, die nicht zuletzt unter dem Einfluss von Social-Media-Plattformen in Muster männlicher Dominanz zurückfielen. Auf der anderen Seite immer mehr junge Männer, die sich kritisch mit Männlichkeit auseinandersetzten und Gewalt ablehnten.
Und die Migration?
Ausländerinnen häufiger beschuldigt als Schweizer
Eine weitere Dimension der häuslichen Gewalt betrifft die Migration. Der Thurgauer SVP-Nationalrat Pascal Schmid verlangte vom Bundesrat eine Aufschlüsselung nach Schweizer und ausländischen Tätern.
Nun liegt diese vor. Demnach wurden 2024 innerhalb der ständigen Wohnbevölkerung 33,3 von 10’000 ausländischen Männern der häuslichen Gewalt beschuldigt, gegenüber 12,6 von 10’000 Schweizer Männern. Bei den Frauen liegt die Rate bei 13,2 (Ausländerinnen) respektive 4,4 (Schweizerinnen).
Statistisch gesehen wurden ausländische Frauen damit knapp häufiger beschuldigt als Schweizer Männer. «Das beweist, dass häusliche Gewalt nicht einfach ein reines Männerproblem ist, sondern vor allem ein Migrationsproblem», sagte Schmid zum «Blick», der am Freitag zuerst über die Auswertung berichtete.
Zu berücksichtigen gilt es, dass sich die ausländische und die Schweizer Bevölkerung in vielerlei Hinsicht unterscheiden: Ausländer sind öfter sozial weniger stark eingebunden, wohnen auf kleinerem Raum und kämpfen teils mit prekären finanziellen Verhältnissen.
Markus Theunert sagt:
Theunert nimmt alle Männer in die Verantwortung: «Jeder von uns kann Mann auf die eine oder auf die andere Art sein.» Wer Gefühle zulasse und sich auch gegenüber der Partnerin verletzlich zeige, gewinne. Wer hingegen gewalttätig werde, zerstöre die Beziehung – und bereue dies früher oder später. «Gewalt ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche.»
(aargauerzeitung.ch)
