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YouTuber MrBeast rettet angeblich Afrika – das steckt dahinter

MrBeast in Afrika.
Geschafft!? Hier sehen wir Jimmy Donaldson, wie er einen der Brunnen testet.Screenshot: YouTube
Analyse

YouTuber MrBeast «baut 100 Brunnen in Afrika» – und kriegt aufs Dach

Reiche Weisse, die armen Schwarzen helfen und mit ihrer Wohltätigkeit einen Viral-Hit landen. Was soll da schon schiefgehen?
19.11.2023, 18:4920.11.2023, 15:57
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Jimmy Donaldson hat es wieder getan. Der 25-jährige Amerikaner, der sich MrBeast nennt und als erfolgreichster bzw. reichster YouTuber der Welt gilt, sorgt mit einer Wohltätigkeits-Aktion in Afrika für Furore.

Allerdings hat sein jüngstes virales Video nicht nur Begeisterung ausgelöst, sondern auch heftige Kritik. Und die Recherchen des Nachrichtenmagazins «Spiegel» zeigen, dass die im Video transportierten «Good News» mit Vorsicht zu geniessen sind.

Wohltätigkeit als Geschäftsmodell: Tun wir etwas Gutes, wenn wir solche YouTube-Videos mit unserer Aufmerksamkeit belohnen?

Was ist passiert?

Am 4. November publizierte MrBeast auf seinem YouTube-Hauptkanal, der 210 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten zählt, ein neues, rund zehnminütiges Video. Dessen Titel lautet: «Ich habe 100 Brunnen in Afrika gebaut».

Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten: Falls du Zeit hast, solltest du es dir in voller Länge anschauen.

Das MrBeast-Video hat inzwischen über 103 Millionen Views (Stand: 15. Nov.):

«Ich weiss, es ist komisch, dass ein YouTuber all das tun muss. Aber jemand muss es ja machen, und wenn es sonst keiner macht, dann machen wir es eben.»
Jimmy Donaldson aka MrBeast

Wo ist das Problem?

Es gibt mehrere.

Das Nachrichtenmagazin «Spiegel» hat das im Video Gezeigte und Gesagte einem Faktencheck unterzogen und vor Ort recherchiert. Und das Fazit dürfte der weltweiten Fangemeinde von MrBeast nicht gefallen:

  • Der Titel ist irreführend: MrBeast sei zwar in so ziemlich jeder Sequenz des Videos zu sehen, er drücke Knöpfe, trage Kanister und pumpe Wasser. Die Brunnen habe der YouTuber aber nicht selbst gebaut. Diese Aufgabe hätten ihm lokale Hilfsorganisationen wie Hope Water Africa (HWA) oder United Mission for Relief abgenommen.
  • Geld statt Zeit: MrBeast, respektive dessen gemeinnützige Stiftung, agiere lediglich als Geldgeber. Am Ende seien der Promi und sein Team «für ein paar Tage nach Afrika eingeflogen, um ein paar knackige Szenen zu drehen».
  • Krasse Übertreibungen: MrBeast behaupte, dass die 100 Brunnen 500'000 Menschen versorgen könnten, so der «Spiegel». Die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich tiefer sein. Und es gebe dadurch bestimmt nicht überall in Afrika Zugang zu Wasser, denn der Kontinent bestehe aus 54 Ländern und sei fast dreimal so gross wie Europa.
  • Die Arbeiten sind nicht abgeschlossen: Anders als im Video suggeriert, sei nur ein Teil der Brunnen wirklich betriebsbereit. Bei manchen fehlten noch Türme für die Wassertanks oder es müssten Leitungen fertig verlegt werden.

Und damit kommen wir zu dem Punkt, der MrBeast auch aus Afrika Kritik eingebracht hat.

Was fällt dir bei den folgenden Fotos auf?

^Britain's Prince Harry wears a shirt with the Sentebale logo as he holds a small girl while on visit to the Good Shepherd home, on a return visit to Lesotho,Tuesday, April 25, 2006. The Prince w ...
Ein junger Prinz Harry 2006 bei einem Besuch in Lesotho im Süden Afrikas.Bild: AP
First lady Melania Trump walks with singing children as she visits the Nest Orphanage in Limuru, Kenya, Friday, Oct. 5, 2018. Melania Trump has fed baby elephants as she visits a national park in Keny ...
Die damalige First Lady, Melania Trump, 2018 bei einem Besuch in Kenia.Bild: AP
Der YouTuber MrBeast hilft Kindern in Afrika.
Jimmy Donaldson pumpt Trinkwasser.Screenshot: YouTube

Weisse, die Schwarze retten: Für dieses weitverbreitete, seit vielen Jahrzehnten existierende Phänomen gibt es einen eigenen Begriff: White Saviorism («Weisses Rettertum»).

Das Video von MrBeast habe so ziemlich alle Zutaten des klassischen weissen Rettertums, konstatiert der «Spiegel»: arme Kinder, dreckige Flüsse, traurige Musik.

Bilder von weissen Helfern mit afrikanischen Waisenkindern bedienen Stereotype und tragen nicht zur Lösung der grundlegenden gesellschaftlichen Probleme bei, die in Kenia und anderen afrikanischen Ländern bestehen. Allen voran sind die grassierende Korruption (bei der einheimischen Elite) und die Ausbeutung durch (ausländische) Dritte zu nennen.

Der kenianische Politiker Francis Gaitho kritisierte MrBeasts Wohltätigkeits-Aktion scharf und landete damit seinerseits einen viralen Hit (mit über 1,2 Mio. Views bei X).

«Amerika ist Teil des Problems. Und Sie, Mr. Beast, sollten nicht hierherkommen, um einige dieser seit Langem bestehenden Klischees zu bestätigen, dass Afrika arm ist.»
Francis Gaitho

Tatsächlich seien Länder wie Kenia eigentlich nicht arm, sondern reich an Mineralien und anderen natürlichen Ressourcen, allerdings habe die Bevölkerung nichts davon. Vielmehr würden die ganzen Investitionen und Hilfsgelder in die Taschen korrupter Politiker und Beamter fliessen.

Ausserdem zementierten mächtige Nationen wie die USA mit ihrer Wirtschaftspolitik das bestehende problematische Abhängigkeitsverhältnis. Der Rat des kritischen kenianischen Politikers an die Adresse von Mr. Beast ist deshalb klar und deutlich: Er solle sich in seinen Videos besser an seinen eigenen Präsidenten wenden. Denn Amerika sei nicht Teil der Lösung. Joe Biden und zuvor Donald Trump hätten sich aus wirtschafts- und sicherheitspolitischen Überlegungen mit der korrupten kenianischen Regierung zusammengetan.

Was die Ungleichheit innerhalb der kenianischen Gesellschaft betreffe, trage der Westen eine Hauptschuld. Es gelte, die Steuerflucht der afrikanischen Potentaten zu bekämpfen und die internationalen Handelshindernisse abzubauen, die die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika behinderten.

Aber immerhin tut er etwas, oder?

Auf den grossen Social-Media-Plattformen meldeten sich auch viele Leute, die MrBeasts Aktion in Afrika verteidigten. Häufig ist zu hören, dass der Zweck die Mittel heilige.

Wenn tausende Menschen dank neu gebohrter Brunnen und weiterer konkreter Hilfsleitungen ein besseres Leben haben, dann lässt sich nichts dagegen einwenden. Oder?

Ein vom «Spiegel» befragter kenianischer Wasserexperte brachte die Herausforderung auf den Punkt:

«Ich beglückwünsche MrBeast zu diesem Projekt! Aber das Bohren ist nur der Anfang. Bis zu 40 Prozent dieser Brunnen sind nach drei Jahren kaputt. Die wirkliche Herausforderung ist die professionelle Wartung, und die kommt erst noch.»

Gemäss der Hilfsorganisation Hope Water Africa (HWA), die solche Brunnen baut, sollten sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer nach sechs Monaten selbst um die Anlagen kümmern. Die harte Arbeit kommt also erst nach den schönen Bildern, respektive dem viralen Video.

MrBeast hatte wohl schon geahnt, dass seine Aktion nicht nur für Begeisterungsstürme sorgen würde. Am 4. November, kurz bevor das Brunnen-Video auf seinem YouTube-Kanal veröffentlicht wurde, liess er verlauten:

«Ich weiss jetzt schon, dass man mich ‹canceln› wird, weil ich ein Video hochgeladen habe, das Menschen hilft, und um das zu 100 Prozent klarzustellen: Es ist mir egal. Ich werde meinen Kanal immer nutzen, um Menschen zu helfen, und ich werde versuchen, mein Publikum zu inspirieren, dasselbe zu tun.»
quelle: twitter.com

Getreu dem Motto: Tue Gutes und werde reich damit.

PS: Was MrBeast für die Hilfsaktion in Afrika insgesamt bezahlt hat und was er unter dem Strich mit seinen Viral-Videos verdient, ist dem watson-Redaktor nicht bekannt. Sein Jahreseinkommen soll bei über 50 Millionen Dollar liegen und sein Vermögen mittlerweile bei einer halben Milliarde.

2020 liess der YouTube-Krösus verlauten:

«Ich verspreche, dass ich mit 0 Dollar auf meinem Bankkonto sterben werde, und ich weigere mich, ein materialistisches Leben zu führen.»
quelle: twitter.com

Das heisst, er kann noch viele Brunnen bauen.

Und jetzt du!

Was hältst du von MrBeasts Geschäftsmodell? Ist es ethisch vertretbar, als weisser Retter in Wohltätigkeits-Videos aufzutreten? Und was könnte der YouTube-Star mit seiner ungeheuren Reichweite vielleicht sonst noch erreichen?

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Quellen

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167 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Mi Gräne
19.11.2023 19:10registriert Juni 2021
Was ist schlimmer als ein Weisser, der in Afrika Trinkwasseranschlüsse baut?

- Neider, die nichts machen und sich beschweren, dass er damit Geld verdient.
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CoolSideOfThePillow
19.11.2023 20:40registriert Juli 2022
Dann können wir uns ja jede Menge Entwicklungshilfe sparen.
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Bruno S.1988
19.11.2023 20:03registriert Juli 2016
Als afrikanisches Kind würde ich diesen Brunnen boykottieren! Ich würde aus prinzip wieder jeden Tag kilometerweit laufen und einen kanister voll Wasser auf meinen kopf zurück tragen...so lange bis meine eigentlich reiche Regierung mir diesen Brunnen baut. Sie haben bestimmt einen sehr guten Grund, weshalb sie das nicht scho lange erledigt haben.

Sorry, um was geht es hier?! Er hat einige reiche korrupte Politiker blos gestellt. Er hat einige Internet Rambos wütend gemacht. Er hat Afrikanern ohne einfachen Zugang zu Trinkwasser geholfen...WO IST EUER PROBLEM?!
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