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Interview mit Internetexperte Marc Ruef

«Herr Ruef, ist die Bundespolizei überhaupt in der Lage, im Darknet zu ermitteln?»

Im Internet gibt es immer weniger Kinderpornografie. Das ist schlecht. Denn die Kinderschänder und ihre Kundschaft wandern ins kaum kontrollierbare Darknet ab – das Schatteninternet für Drogenhändler, Terroristen und Pädophile.



Pädokriminelle verlagern ihre Tätigkeiten vom öffentlich zugänglichen Internet ins anonyme Darknet. Dies schreibt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) in seinem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht. Das Fedpol macht mit verdeckten Ermittlern im Darknet Jagd auf Kinderschänder und ihre Kundschaft. Auf welche Probleme die Ermittler bei der Infiltrierung von Foren, auf denen sich Pädo- oder Internetkriminelle austauschen, stossen, sagt das Fedpol «aus ermittlungstaktischen Gründen» nicht.

Der Schweizer IT-Sicherheitsspezialist Marc Ruef weiss, auf welche Schwierigkeiten die Online-Fahnder des Bundes im Darknet stossen.

Das Darknet ist der Rückzugsort im Internet für Drogenhändler, Terroristen und Pädophile. Wie muss man sich dieses Schatteninternet vorstellen?
Marc Ruef: Beim Darknet handelt es sich um eine spezielle Form eines sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerks. Die meisten kennen den Begriff P2P von Musiktauschbörsen wie zum Beispiel BitTorrent, Edonkey oder Kazaa. Der zentrale Unterschied ist, dass beim Darknet alle Beteiligten darum bemüht sind, dass die Verbindung nur zwischen vertrauenswürdigen Benutzern stattfindet. Man kann also nicht einfach ein Programm starten und sich beim Darknet anmelden. Stattdessen muss man die richtigen Kontakte haben, um darin überhaupt aufgenommen zu werden. 

Screenshot einer Kinderpornographieseite im Darknet. Bild: EPA

Der ideale Tummelplatz für alle, die etwas zu verbergen haben.
Juristisch gesehen gelten im Darknet die gleichen Gesetze wie sonst auch im Internet. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Schwierig ist aber, dass die Polizei im Darknet Rechtsverstösse nicht oder nur mit erheblichem Aufwand erkennen und ahnden kann. Sie können dies mit häuslicher Gewalt vergleichen: In der Regel sind die einzigen Zeugen der Täter und sein Opfer. Der Passant auf der Strasse kriegt meist nichts davon mit.

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Der IT-Sicherheitsspezialist und ehemalige Hacker Marc Ruef nutzt das Darknet für berufliche Zwecke.  Bild: zvg

Die Bundespolizei setzt im Darknet verdeckte Ermittler ein. Wie gelangen die Polizisten ins Darknet?
Es gibt eine Reihe von Programmen, die für die Nutzung eines Darknets genutzt werden können. Lösungen wie Freenet oder GNU-net sind quelloffen und für jedermann verfügbar. Sie werden unter anderem auch von Dissidenten eingesetzt, um der Internetzensur in Ländern wie China oder der Türkei entgehen zu können. Die Handhabung gestaltet sich ähnlich wie bei anderen File-Sharing-Lösungen. 

Auch die Polizisten des Bundes verbergen ihre Herkunft, indem sie anonymisierte IP-Adressbereiche nutzen oder die Verbindungen zu anderen Darknet-Nutzern über Zwischensysteme tunneln. Hierzu kommen Lösungen wie Tor zum Einsatz

Im Darknet sind alle anonym. Niemand kann dem anderen vertrauen. Wie erlangen die verdeckten Ermittler dennoch das Vertrauen der Täter?
In Chats oder E-Mails tauschen sich verdeckte Ermittler und Täter je nachdem über Monate hinweg aus. So wird ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Dies geschieht nie von heute auf morgen und ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Die Ermittler müssen eine plausible Legende ausarbeiten, um sich mit ihrer fiktiven Identität unverdächtig bewegen zu können. Ein kleiner Fehler, zum Beispiel ein Widerspruch zu einer vorangegangenen Aussage, kann das Vertrauensverhältnis zerstören. Ein falsches Wort kann die Ermittlungsarbeit mehrerer Monate zunichte machen. Je besser eine fiktive Identität in den Täterkreisen etabliert ist, desto eher können neue Kontakte geknüpft werden. 

Ist es für die Bundespolizei überhaupt möglich, im Darknet effizient zu ermitteln? 
Technologisch gesehen sind Ermittlungen im Darknet sicher durchführbar. Juristisch gesehen können die Polizisten aber schnell in einen Graubereich gelangen, der die Ermittlungen behindern kann. Zum Beispiel, wenn eine Zielperson von einem Ermittler als Vertrauensbeweis illegale Daten verlangt. 

Sie sprechen davon, dass die Polizisten selbst neue Kinderpornographie anbieten müssen, um von den Tätern als Kunden akzeptiert zu werden.
Ja. Es stellen sich konkrete rechtliche und ethische Fragen: In welchen Fällen dürfen illegal erworbene Beweise vom Gericht verwendet werden? Inwiefern darf sich ein Ermittler überhaupt im Sumpf der Kinderpornographie bewegen? Darf er selbst verwerfliches Material zum Tausch anbieten? Heiligt der Zweck die Mittel?

Darknet-Nutzer kennen die Gefahr verdeckter Ermittler. Welche Methoden wenden Pädophile im Darknet an, um nicht in die Falle der Polizei zu tappen?
Ein möglichst hohes Mass an Misstrauen ist des Verbrechers bester Freund. Wenn man mit möglichst wenigen Personen interagiert, sind die Chancen gering, dass man an einen Ermittler gelangt. Doch der Drang der Täter übersteuert irgendwann die Vernunft und dann werden Fehler gemacht. Dadurch erschliesst sich die Möglichkeit eines Zugriffs. Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Auch nicht in der virtuellen Welt. Jeder macht irgendwann einen Fehler. 

Datenschützer kritisieren, das Thema Kinderpornographie werde von den Medien und Behörden hochgespielt. Erhält das Thema mehr Beachtung, als es verdient? 
Die in den Medien kursierenden Zahlen zur Anzahl pädophiler Personen im Internet, zur Menge ausgetauschter Bilder und der damit umgeschlagenen Geldmenge variieren stark. Die zitierten Zahlen halten manchmal einer simplen Plausibilitätsprüfung nicht stand. 

Warum sollten die Behörden mit falschen Zahlen operieren?
Kritiker der Internetüberwachung vermuten, dass unter dem Deckmantel der Kinderpornographie zusätzliche Überwachungsmassnahmen auf Kosten der Bürger etabliert werden sollen. Man muss wissen: Solche Mechanismen sind in der Regel gar nicht in der Lage, den dezentralen und verschlüsselten Datenaustausch über das Darknet kontrollieren zu können. 

Trotzdem: Seit der NSA-Affäre weiss man, dass die flächendeckende Internetüberwachung kein Hirngespinst ist. Wäre es nicht sinnvoller, das viel gefährlichere Darknet zu überwachen?
Online-Kriminelle setzen diverse Zwischensysteme für die Kommunikation im Darknet ein. Selbst wenn das Darknet flächendeckend überwacht würde, wären die exakten Kommunikationsbeziehungen nicht nachvollziehbar. Kommt hinzu: Durch den verschlüsselten Austausch kann nicht zweifelsfrei festgestellt werden, welche Daten ausgetauscht worden sind. 

Das sagt das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement EJPD 

«Das grundsätzliche Problem jeder verdeckten Ermittlung ist die Gewinnung des Vertrauens der Kreise, gegen die ermittelt wird. Gerade im Darknet ist das Misstrauen gegenüber unbekannten Forums-Benutzern hoch. Beispielsweise werden Online-Zeiten und Forums-Aktivitäten äusserst kritisch durch die jeweiligen Moderatoren beobachtet und bewertet. Der Vertrauensgewinn gestaltet sich daher sehr zeitaufwändig und arbeitsintensiv und ist mit einer hohen psychischen Belastung für die Ermittler verbunden.»

Zu Besuch im Darknet 

watson hat Anfang Jahr im Darknet recherchiert. Die grosse Reportage «Zu Besuch bei Drogenhändlern, Pädophilen und Auftragskillern» lesen Sie hier

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