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Die komplexe IT-Welt ist ein idealer Nährboden für Unregelmässigkeiten aller Art. Bild: AP dapd

informatik für anfänger

IT-Skandale beim Bund: So wurde eine Milliarde Franken Steuergeld verpulvert

Seit Jahren sorgen Informatik-Projekte des Bundes für negative Schlagzeilen. Neustes Beispiel ist der mutmassliche Korruptionsfall im Seco. Ein Überblick.



Ein Ressortleiter des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) soll mit Mitarbeitern einer Informatikfirma im grossen Stil korrupte Geschäfte getätigt haben. Dies enthüllte der «Tages-Anzeiger» am Donnerstag. Demnach erhielt die Firma Aufträge zu überhöhten Preisen, wofür sie sich beim Ressortleiter mit «Geschenken» revanchierte. Das Seco stellte den Mitarbeiter frei und reichte Strafanzeige ein.

Die Höhe des Schadens steht noch nicht fest. Er dürfte mehrere Millionen Franken betragen. Der neuste Skandal überrascht wenig. In den letzten Jahren kam es bei IT-Projekten des Bundes immer wieder zu massiven Kostenüberschreitungen und Unregelmässigkeiten. Sie kosteten die Steuerzahler rund eine Milliarde Franken. Als Ursachen gelten fehlendes Fachwissen und mangelnde Kontrolle.

FIS Heer

Das Verteidigungsdepartement VBS investierte rund 700 Millionen Franken in das Führungsinformationssystem (FIS) des Heeres. Am Ende stellte sich heraus, dass es in der Praxis mit der Datenflut überfordert ist und deswegen nur sehr eingeschränkt verwendet werden kann.

Le conseiller federal Ueli Maurer, droite,  visite le poste de commandement avance avec le Brigadier Daniel Berger, centre, commandant de la Brigade blindee 1 lors de l'exercice Janus II de la Brigade blindee 1, brbl1, de l' armee Suisse ce mardi 17 mars 2009 a Onnens, Fribourg. 2500 militaires de la Brigade blindee 1, exercent entre Fribourg et la Plaine de l'Orbe leurs qualites, de direction des operations en particulier la coordination entre la recherche de renseignement, l'artillerie, la direction de feux et le commandement. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

VBS-Chef Ueli Maurer inspiziert einen Kommandoposten bei einem Manöver. Bild: KEYSTONE

NEO

Ein weit grösseres Armee-Informatikprojekt ist Network Enabled Operations (NEO). Es dient der vernetzten Operationsführung. Bis 2021 sind Investitionen von neun Milliarden Franken vorgesehen. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) warnte in einem letztes Jahr von der «SonntagsZeitung» veröffentlichten Bericht, dass das Projekt bis zum Endausbau 2015 gegen 15 Milliarden kosten könnte. «NEO beinhaltet hohe Risiken», schrieb die EFK.

Insieme

Das Informatikprojekt der Eidgenössischen Steuerverwaltung wurde im September 2012 nach zahlreichen Pannen und Unregelmässigkeiten von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf gestoppt. Mehr als 100 Millionen Franken wurden in den Sand gesetzt. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf ungetreue Amtsführung.

Mistra

Im Bundesamt für Strassen (Astra) sorgte das IT-Projekt zur zentralen Verwaltung aller Strassendaten (Mistra) für rote Köpfe. Die Kosten belaufen sich statt auf die budgetierten 45 Millionen auf mehr als 100 Millionen Franken. Die EFK machte neben einer nicht vorgesehenen Ausweitung des Projekts mangelnde Kontrolle und intransparente Vergabe für das Debakel verantwortlich.

Rudolf Dieterle, Direktor Bundesamt fuer Srassen (ASTRA) praesentiert MISTRA (Managementinformations-System Strasse und Strassenverkehr) am Mittwoch, 9. Oktober 2013 in Ittigen bei Bern. In einem Bericht zum IT-Projekt zur zentralen Verwaltung aller Strassendaten (MISTRA) hat die eidgenoessische Finanzkontrolle (EFK) die zeitliche Verzoegerung, die Ausdehnung des Projekts und Kostenueberschreitungen bemaengelt. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Astra-Direktor Rudolf Dieterle nimmt im Oktober 2013 Stellung zum Projekt Mistra. Bild: KEYSTONE

IVZ

Mit dem neuen Informationssystem Verkehrszulassung (IVZ) ist ein weiteres Astra-Projekt deutlich teurer geworden. Ende 2012 gab das Astra bekannt, dass sich die Kosten nicht wie geplant auf acht Millionen, sondern auf 32,6 Millionen Franken belaufen.

DaZu

Die Unregelmässigkeiten um die Datenbank des Bundesamts für Umwelt (Bafu) erinnern an den aktuellen Seco-Skandal. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen den ehemaligen Informatikchef des Bafu. Er soll bei zwei Firmen Programme bestellt haben, für die es keinen Bedarf gab. Das Projekt wurde vor einem Jahr gestoppt, mehr als sechs Millionen Franken müssen abgeschrieben werden.

ISS

Die Bundesanwaltschaft kaufte 2010 für 18 Millionen Franken ein Abhörsystem für die Überwachung von Internet und Telekommunikation. Doch der Hersteller brachte das ISS (Interception System Schweiz) nie zum Funktionieren. Im letzten Herbst brach der Bundesrat die Übung ab. Ende 2013 bestellte er bei der Firma Verint eine Neuversion des Vorgängersystems LIS. Das Unternehmen hat laut Medienberichten Kontakt zur NSA und zum israelischen Geheimdienst.

ch.ch

Der Bund hatte grosse Pläne. Auf der Website ch.ch wollte er einen virtuellen Amtsschalter einrichten, unter Beteiligung der Kantone. Der Start war auf Ende 2001 vorgesehen, doch die Integration der verschiedenen Systeme erwies sich als unmöglich. 2005 wurde das Projekt nach Investitionen von 18 Millionen Franken gestoppt. Heute ist ch.ch eine reine Informationsplattform.

A man votes electronically, pictured on Febraury 5, 2008 in Winterthur in the canton of Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Ein Mann stimmt per E-Voting ab, aufgenommen am 5. Februar 2008 in Winterthur im Kanton Zuerich. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Beim E-Voting wurde eine Sicherheitslücke entdeckt. Bild: KEYSTONE

E-Voting

Auslandschweizer sollen bei den Eidgenössischen Wahlen 2015 über das Internet abstimmen können. So lautet das Ziel des Bundesrats. Im Sommer 2013 jedoch enthüllte ein Hacker eine Sicherheitslücke im Genfer E-Voting-System. Uri und Obwalden stiegen danach aus dem Projekt aus. Vier junge Nationalräte aus verschiedenen Parteien fordern einen Übungsabbruch, bis sichere Programme existieren.

Die Probleme mit Informatikprojekten betreffen nicht nur den Bund. Vor einem Jahr stoppte der Kanton Zug die Einführung einer neuen Software für die Einwohnerkontrolle. Das Projekt hatte bis zu jenem Zeitpunkt 2,8 Millionen Franken gekostet. Experten bezweifeln zudem, dass es in der Privatwirtschaft zu weniger IT-Debakeln kommt als beim Staat. Doch aus Imagegründen werden diese kaum je kommuniziert. 

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • papparazzi 01.02.2014 11:56
    Highlight Highlight Nun, was soll man denn zu so vielen Pleiten und Pannen sagen? Zum Glück muss der Bund die in den Sand gesetzten Millionenbeträge den Steuerzahlern nicht zurück erstatten:-)

    Ich denke, die Früchte oder Resultate sprechen für sich.

    Das Problem ist doch oft auch, dass die Zuständigen beim Bund oder in der Politik nicht wirklich eine Ahnung von IT haben und dann grosszügig unter der Hand Aufträge vergeben oder allenfalls noch Bekannte aus der Branche mit ihren Unternehmen begünstigen.

    Seit den Lobbyaktivitäten und entsprechenden Berichten im und über das Bundeshaus sollten wir ja schon lange Bescheid wissen! Siehe auch das geniale Buch von Viktor Parma
    "Machtgier / Wer die Schweiz wirklich regiert".

    Man sollte im Bereich Fachwissen innerhalb des bürokratischen Systems des Bundes dringend fachkompetente Spezialisten für den Bund einstellen! Verwaltung ist nicht alles! Immer mehr sind Beurteilungsvermögen und Fachkompetenz notwendig!

    Die Spezialisten, welche für den Bund arbeiten, können dann bei Entscheidungen für Millionenaufträge ebenfalls mitbestimmen und dementsprechend kompetent begründen.

    Im Sinne der Steuerzahler, die nicht nur von den Banken über den Tisch gezogen wurden, sondern auch schon von einigen IT- Unternehmen, welche schnelles Steuergeld schätzen.
  • idea888 01.02.2014 05:00
    Highlight Highlight Darf die Liste erweitert werden?

    MERLIN

    Das ehem. Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT vergab mehrere 100'000 Sfr. an einen ehemaligen Mitarbeiter ohne IT Leistungsausweis. Es hätte ein Eingabeportal für Forschungs- und Entwicklungsprojekte der KTI (Kommission für Technologie und Innovation) entstehen sollen.

    SNI-RSI

    Das Staatssekretariat für Bildung und Forschung (ehem. SBF, jetzt SBFI) vergab ca. 16 Mio. Sfr. für eine sog. Technologieplattform an vertraute Personen.

    Es gibt wohl Gremien, die die Bundesbehörden beraten. Aber sie sind erstens voll von Beratern und Interessensverbänden, die selber ihre Pfründe abholen wollen. Zweitens sind sie keine Rechtskörperschaft. Wer Gegensteuer gibt, wird nicht mehr eingeladen.
  • metall 31.01.2014 16:59
    Highlight Highlight "Ich bin auch Sotschi"
  • elivi 31.01.2014 15:25
    Highlight Highlight die privatwirtschaft mag das besser verschleiern, aber die privatwirtschaft wartet auch nicht bis über 100mio ausgegeben wurde um ein projekt in den sand zu setzen .... finde es schlampig wie mit der kostenkontrolle bei IT Projekten beim Bund umgegangen wird. All die projekte sind notwendig für ein rechtes e-governance. Die schweiz ist praktisch noch im mittelalter was das anbelangt und wird es noch für lange zeit so bleiben ...
    • Patrick Vollmer 01.02.2014 10:40
      Highlight Highlight Da hast du recht. Mittelalter. Eindeutig.

Offen gesagt

«Liebe Frau Sommaruga, rechnen Sie nicht mit Nachsicht ...»

Am Freitag hat der Bundesrat halbkonsequente «Social Distancing»-Massnahmen verfügt. Um die sich ein Grossteil der Bevölkerung foutiert hat. Ein Fest für das Coronavirus.

Liebe Frau Sommaruga

Gemäss Ihrer am Freitag in vornehmeren Worten ausgegebenen Losung «#staythefuckhome» habe ich mich am Wochenende nicht in die Öffentlichkeit begeben. Ich habe allerdings einen kleinen Ausflug unternommen mit dem Auto. Ich hoffe, Sie sehen mir das nach.

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