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Uber oder der Untergang der Taxifahrer. bild: abandonedphotos, bearbeitung watson

Was für eine Gesellschaft wollen wir?

Die uberisierte Gesellschaft

Uber ist weit mehr als ein umstrittener Taxidienst. Uber ist eine neue Art, unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren. 



Das Wort ist mittlerweile von den Wirtschaftsseiten ins Feuilleton gewandert: Uberisierung. Darunter versteht man eine einfache Formel: Bestehende Güter und Dienstleistungen werden mit einer App versehen – und presto, schon ist die neue Unabhängigkeit geschaffen. 

Das gilt nicht bloss für den wirtschaftlichen Bereich, wo aus Angestellten unverhofft Unternehmer werden. Uber ist ein Synonym geworden für ein neues Lebensgefühl und für ein neues Verständnis von Gesellschaft.

Das Privatauto ist der logische Ausgangspunkt für die Uberisierung, schliesslich steht es die meiste Zeit ungenutzt in der Garage, und es ergibt tatsächlich Sinn, diese ungenutzte Ressource effizienter einzusetzen. Doch die Uber-Formel lässt sich auf fast alle Bereiche der Wirtschaft anwenden: Ob Journalistin oder Rechtsanwalt, ob Banker oder Sekretärin, alles kann heute uberisiert werden – und wird es teilweise schon. Eine neue Schicht von Dienstleistungspersonal ist am Entstehen, Menschen, die für andere einkaufen, in der Schlange stehen, oder eben Taxi fahren. 

Keine Sozialleistungen, keine Ferien, kein Büro

Die Uberisierung stellt unsere traditionelle Vorstellung von der Arbeitswelt auf den Kopf. Wenn jeder sein eigener Unternehmer wird, werden geregelte Arbeitszeiten, ein eigener Arbeitsplatz oder gar ein eigenes Büro, Sozialleistungen und Schutz vor Krankheit und Unfall zu Auslaufmodellen. 

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Gehört ein geschützter Arbeitsplatz bald der Vergangenheit an? gif: giphy

Der uberisierte Mensch hat auch keine Ferienansprüche, braucht keine Infrastruktur, ist in keiner Gewerkschaft organisiert und bis zur Schmerzgrenze flexibel. Margaret Thatcher bekommt endlich Recht. Uberisierung heisst auch: Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen.

Der Bürger-Adel hat kein blaues Blut

«Arbeit adelt» lautete einst das Motto des Bürgertums im Kampf gegen den Feudalismus. Die Vorstellung von «Beruf» ist typisch für die aufstrebende, kapitalistische Gesellschaft. In vielen anderen Kulturen würde sie Unverständnis oder gar Spott auslösen. Ein Aristokrat etwa macht sich die Hände nicht schmutzig, deshalb hat er auch «blaues Blut» in den Adern. (Der Ausdruck stammt davon, dass man bei sauberen Händen stets die Venen sieht, wo das Blut einen Stich ins Blaue hat.) 

Der Begriff «Beruf» stammt aus dem religiösen Bereich und wurde von Luther in die deutsche Sprache eingeführt. Luther leitet Beruf von Berufung ab. Er versteht darunter die Hinwendung zur Welt, als Gegensatz zur mönchischen Lebensführung, die sich nur auf das Jenseits bezieht. Selbstdisziplin und ein geregelter Tagesablauf sind für den gläubigen Protestanten wie für den Mönch von grosser Bedeutung. Das zeigt der Soziologe Max Weber in seiner legendären Schrift «Die protestantische Ethik» auf. 

ARCHIV - Die undatierte und nachcolorierte Aufnahme aus dem AKG-Archiv zeigt den Volkswirtschaftler und Soziologen Max Weber als Professor in Heidelberg - Foto, 1918 (E. Gottmann, Heidelberg). Spätere Kolorierung. Foto: AKG-Images/dpa ACHTUNG: Bild darf nur redaktionell verwendet werden! (zu dpa

Der Soziologe Max Weber. Bild: APA akg

Der zum Berufs-Adligen gewordene Bürger treibt die neue Wirtschaftsordnung, die Marktwirtschaft voran. «Ein spezifisches bürgerliches Berufsethos war entstanden», stellt Weber fest. «Mit dem Bewusstsein, in Gottes voller Gnaden zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden, vermochte der bürgerliche Unternehmer (...) seinen Erwerbsinteressen zu folgen und sollte dies tun.» 

In Krisen mussten die überzähligen Erwerbstätigen auswandern

Der junge Kapitalismus war erfolgreich, aber krisenanfällig. Zunächst war es noch möglich, in Rezessionen die überfälligen Arbeitskräfte in die «leeren Kontinente» USA und Australien abzuschieben. Das wurde immer schwieriger. Mit fortschreitender Industrialisierung wuchs zudem auch das Selbstbewusstsein der Arbeiter. Sie begannen, sich in Gewerkschaften und sozialistischen Parteien zu organisieren. 

Um soziale Unruhen oder gar Revolutionen zu verhindern, begann in Deutschland schon der «eiserne Kanzler» Otto von Bismarck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, eine minimale Altersvorsorge für alle aufzubauen. Der moderne Sozialstaat entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Angst vor dem realen Kommunismus der UdSSR und der Respekt vor dem hohen Blutzoll machten es möglich, dass soziale Leistungen und Krankenkasse genauso selbstverständlich wurden wie steigende Löhne und kürzere Arbeitszeiten. 

Wie der Boden für die Ubergesellschaft vorbereitet wurde

In den 30 goldenen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte im Westen weitgehend Vollbeschäftigung. Ein anschwellender Mittelstand mit steigender Kaufkraft hielt die Wirtschaft in Schwung und sorgte für sozialen Frieden. Seit dem Fall der Berliner Mauer ist die Gefahr des Kommunismus gebannt. Gleichzeitig haben die Jahrzehnte des Neoliberalismus und Shareholder Value das soziale Kapital schmelzen lassen. 

All dies hat den Boden für eine Ubersierung vorbereitet. Der Sozialstaat ist in Verruf geraten. Unterschichtsfernsehen und Boulevardpresse berichten täglich von Sozial-Schmarotzern, Ökonomen warnen davor, dass der Sozialstaat unbezahlbar geworden sei. Der Nachtwächterstaat aus dem 19. Jahrhundert feiert ein Comeback.

A Samsung Galaxy S5 with an open Zalando web page is pictured in front of a Zalando logo and graph in this illustration taken in Sarajevo, September 9, 2014. Shares in Europe's biggest online fashion retailer Zalando started trading on the Frankfurt exchange on Wednesday, in one of Germany's biggest technology flotations in years. The Berlin-based company which began in 2008 by selling shoes in Germany, now ships 1,500 brands to customers in 15 countries.  Picture taken September 9. REUTERS/Dado Ruvic (BOSNIA AND HERZEGOVINA)

Sinnbild der Ubergesellschaft: Der Online-Discounter Zalando. Bild: DADO RUVIC/REUTERS

Weg in die Knechtschaft?

Friedrich von Hayek, der geistige Vater des Neoliberalismus, hat in seinem bekanntesten Werk den Sozialstaat als «Weg in die Knechtschaft» bezeichnet. Die Ubergesellschaft erscheint als das moderne Gegenmodell mit einem verlockenden Versprechen. Es lautet: Mithilfe moderner IT kann jeder Mensch ein Unternehmer sein. Der Sozialstaat wird überflüssig, jeder ist der Schmied seines eigenen Glücks.

Dumm bloss, dass die Realität nicht mitspielt. Ausgerechnet die Länder mit der sozialsten Marktwirtschaft haben die Krise am besten bewältigt. Länder wie Dänemark, Schweden, Deutschland und – ja, auch die Schweiz

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    Alle Leser-Kommentare
  • Wolfgangschweizer 26.12.2014 20:22
    Highlight Highlight Die Uberisierung gab es schon zu Zeiten der Jäger und Sammler. Wenn der Jäger ein paar Pilze zu seinem Rehbraten wollte, musste er ein Stück des Rehs an den Sammler abgeben. Jeder einzelne versilberte seine persönliche Fähigkeiten. Eine schwere Zukunft für diejenige die nur Fähigkeiten besitzen die für andere uninteressant und nicht handelsmöglich sind.
  • Rolandsky 26.12.2014 10:26
    Highlight Highlight Dieser Artikel ist ein Widerspruch in sich selbst. Am Schluss steht die Aussage, dass es den Sozialstaaten Deutschland, Schweiz und Skandinaviens am besten gehe. Am wenigsten Arbeitslose, am wenigsten Verschuldung, am wenigsten Rezession. Am meisten Wirtschaftswachstum, am meisten Produktivität. Am meisten bürgerliche Aristokraten. Am Grundsatz des Neoliberalismus rüttelt der Sozialstaat nicht. Der Sozialstaat ist doch nur der Nothelfer dieser Hegemonie. Gramsci lässt grüssen. Ich würde mich freuen von Philipp Löpfe mal einen wirklich revolutionären Artikel zu lesen.
  • Migu Schweiz 25.12.2014 16:17
    Highlight Highlight In diesem Sinne könnte man die Ubergesellschaft noch besser als Cybergesellschaft bezeichmen.
    Schöne Cybernachten mitenand.
  • Jol Bear 25.12.2014 14:55
    Highlight Highlight Uber ist nichts anderes als eine Möglichkeit, Ressourcen effizienter zu nutzen, ähnlich, wie Nachbarn gemeinsam eine Zeitung abonnieren, Landwirte teure Maschinen überbetrieblich anschaffen und benutzen oder über einen "Maschinenring" bei Bedarf vermitteln, eine Bibliothek, die Bücher verleiht usw. (Stichwort Sharing Economy). Weil heute die meisten Leute ständig online sind, tun sich dafür neue, äusserst vielfältige Möglichkeiten auf. Dieser Trend steht erst am Anfang, die geltenden Gesetzgebung zu Arbeitsrecht, Sozialleistungen usw. sind zur Zeit lediglich nicht darauf vorbereitet, können noch nicht damit umgehen. Man kann dieses Neue nun ablehnen, schwarzmalen, aus Angst vor dem Ungewissen oder aus Konservatismus, wie es oft zu beobachten ist. Der andere Weg ist es, Neues anzunehmen, die neuen Möglichkeiten moderner Technologien als Herausforderung zu positiven Entwicklungen anzusehen und aktiv zu entwickeln.
  • Lightning makes you Impotent (LMYI) 25.12.2014 12:59
    Highlight Highlight Ich bin mir nicht sicher, in wie weit man Uber für diese Entwicklungen Verantwortlich machen kann. Dafür gibt es andere Webseiten und Arbeitsmodelle. Alles was man nicht unbedingt hier erledigen muss oder sich effizienter organisieren lässt, wird dies früher oder später spüren. Die Taxibranche wird auf die neue Herausforderung durch Uber reagieren. Aber das Problem der Branche ist doch, dass wir Fahrgäste überholte Strukturen zu bezahlen haben. Würden die Taxis fahren anstatt zu warten, würden Sie mehr verdienen.
  • sober 25.12.2014 12:51
    Highlight Highlight Byung-Chul Han schreibt hierzu unglaublich akkurat in seinem Buch 'Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Machtechnicken' und erklärt wie sich diese Dynamik gesellschaftlich und in unser aller Köpfen fortschreitet. Noch nie eine solch durchdringende Gegenwartsanalyse gelesen.
  • stadtzuercher 25.12.2014 12:17
    Highlight Highlight Was in der ersten Welt als Uberisierung bezeichnet wird, gibts in der dritten Welt seit mehreren Jahrzehnten: Die Informelle Wirtschaft, Schattenwirtschaft. Längst hat man jedoch erkannt, dass die informelle Wirtschaft und die globale Wirtschaft zusammengehören (erstere fertigt in Sweatshops Jeans für die globalen Brands). Die Ich-AG ohne Schutz gegen Wirtschaftskrisen, ohne Kündigungsfristen, ohne Sozialversicherungen. Steuern bezahlt weder die globale Firma noch der Kleinunternehmer. Wer also die Zukunft der Uberisierung sehen möchte, der findet sie in den Slums der dritten Welt.
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 26.12.2014 09:03
      Highlight Highlight Interessante Betrachtungsweise.
  • Bowell 25.12.2014 12:10
    Highlight Highlight Ich weiss nicht, aber Uber ist mir so unsympathisch, dass ich lieber das Dreifache für ein richtiges Taxi zahle.
    • paudi 25.12.2014 22:42
      Highlight Highlight Ich mutmasse, dass du Uber selber noch nie benutzt hast?
    • Bowell 25.12.2014 23:30
      Highlight Highlight Mutmasse weiter.

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