«Resident Evil Requiem»: Leiser und lauter Horror in einem
«Resident Evil 7» hat der Horror-Reihe neue Impulse verschafft und sich mit einem ganz besonderen Schauplatz ins Langzeitgedächtnis geschoben. Teil 8 überraschte mit einem Vampir-Setting und allerlei Fabelwesen, die so gar nicht ins Resi-Universum passen wollten. Dennoch blieb auch «Village» in der Erinnerung, weil es besonders mutig war und die Reihe inszenatorisch nochmals einen Schritt nach vorn brachte. Da war der Fan im Vorfeld also besonders gespannt, was denn nun der jüngste Streich mit dem Zombie-Kosmos anfangen würde.
Zurück in die Vergangenheit
Die Geschichte beginnt mit einer investigativen Ermittlung: FBI-Analytikerin Grace Ashcroft wird alleine in ein verlassenes, heruntergekommenes Hotel geschickt, um dort auf Spurensuche zu gehen. Eine Leiche weist seltsame Merkmale auf, die in den letzten Tagen auch bei anderen Todesopfern aufgefallen sind.
Die Indizien weisen darauf hin, dass alle Leichen einst Überlebende der Apokalypse in Raccoon City waren, wo Ende der 90er ein Zombievirus ausbrach, ein atomarer Angriff durch die Regierung für Ordnung sorgte und fast die gesamte Stadt vom Erdboden wegfegte.
Agenten im Einsatz
Grace hat im Hotel sichtlich Mühe und wird von Panikattacken begleitet. Kein Wunder, denn vor Jahren musste sie hier mitansehen, wie in diesem einen Gebäude ihre Mutter ermordet wurde. Ein Zufall, dass die junge FBI-Agentin nun wieder hier ist? Wohl kaum, denn im Schatten lauert der irre und sichtlich entstellte Wissenschaftler Dr. Victor Gideon, der aus Gründen Jagd auf sie macht.
Parallel macht sich auch Special-Agent Leon S. Kennedy, ebenfalls aus Gründen, auf den Weg zum alten Gemäuer, wo die beiden dann durch Verstrickungen schliesslich in einem riesigen Sanatorium landen. Es beginnt ein intensiver Horror-Trip, der uns schaurig schöne Monster und klassische Zombies kredenzt und uns an vertraute Orte schickt, wo das Fanherz höher schlägt.
Zwischen Action und Überlebenskampf
Auf unserer Reise wechseln wir regelmässig zwischen den beiden Figuren hin und her. In der Grundeinstellung steuern wir Grace via Ego-Perspektive durch dunkle Gänge, während Leon in der Thirdperson-Perspektive diverse Zombies mit Blei vollpumpt. Wer möchte, kann jederzeit zwischen den Perspektiven frei wechseln, stellt sich aber damit gegen den Grundgedanken vom Entwicklerteam Capcom.
Die Abschnitte mit Grace wollen eine pure Survival-Horror-Atmosphäre vermitteln. Grace kann sich kaum wehren, muss auf Schleichen und Ausweichen setzen und immer mit viel Taktik voranschreiten, um Zombies und anderen Kreaturen auszuweichen und auch mal seichte Rätsel zu lösen. Durch ihre Ego-Perspektive wird zusätzliche Immersion geschenkt und die Angst ordentlich verstärkt.
Leon dagegen ist bis an die Zähne bewaffnet, ballert alle Untote geschmeidig weg, wechselt regelmässig seine Handfeuerwaffen, haut auch mal mit einem Beil um sich und geht via Nahkampf auf die Meute los. Es spritzt Blut, Gliedmassen werden abgetrennt, Wände eingesaut und wenn auch mal eine Kettensäge gebraucht werden darf, geht die Gaudi erst so richtig los.
Dazu kommt immer wieder ein lockerer Spruch über seine Lippen, wo bei uns Resi-Fans einfach nur das Herz aufgeht. Nein, Leon hat im Vergleich zu Grace gar keine Angst, denn der Typ hat in diesem Kosmos schon so viel Abartiges erlebt, dass ihn so gar nichts mehr schocken kann.
Eine abstruse Welt
Diese Balance zwischen Horror-Action und Survival-Horror funktioniert überraschend gut. Immer wieder ist da die Vorfreude auf den nächsten Abschnitt vorhanden. Erst schleichen und bibbern, dann wieder schonungslos ballern und umgekehrt. Dazwischen bekommen wir sauschöne Zwischensequenzen spendiert, werden immer mehr in die abstruse, total verwirrende Welt von «Resident Evil» gezogen und lassen das einfach alles ohne nachzudenken mit uns geschehen.
Auch wenn dieser neunte Teil storytechnisch sehr stringent daher kommt und riesige Überraschungen ausbleiben, wird hier doch auch wieder allerhand Abgefahrenes und viel Trash präsentiert. Bei aller inszenatorischen Liebe verzichtet «Requiem» aber darauf, etwas wirklich Neues zu präsentieren und kommt streckenweise ziemlich mutlos daher.
Langweiliger Bösewicht im Ledermantel
Etwas mutlos und auch langweilig wirkt der Bösewicht. Auch wenn sein schauriges Design total überzeugt, bleibt er blass, mimt den gewöhnlichen Anarchisten im Ledermantel und hat die üblichen Motive, die ein Superschurke halt haben muss, damit er als Gegenpart funktioniert. Da gab es im Resi-Kosmos schon viel interessantere Antagonisten. Immerhin gibt es dann in Sachen Gegenpart im Verlaufe der Geschichte noch ein paar nette Überraschungen, die uns zwar verwirren, aber auch irgendwie versöhnlich stimmen.
Mit der grossen Nostalgie-Keule
«Requiem» bietet zwei wirklich grossartige Schauplätze, wo der Fan jeden einzelnen Raum und jeden verwinkelten Gang ganz genau aufsaugt: Das Sanatorium bietet zwar architektonisch und auch spielmechanisch so gar nichts Neues, weiss aber, wie es sich inszenieren muss, damit uns dieses riesige Herrenhaus in Erinnerung bleiben wird.
Und dann ist da noch dieses eine Gebäude aus dem legendären zweiten Teil, wo wir zurückkehren dürfen. Schon nur, wenn wir durch die Tür schreiten und diese eine Musik ertönt, läuft ein Schauder über den Rücken. In den nächsten Minuten packt Capcom die ganz grosse Nostalgie-Keule aus und macht einfach nur glücklich. Es folgen ganz viele Anspielungen und Eastereggs, mit denen man jetzt wirklich nicht gerechnet hat.
Das lieben wir einfach über alles
Das Entwicklerteam von Capcom wusste ganz genau, wie es die knallharten Fans der ersten Stunde mit diesem jüngsten Streich abholt. «Requiem» geht weit zurück in die Resi-Mythologie, bringt viele bekannte Figuren und Gegner zurück und kitzelt auch mit dem unterschwelligen Horror-Soundtrack unsere Gefühle von damals.
Objektiv betrachtet haben sie es sich zu einfach gemacht, subjektiv betrachtet lieben wir das alles aber halt auch abgöttisch. Da verzeiht man sogar, dass die Figur Grace ein paar nicht nachvollziehbare Entscheidungen trifft, «Requiem» wohl die grössten Story-Löcher aller Resi-Zeiten besitzt und es sogar zwei verschiedene Enden nach ca. zwölf Stunden Spielzeit gibt, wo das eine viel zu abrupt kommt und hinten und vorne gar keinen Sinn macht. Aber hey, es ist «Resident Evil» und darum gerade lieben wir diese Spielreihe schon seit Jahrzehnten so sehr und innig.
Das war sehr schön, aber...
Fazit: «Resident Evil Requiem» hat viele starke Horror-Momente, die mit zwei unterschiedlichen Spielfiguren erlebt werden können. Einige Szenarien und Schauplätze werden definitiv noch lange im Gedächtnis bleiben und die grosse Nostalgie-Dosis macht Fans der ersten Stunde besonders froh. Die Mixtur aus klassischer Zombie-Action und gruseligem Survival-Horror funktioniert tadellos und sorgt für eine wohlige Abwechslung.
Auch wenn «Requiem» als Videospiel bestens funktioniert und einwandfrei unterhalten kann, vermisst man dann doch wagemutige Entscheidungen, die die Reihe nach vorn bringen. Capcom hat sich mit diesem jüngsten Titel nun ordentlich ausgetobt und ganz viel Fan-Service ausgekippt. Das war sehr schön, doch beim nächsten Mal darf es dann wieder etwas innovativer werden.
«Resident Evil Requiem» ist erhältlich für Playstation 5, Xbox Series X/S, Nintendo Switch 2 und PC. Freigegeben ab 18 Jahren.
