«Dank Bitcoin sparen diese Leute zum ersten Mal»
Herr Huersch, wie oft checken Sie den Bitcoinpreis?
Markus Huersch: Nicht mehr täglich. Früher, als es wild auf- und abging, konnte es sein, dass ich vier-, fünfmal täglich nachschaute. Heute bin ich ruhiger.
Ist die Ruhe denn angebracht? Am Wochenende sind der Gold-, der Silber- und der Bitcoin-Kurs massiv eingebrochen.
Der massive Abverkauf von Gold, Silber und Bitcoin zeigt, wie gross die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist. Dass Bitcoin davon ebenfalls betroffen ist, überrascht mich nicht. Im Vergleich hat es sich sogar stabiler gehalten, was auch damit zu tun hat, dass Bitcoin nach wie vor ein sehr kleines Asset ist und nur rund ein Prozent der globalen Geldmenge ausmacht. Solche Rückschläge hat Bitcoin in seiner rund 17-jährigen Geschichte mehrfach erlebt – teilweise deutlich stärker als jetzt. Für mich entscheidend ist: Das Netzwerk funktioniert weiter einwandfrei und ist langfristig immer gestärkt aus solchen Krisen hervorgegangen. Wer sich mit Bitcoin auseinandersetzt, ärgert sich in solchen Momenten vielleicht. Aber Sorgen machen muss man sich keine. Im Gegenteil, jetzt ist ein guter Moment, um Bitcoin zu kaufen … aber Bitcoin ist für mich weit mehr als einfach nur ein Kurs. Mir geht es vor allem um die Werte in diesem freien Geldsystem.
Welche Werte meinen Sie?
Sie wiederholen Argumente, die ich schon oft gehört habe. Das tönt alles nett und gut – aber auch nach viel Theorie.
Deshalb habe ich ja jetzt ein Buch geschrieben, das die praktische Seite von Bitcoin aufzeigt. Es sind 16 Porträts von Menschen, die Bitcoin mit positiven Effekten in ihr Leben integrierten.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Da wären beispielsweise zwei junge Menschen aus Südafrika, die sich so gegen die Entwertung des Rand absichern. Aus verschiedenen Gründen haben viele Afrikaner keinen Zugang zu einem Bankkonto – und die Gebühren sind enorm. Bitcoin und das Lightning-Netzwerk ermöglichen diesen Leuten Zugang zu einem Geldsystem. Dank Bitcoin können sie ein Business aufziehen. Dank Bitcoin sparen diese Leute zum ersten Mal in ihrem Leben. Aus Angst vor Wertzerfall gaben sie früher sämtliches Geld immer möglichst schnell aus.
Wie kann man mit Bitcoin sparen, wenn die Digitalwährung an einem Wochenende 20 Prozent an Wert verliert?
Kurzfristige Schwankungen sind für niemanden angenehm. Die Menschen in Südafrika benötigen Bitcoin primär als Zahlungsmittel im Alltag, das sie rasch wechseln, wenn sie es brauchen. Gespart wird nur mit dem Teil, der tatsächlich langfristig zurückgelegt werden kann. In diesem Zeithorizont verlieren kurzfristige Kursbewegungen an Bedeutung. Entscheidend ist der Vergleich zur Landeswährung: Der südafrikanische Rand verliert laufend an Kaufkraft, nicht punktuell, sondern dauerhaft. Bitcoin schwankt zwar, entwertet sich aber nicht systematisch. Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt – Bargeld ist riskant, Bankzugang teuer oder gar nicht vorhanden. Bitcoin bietet hier erstmals eine sichere Möglichkeit, Werte aufzubewahren.
Können Sie mir ein weiteres Beispiel nennen?
Da wäre der Virunga-Nationalpark im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Wegen Corona blieben die Touristen und damit die Einnahmen aus. Was es dort aber zuhauf gab: Wasserkraft. Der Nationalpark begann mit dem Mining von Bitcoin und konnte sich damit nicht nur über Wasser halten, sondern sogar die Infrastruktur ausbauen.
In Europa sieht die Situation anders aus. Macht hier Bitcoin Sinn?
Sicher. Wie der Unternehmer Kristian Kläger aus Deutschland zeigt. Er erbte mit 26 Jahren drei Firmen. Als ihm die Stromverträge dafür gekündigt wurden, musste er selbst aktiv werden. Er baute Solaranlagen und nutzt nun den Energieüberschuss, um Bitcoin zu minen. Daraus ist wiederum eine Firma entstanden, die darauf spezialisiert ist, den Kreislauf von Energieproduktion, Mining und Wärmenutzung möglichst effizient zu nutzen. In Finnland wird beispielsweise mit der Abwärme vom Bitcoin-Mining eine ganze Stadt (12'000 Einwohner) beheizt.
Stichwort Energie: Bitcoin verschlingt Unmengen davon. Ein Vorwurf, der nie verhallt.
Um erfolgreich Bitcoin zu schürfen, muss die Energie günstig sein. Die günstigste Energie ist nun mal die erneuerbare. Deshalb kommen schon heute etwa 70 Prozent des Systems von Erneuerbaren. Ich kenne keine Studie, die belegt, wie viel Strom alle Banken dieser Welt benutzen – und wie viel Energie das Schürfen von Gold benötigt.
Wenn wir schon bei den Vorwürfen sind: US-Präsident Trump nutzt sein Kryptounternehmen offen korrupt. Darunter leidet das Image von Bitcoin.
Krypto ist nicht Bitcoin. Grundsätzlich äussere ich mich politisch nicht. Regierungen kommen und gehen. Bitcoin bleibt.
Aber wenn Donald Trump sein Kryptounternehmen dazu nutzt, sich zu bereichern – ist das für Sie kein Problem?
Ich befürworte das natürlich nicht. Aber Bitcoin ist nicht politisch. Bitcoin bekommt eine politische Dimension, ja, aber das System selbst ist überhaupt nicht politisch – es braucht die Politik gar nicht. Bitcoin funktioniert ohne Staaten, ohne Banken, ohne Rücksicht auf die Gesinnung, rechts oder links oder was auch immer. Es bietet allen Zugang. Ihnen, mir, aber halt auch Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping ... es funktioniert seit 17 Jahren ununterbrochen – und das finde ich wichtig.
Bleiben tut auch der Vorwurf, dass das System vor allem von Kriminellen genutzt wird.
Man schätzt, dass ca. zwei bis fünf Prozent der Bargeldtransaktionen im Zusammenhang mit kriminellen Tätigkeiten erfolgen. Man weiss das aber nicht so genau. Bei Bitcoin kann man es messen. Es waren im Jahr 2022 0,34 Prozent. Bitcoin ist das denkbar schlechteste System für kriminelle Machenschaften – weil jede Transaktion zurückverfolgt werden kann.
Noch einmal zurück zu Ihrem Buch: Als Sie mich kontaktierten, war meine erste Reaktion: Gott, nicht noch ein Bitcoin-Buch. Wer soll Ihr Buch lesen?
Ich biete den Lesern einen emotionalen Zugang zu einem komplexen Thema an – gerade auch jenen, die keine Techniknerds oder Zahlenmenschen sind. In 16 sehr persönlichen Portraits erzählen meine Protagonisten, was Bitcoin in ihrem Leben bewirkt hat. Die Leserinnen und Leser bekommen dabei ganz nebenbei ein Gefühl dafür, wie dieses freie Geldsystem funktioniert. Mein Buch soll berühren, inspirieren und neue Perspektiven öffnen – ohne den Anspruch zu erheben, ein abschliessender Ratgeber zu sein.
Ich frage, weil sich das bei Bitcoin-Interviews mittlerweile als Running-Gag etabliert hat: Wie viel Wert wird ein Bitcoin in fünf Jahren haben?
Es gibt da ganz unterschiedliche Prognosen – und immer neue Theorien dazu … Ich denke im Jahr 2031 zwischen 250’000 und 500’000 Franken.
Mehr zu Markus Huerschs Buch «21 Good Reasons» findest du hier.
