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Wie YouTuber Drachenlord in den Knast kam – ein Drama in 5 Akten

Dieser Fall hat Deutschland in den letzten Tagen beschäftigt: YouTuber Drachenlord muss für zwei Jahre ins Gefängnis. Begonnen hat es damit, dass er einen seiner Hater verletzt hat. Doch davor wurde er bereits jahrelang gemobbt. Ist er Opfer oder Täter? Das ist die Geschichte von Rainer Winkler, dem Drachenlord, in 5 Akten.
28.10.2021, 09:0629.10.2021, 17:56

1. Akt: Der YouTube-Kanal

Am 11.8.2011 erstellt der damals 22-jährige Rainer Winkler ein YouTube-Profil und nennt sich Drachenlord. In der folgenden Zeit lädt er Videos hoch, in denen er über Metal-Musik spricht. Er streamt Videogames, die er kommentiert. Aufgewachsen ist Winkler in Altschauerberg, im Zentrum des Bundeslands Bayern, wo er noch immer in seinem Elternhaus wohnt. Alleine. Sein Vater ist bereits gestorben, über seine Mutter ist wenig bekannt. Er hat eine Schwester.

Nach seiner Schulzeit bestreitet er einige Jobs, dann schmeisst er alles hin, um sich auf seine YouTube-Karriere zu konzentrieren. Eine kurze Zeit geht alles gut, doch schon bald beginnen YouTube-User, sich über Rainer Winklers Videos lustig zu machen. In ihren Kommentaren lästern sie über Winklers Gewicht, seinen fränkischen Dialekt und über Aussagen, die er in seinen Videos macht.

Rainer Winkler am 21.10.21 im Gericht: angeklagt wegen Körperverletzung,
Rainer Winkler am 21.10.21 im Gericht: angeklagt wegen Körperverletzung,Bild: keystone

Was Winkler dann macht, wird ihm jetzt zur Last gelegt: Er reagiert darauf. Intensiv geht er auf die kritischen Stimmen ein, wehrt sich und schlägt zurück. Dies wiederum befeuert die Hater, noch mehr beleidigende Kommentare zu hinterlassen, worauf Winkler wieder verbal zurückbeisst. So nimmt die Tragödie seinen Lauf und die Gemeinde von Anti-Fans wächst. Sie beginnen sogar damit, sich selbst als «Haider» zu bezeichnen. Damit machen sie sich darüber lustig, wie Winkler mit seinem Akzent das englische Wort «hater» ausspricht.

2. Akt: Die «Haider»

Es dauert nicht lange, bis Winkler zu einem der meistgehassten YouTuber Deutschlands wird und seine Anhängerschaft fast ausschliesslich aus «Haidern» besteht – zum jetzigen Zeitpunkt haben ihn über 160'000 Menschen auf YouTube abonniert. Paradoxerweise sind sie es, die sein Leben finanzieren, indem sie auf seine Videos klicken. Angenehmer wird das Leben für Winkler deswegen nicht – im Gegenteil. Der Ton in den Kommentarspalten wird zunehmend aggressiver, Winkler lässt sich provozieren und gibt teilweise unüberlegte Antworten, für die er noch mehr gemobbt wird.

2014 eskaliert die Situation schliesslich. Nachdem seine Schwester von einem anonymen Anrufer bedroht worden ist, rastet Winkler aus. Er veröffentlicht ein Video, in dem er seinem Ärger Luft macht und die Hater beschimpft. Sie sollen doch einmal bei ihm vorbeikommen, dann würden sie eins auf die Fresse bekommen. Dann schreit er seine Adresse in die Kamera und begeht damit einen schwerwiegenden Fehler. In diesem Moment öffnete er dem virtuellen Hass Tür und Tor in seine Realität abseits des Bildschirms.

3. Akt: Die Invasion

Mit der Preisgabe seiner Adresse schwappt der Hass vom Netz urplötzlich in Winklers bescheidenes 40-Seelen-Dorf. Nebst harmlosen Besuchenden, die Autogramme und Poster wollen, kommen vor allem die hartgesottenen Hater, um Winkler zu beleidigen und zu beschimpfen.

Ausgerüstet mit laufenden Handykameras machen sie es sich zum Sport, Winkler zu provozieren, um seine Reaktionen danach ins Netz zu stellen. Die Videos werden nicht irgendwo hochgeladen, nein, es gibt einen eigens dafür erstellten Blog, wo sich die selbsternannte Drachen-Community tummelt.

So beispielsweise auch dieses: Angetrunken vom Christkindlmarkt tauchen zwei Medizinstudenten vor Winklers Haus auf. Es kommt zu einem Wortgefecht, wobei Winkler vom Fenster aus droht, nach unten zu kommen. Selbstverständlich ist es genau das, was die beiden Studenten wollen. Das und mehr: «Wir bringen ihn in den Knast», sagt einer der beiden voller Vorfreude, während er die Kamera ein letztes Mal überprüft. Ihr Vorhaben ist erfolgreich: Winkler kommt raus und sie provozieren ihn gezielt bis er den einen stösst, womit er sich eine Anklage wegen Körperverletzung einhandelt.

Doch das ist noch längst nicht alles: Ständig bekommt Winkler Dinge zugeschickt, die er nicht bestellt hat. Dies reicht von Spielzeug über Elektro-Artikel bis hin zu getragenen Socken und Schweine-Innereien. Er wird auch «geswattet», mit einem Fehlalarm hetzt ihm ein Hater eine Spezialeinheit der Polizei ins Haus. Am liebsten kommen die Hater aber immer noch vorbei. Bis zu 15 Mal täglich muss die Polizei zur «Drachenschanze» – wie Winklers Haus mittlerweile genannt wird – ausrücken. Winklers Strafregister wird immer länger. Im Juni 2019 wird er wegen schwerer Körperverletzung zu 7 Monaten auf Bewährung verurteilt. Ein Triumph für die Hater.

4. Akt: Das Quäl-Festival

Woher kommt dieser Hass? Wer zählt sich zu dieser Drachen-Community? Gegenüber dem Nachrichtenportal «nordbayer» erklärt ein Hater, weshalb er den Drachenlord hasst. Es nerve ihn vor allem dessen Ignoranz und Arroganz, sagt der 36-jährige Florian, der anonym bleiben will. Winkler nenne sich selbst das höchste Wesen, höher als Gott. In anderen Medien wird auch immer wieder auf Winklers frauenfeindliche und antisemitischen Aussagen verwiesen.

Aber wieso lassen sich die Hater so sehr davon provozieren? Weil er bewusst provoziere, ist sich Florian sicher. Das werde am deutlichsten bei seinen Pornhub-Videos. Dort habe Winkler einen eigenen Kanal, wo er vor laufender Kamera masturbiere. Ein Blick auf seinen YouTube-Kanal zeigt, dass Winkler tatsächlich einen Fokus auf Erotik setzt. Unter dem Titel «Lustlord» hat er eine YouTube-Video-Serie, in der er während einer Stunde alle möglichen Fragen zu Sexualität und Erotik beantwortet. Er habe selbst schon 7 Erotik-Geschichten geschrieben, sagt er in einem dieser Videos.

Das sei geschmacklos, findet Florian. Da müsse er sich hinterher nicht wundern, dass die meisten Reaktionen negativ ausfielen. Wieso schaut er die Videos denn überhaupt? Darauf antwortet Florian:

«Es ist wie bei einem Autounfall – man schwankt zwischen Faszination und Grauen, man will es gar nicht, aber schaut hin. Ähnlich ist es bei dem Drachen. Es ist eine Melange aus Kopfschütteln, Lachen und Fremdscham.»

Dann erwähnt er einen weiteren wichtigen Aspekt: die Community. Er sei auch bei dem sogenannten «Schanzenfest» im August 2018 dabei gewesen. Ein eigentliches «Haider-Festival», bei dem zwischen 600 und 800 Menschen vor Winklers Zuhause auftauchten, um sich gemeinsam einen Spass daraus zu machen, ihn zu beschimpfen. Für ihn war das aber auch einfach ein soziales Ereignis. Seit 2017 sei er Hater und mit Menschen aus ganz Deutschland in Kontakt. Diese wollte er dann einfach mal treffen.

5. Akt: Das Gericht

Vergangene Woche stand Winkler erneut vor Gericht, weil er gegen Bewährungsauflagen verstossen hatte. Das Urteil: zwei Jahre Gefängnisstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und anderer Straftaten. Der Fall schlug Wellen, ganz Deutschland berichtete über den Prozess, doch die Meinungen sind gespalten. Noch nie hätten sich eine deutsche Staatsanwältin und eine deutsche Richterin faktisch an die Spitze eines hochorganisierten Internetmobs gesetzt, schreibt Kolumnist Sascha Lobo im «Spiegel». Er sieht im Urteil ein «katastrophales Versagen von Justiz, Medien und Gesellschaft».

Für die Hater war der Prozess ein Ereignis. Bereits um 3.45 Uhr vor Prozessbeginn standen die ersten Menschen vor dem Eingang, um sich einen der begehrten Plätze zu ergattern, berichtet T-Online. Dann geht es los und es werden Zeugen und Zeuginnen vorgeladen, Videos gezeigt und diskutiert. Zudem wird ein Gutachten vorgelesen. Fazit: Bei Winkler liege eine verminderte Intelligenz und eine narzisstische Störung vor.

Die Richterin hat Bedenken, ihm noch einmal eine Strafe zur Bewährung zu geben. Sie trägt dem Drachenlord auf, Altschauerberg zu verlassen und keine YouTube-Videos mehr zu veröffentlichen. Das Haus hat er bereits verkauft, doch YouTube möchte er nicht aufgeben.

Er finde das Urteil ungerecht, sagt er deshalb gleich am Tag nach dem Gerichtsprozess in einem YouTube-Video. Er sei derjenige, der permanent angegriffen werde und unter psychischem Druck stehe. Das Gericht sprach ihm die Opfer-Rolle zwar zu, nannte ihn aber gleichzeitig auch einen Täter. Das sieht er nicht ein. Auch «Spiegel»-Kolumnist Lobo widerspricht dieser Beschreibung:

«Rainer Winkler, der ‹Drachenlord›, kann nichts dafür, dass Tausende ihn mit grösster Freude seit Jahren quälen, rund um die Uhr. Die schlichte Wahrheit ist, dass Winkler einfach nicht immer in der Lage ist, die ihm gestellten Fallen zu erkennen.»

Der Fall spaltet und bewegt die Gemüter. Und er geht noch weiter: Die Anklägerin forderte im Amtsgericht bereits zweieinhalb Jahre Freiheitsstrafe und auch Winklers Verteidiger hat Berufung eingelegt, wie gestern bekannt wurde. Ein Termin für das Berufungsverfahren steht aber noch nicht fest.

Während sich einige Hater über die Strafe freuen, denken andere viel egoistischer. T-Online zitiert einen anwesenden Hater, der in der letzten Reihe im Gericht sass: «Ich will nicht, dass er ins Gefängnis kommt, ich will, dass das Spiel weitergeht.»

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Video: watson
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