DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild: AP RIA Novosti
Kampf um die Krim

«Schwätzer Obama» gegen «Kraftmensch Putin»: Die neuen Bewunderer des russischen Präsidenten

Wladimir Putin spiele mit den USA und der EU Katz und Maus, spotten die Rechten. Dabei hat der Machtmensch im Kreml schlechte Karten.
11.03.2014, 07:24

Nüchtern betrachtet verletzt Wladimir Putin bei seinem Vorgehen auf der Halbinsel Krim das Völkerrecht aufs Gröbste. Vor der Presse lügt er schamlos und dreist, und seine Sorge um angeblich bedrohte Landesleute erinnert fatal an die Argumentation von Hitler.

Eigentlich müsste er damit bei allen Demokraten Empörung auslösen. Stattdessen stösst der russische Präsident vor allem im rechten Lager auf heimliche Bewunderung. 

«Obama und Biden joggen»

Hansrudolf Kamer, einst Auslandchef der NZZ und heute Kolumnist in der Weltwoche, kontrastiert Putin mit der Führungscrew im Weissen Haus. «Während Wladimir Wladimirowitsch Putin die Krim bedroht und im Osten der Ukraine Unruhe schürt, joggen Obama und Biden mit Hemd und Krawatte entspannt durch das Weisse Haus», stellt Kamer fest und schliesst daraus: «Ein Teil der Stärke von Russlands starkem Mann ist die Schwäche und unbekümmerte Borniertheit seiner Gegenspieler. Er weiss sie auszunützen. So ist er dabei, die zweite Runde im Kampf um die Ukraine zu gewinnen, nachdem der Westen nach der ersten vorschnell triumphiert hat.» 

Kamers Analyse schwimmt im Mainstream der US-Rechten. Auf Foxnews wird Obamas vermeintliche Schwäche täglich angeprangert. Beim US-Präsidenten sei «alles Geschwätz und keine Taten», lästert der bekannte Kommentator Bill O’Reilly, während Putin wisse, was er wolle und es sichtlich geniesse, den Westen vorzuführen.

Der neuerdings sehr konservativ gewordene Wirtschaftshistoriker und Harvard-Professor Niall Ferguson bezeichnet das Verhalten des US-Präsidenten in Anspielung an die Geldpolitik der US-Notenbank gar als «geopolitisches Tapering» und meint damit, dass Obama sich schrittweise aus seiner Verantwortung für die Sicherheit der Welt stiehlt. 

Bild: EPA

Köppels Bewunderung für den Kraftmenschen Putin

Weltwoche-Chef Roger Köppel hegt eine grenzenlose Bewunderung für den «asketischen Kraftmenschen Putin». Er schreibt: «Putin hat erstaunliche Leistungen erbracht, die im Westen zu wenig gewürdigt werden» und fährt fort: «Jedes Land hat seine Eigenheiten und seine Herausforderungen. Putin verkörpert für eine Mehrheit der Russen das, was sie sich unter einem für ihr Land geeigneten Staatsoberhaupt vorstellen.»

Das dürfte in den 1930er Jahren auch für Hitler und die Deutschen zugetroffen haben. Das kümmert Köppel nicht. Er fordert: «Bevor wir dies kritisieren, sollten wir uns die Mühe geben, es zu verstehen.»  

Rücksichtsloses Monster

Den Mann, den es zu verstehen gilt, schildert die russisch-amerikanische Journalistin Masha Gessen in ihrer vor rund zwei Jahren erschienen Putin-Biografie als rücksichtsloses Monster. Als führende liberale Stimme Russlands geniesst Gessen weltweit grosses Ansehen.

Sie beschreibt, wie Putin aus der Anonymität des KGB – wo er übrigens keine bedeutende Rolle spielte – zum mächtigsten Mann Russlands aufstieg. Er kannte dabei keine Skrupel. Dabei stellt Gessen unter anderem die These auf, wonach Putin die Anschläge auf Moskauer Wohnblöcke mit Dutzenden von Toten vom russischen Geheimdienst inszenieren liess, um damit die Invasion in Tschetschenien zu rechtfertigen. 

Bild: AP

Der peinliche Macho denkt rational

Putin liebt es, sich halbnackt auf Pferderücken oder beim Fischen fotografieren zu lassen. Man sollte sich von diesen lächerlichen Macho-Posen nicht in die Irre führen lassen. Andrei Illarionow, ein ehemaliger Berater und heutiger Kritiker von Putin, erklärt in der «Financial Times»: «Im Westen denken die Menschen gelegentlich, Putin sei irrational und ein bisschen verrückt. Tatsächlich ist er auf seine eigene Art sehr logisch und immer sehr gut vorbereitet.»

Stimmt es also, was die Rechten unentwegt postulieren? Spielt ein entschlossener Macho-Führer im Kreml mit dem Westen kaltblütig Katz und Maus? Das ist zumindest fraglich. Putin riskiert viel. Sein unverfrorenes Vorgehen hat bereits dazu geführt, dass die Menschen in der Ukraine sich gegen ihn zusammenschliessen.

Obama ist kein Schwätzer

Auch der Ton des Westens gegenüber Russland ist härter geworden. Barack Obama ist kein Schwätzer, wie ihn die Rechte wahrmachen will. Er hat nicht nur die US-Armee modernisiert wie kaum ein Präsident zuvor, er setzt diese High-Tech-Waffen wie etwa die Drohnen auch ein. 

«Mister Obama vermittelt zwar den Eindruck von nur Schwatzen und nicht Handeln», stellt Edward Luce in der «Financial Times» fest. «Aber hinter den Kulissen hat er mehr Machtmittel zur Verfügung als jeder Präsident vor ihm.» 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum dieser Bio-Bauer keine Angst vor der Trinkwasser-Initiative hat

Es brodelt in der Bio-Branche. Die Trinkwasser-Initiative spaltet die Gemüter. Der Berner Bio-Bauer ist enttäuscht über die Nein-Parole von Bio Suisse. Bei einem Rundgang über seinen Hof erzählt er von seiner Vision – und erklärt, warum er kein Nutella isst.

Durch die malerische Landschaft des Berner Seelands, vorbei an den typisch rund geschwungenen Dächern der Berner Bauernhäuser, durch die Gemeinde Grossaffoltern führt ein einsamer Weg auf den Hof von Markus Bucher. Er trägt den lieblichen Namen «Farnigasse». Und die Farnigasse gibt Buchers Reich seinen Namen. Das «Farngut» des Bio-Bauern ist umgeben von blühenden Apfelbäumen und frisch bepflanzten Knoblauch-Feldern. Es ist ruhig auf dem Hof. In der Ferne sind einige Feldarbeitende zu …

Artikel lesen
Link zum Artikel