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Achtung, zu viel Intimität! Amy Schumer und Bill Hader als Trash-Journalistin und Sportarzt.
Bild: AP/Universal Pictures
Filmfestival Locarno

Früher rauchte Amy Schumer Hasch in Interlaken – und wurde zum lustigsten Menschen der Welt

Die 34-jährige New Yorkerin feiert in Locarno mit ihrem ersten Film «Trainwreck» Europapremiere, und nicht nur Amerika liegt ihr zu Füssen. Wir nehmen das Phänomen unter die Lupe.
08.08.2015, 19:2609.08.2015, 14:52

Die Amerikaner sagen, dass man dieser Tage absolut machtlos sei gegen Amy Schumer. Dass sie wie eine unaufhaltsame Dampfwalze über das Unterhaltungs-Amerika fahre und alles bestimme: Comedy, Talkshows, Moderationen, Kinos, Kinoplakate, Red Carpets, Magazin-Cover. Und jetzt ist sie in Locarno. Mit ihrem ersten Film «Trainwreck» und mit ihrer Schwester. Aber wer ist Amy Schumer?

«Sie ist Komödiantin im ursprünglichsten Sinn, eine, die Unrecht mit gleichem Unrecht bekämpft: Sexismus und Respektlosigkeit mit Sexismus und Respektlosigkeit. Eine Art Homöopathin, allerdings eine, die ihre Kügelchen tonnenweise per Kriegsbomber herabwirft.»
Güzin Kar, Zürich, Drehbuchautorin, Filmemacherin, Kolumnistin. 

Zur Welt kommt sie 1981 in Manhattan, Vater jüdisch, Mutter protestantisch, Erziehung jüdisch. Der Vater ist Möbelhändler, die Familie wohlhabend, als Amy neun Jahre alt ist, geht das Geschäft bankrott, die Schumers verarmen, der Vater muss mit Multipler Sklerose viel zu jung ins Pflegeheim. Sein Cousin ist der New Yorker Senator Chuck Schumer, ein Demokrat, der zwar für Abtreibung und kontrollierten Waffenbesitz, aber gegen Obamas Atom-Deal ist. Chuck Schumer gilt als kamerasüchtig.

Amy hat zwei Geschwister, einen Bruder, der Musiker wird, und eine Schwester, die als Schulpsychologin arbeitet. Amy wird Komödiantin. Die Schwester, Kim Caramele, steigt aus ihrem Job aus und hilft Amy als Produzentin und Co-Autorin. Jetzt, am Samstagnachmittag, sitzen die beiden im Hotel Eden Roc in Ascona und halten für ein paar Stunden Hof.

Kim, wieso haben Sie Ihren alten Job geschmissen?
Kim: Ich hatte es so satt, Kindern zu helfen. Dann fragte mich Amy, ob ich sie beim Schreiben unterstütze, und ich dachte, okay, für ein paar Monate ...
Amy: ... das dachtest du ...
Kim: ... aber dann verliebte ich mich in die Arbeit. 
Amy: Und du magst Geld.
Kim: Ich liiiiiebe Geld!

Machen Sie manchmal psychologische Tests mit Ihrer Schwester?
Amy: Einmal hast du einen Intelligenztest mit mir gemacht!
Kim: Ja! Wir tranken Wein, ich machte diesen Test mit ihr ...
Amy: Sag's ihnen.
Kim: Nein, kann ich nicht! Es ist vertraulich!
Amy: Aber ich kann's sagen: In einigen Kategorien schnitt ich genial ab, Arbeitsgedächtnis zum Beispiel. In andern, als wäre ich eine Analphabetin, die im Wald haust.

Und wie ist Eure Zusammenarbeit?
Kim: Super. Wir trinken Smoothies, machen Spaziergänge, essen Scones.
Amy: Wir tragen Pyjamas, schauen die Muppets und trinken Scotch dazu. Zum Beispiel gestern.

Seid Ihr sehr verschieden?
Amy: Nein, wir sind uns total ähnlich, wir leben beide in New York, wir haben bloss eine unterschiedliche Beziehungs-Geschichte. Sie hat ihr Highschool-Sweetheart geheiratet, ich werde garantiert alleine sterben.

Einmal waren Sie mit einem Wrestler liiert ...
Amy: Ja. Ich hab sein Herz gebrochen, ich hab ihn verlassen, ich konnte kein Wrestling mehr sehen. Ich hasse Sport. Ich date sicher keine Sportler mehr. Ich will nicht mehr zu Spielen gehen und behaupten, dass mich das interessiert.

Ab 2013 macht Amy Schumer die TV-Comedy «Inside Amy Schumer». Es geht um Sex, um deftige Selbstdemontagen, die Folgen tragen Titel wie «A Porn Star is Born», «Boner Doctor» oder «Last Fuckable Day». Sie ist wie ein weiblicher Mario Barth minus Dummheit plus Selbstironie.

«Die Debatte, ob Frauen lustig sein können, ist krank. Das ist, als würde man fragen: Riechen Juden nach Orangesaft?»
Amy Schumer in der «Vanity Fair»

Amy, jede einflussreiche junge Frau in Amerika bezeichnet sich gerade als Feministin. Sie auch. Wieso ist das so wichtig?
Amy: Dass Frauen gleichberechtigt sind?

Sorry, die Frage war furchtbar blöd gestellt.
Amy: Nein, nein. Ich finde es ja immer wahnsinnig, wie sehr die Leute auf Stars schauen, wenn es um Politik geht. Aber das ist einfach eine Aufgabe, die wir wahrnehmen müssen. Wir haben die Möglichkeit, die Leute zu erziehen. Es ist doch für uns alle grossartig, wenn Beyoncé kommt, und mal definiert, was Feminismus ist. Nicht diese komische alte Idee ...
Kim: ... von haarigen Frauen, die BHs verbrennen.

Sind Sie beide wirklich so sehr in die Schweiz verliebt?
Amy: Ja! Wir waren früher schon mal hier, aber wir waren bloss in Interlaken und haben Hasch geraucht. Jetzt waren wir baden, Boot fahren, wandern, essen – this place is dope.

Amy Schumer mit ihrer Schwester Kim Caramele (rechts neben ihr) am Samstagabend in Locarno.
Amy Schumer mit ihrer Schwester Kim Caramele (rechts neben ihr) am Samstagabend in Locarno.
Bild: KEYSTONE

Trailer zu «Trainwreck»

2014 zeichnet sich der Durchbruch ab, Amy Schumer wird für mehrere Preise nominiert, 2015 gibt es kein Halten mehr: In einer Nacht gewinnt sie den Peabody und den Critic's Choice Television Award, sie moderiert die MTV Movie Awards, sie «fällt» auf einem roten Teppich Kim Kardashian (not amused) und Kanye West vor die Füsse, das «Time Magazine» zählt sie zu den 100 einflussreichsten Menschen, Jennifer Lawrence wird ihre neue beste Freundin.

«Dass eine Komödiantin wie Amy Schumer so einen Riesenerfolg hat, gibt mir Hoffnung in die Menschheit!»
Wandy Wylowa, Zürich, Schauspielerin

Am 13. August kommt «Trainwreck» in den Kinos, Locarno zeigt jetzt die Europapremiere auf der Piazza Grande. Aber vor Locarno ist da noch Louisiana: Am 23. Juli 2015 erschiesst der Rassist, Antisemit, bekennende Hitler-Anhänger und Frauenhasser Russel Houser in Lafayette, Louisiana, in einem Kino zwei Frauen und verwundet weitere neun Menschen. Danach erschiesst es sich selbst. Das Kinoprogramm: «Trainwreck». Drehbuch und Hauptdarstellerin: Amy Schumer. Regie: der jüdische Regisseur Judd Apatow.

Chuck Schumer nutzt die Gelegenheit und hält am 3. August eine pathetische Pressekonferenz. Amy Schumer unterstützt ihn, sichtlich verstört. Am Abend des gleichen Tages tritt sie weit gefasster in einer der letzten Folgen von Jon Stewarts «Daily Show» auf. Ihr Leben ist ein Marathon. In Locarno will sie dazu nichts sagen. «Ich versteh total, dass ihr darüber reden wollt, aber ich hab schon alles gesagt.»

«Trainwreck» ist eine Mischrechnung: aus Amy Schumers ätzender Comedy und aus klassischen Elementen der romantischen Komödie. Eine total versexte und versoffene Trash-Journalistin namens Amy (Amy Schumer) mit einer Schwester namens Kim (Brie Larson) und einem Vater im Pflegeheim lernt einen femininen Sportarzt (Bill Hader) kennen, verliebt sich und läutert sich.

Je mehr die Romantik zunimmt, desto mehr nehmen die bösen Witze ab. Zuerst lacht man sich krank, dann lacht man oft. Amy Schumer meint die Sache mit Läuterung leider Ernst, das wird in Locarno auch deutlich. Es ist die amerikanische Rehab-Ideologie, die sagt, dass man für seine Sünden büssen muss. Aber die Rechnung geht auf: «Trainwreck» hat die Produktionskosten von 33 Millionen nach zwei Wochen in den amerikanischen Kinos schon mehr als doppelt eingespielt.

So haben wir Tilda Swinton alle noch nie gesehen. Amy Schumer macht's möglich.
So haben wir Tilda Swinton alle noch nie gesehen. Amy Schumer macht's möglich.
Bild: Universal Pictures International
Und mit LeBron James.
Und mit LeBron James.
Bild: AP/Universal Pictures

Dass man trotz der zunehmenden Verbiederung von Hauptfigur und Handlung bis zum Ende gern im Kino sitzen bleibt, verdankt sich der Tatsache, dass Amy Schumer eine ausgezeichnete Schauspielerin mit einem grossen Gespür für feine emotionale Schattierungen ist. Zweitens den Nebenfiguren: Allen voran Tilda Swinton als geschminkteste und ekligste Chefredakteurin seit Meryl Streep in «The Devil Wears Prada».

War Tilda Swinton Ihre Idee?
Amy: Sie war jenseits meiner kühnsten Träume! Ich hatte sie einmal an einem Gepäckband gesehen und gedacht: Wow, das ist das schönste Wesen, was mir je begegnet ist. Dann sagte Judd, ach, lass uns mal sehen, ob sie Zeit hat. Und sie hatte Zeit.

Und wie verstanden Sie sich mit Bill Hader?
Amy: Wir mochten uns sofort, brachten uns zum Lachen, und Judd sagte, dass wir einander problemlos das Herz brechen können.

Grossartig sind aber auch die beiden schwarzen Basketball-Superstars LeBron James und Amar'e Stoudemire als einigermassen schwule Romantik-Turbos. Und obwohl Amy Schumer Sport hasst, finden sich die beiden amerikanischen Unterhaltungs-Pfeiler Sport und Comedy in «Trainwreck» auf eine genial geschmeidige Weise.

Die weichen Männer (also alle) gehören natürlich ins Apatow-Repertoire («Freaks and Geeks», «The 40 Year Old Virgin», «Knocked Up»): Brocken von Heteros, die einander alle behandeln, als wären sie total schwul – bloss ohne Sex. «Bromance» heisst denn auch das von Apatow erfundene Filmgenre. Bevor er sich den anmassenden jungen Frauen zuwandte: als Produzent von Lena Dunhams HBO-Serie «Girls», jetzt als Auftraggeber und Regisseur von Amy Schumer mit «Trainwreck». Frauen sind eben nicht nur lustig. Frauen sind lustiger.

«Trainwreck» läuft ab 13. August in den Schweizer Kinos.

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