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FragFrauFreitag

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Wir haben zwei erwachsene Söhne, die wir abgöttisch lieben, aber gerne langsam aus dem Haus hätten. Machen wir was falsch?

Grüezi Frau Freitag. Sagen Sie mal, wann wird die heutige Jugend eigentlich erwachsen? Wir haben zwei erwachsene Söhne, die wir abgöttisch lieben, aber trotzdem gerne langsam aus dem Haus hätten. Machen wir was falsch oder liegt es am Trend der Zeit? Danke für Ihre Antwort. Sabine, 52



Liebe Sabine

Vermutlich beides! Aber Danke erstmals für diese spannende Frage, über die ich mir sehr gerne Gedanken gemacht habe. Ich werde mich jetzt zuerst dem gesellschaftlichen Aspekt widmen, und Ihnen erst danach den Kopf waschen. Ich hoffe, diese Reihenfolge ist Ihnen genehm.

Also. Als ich mit Ihrer Frage schwanger gegangen bin, ist mir bewusst geworden, dass die Tatsache, dass Menschen heute später erwachsen werden (wollen), sehr viel mit dem Wertesystem unserer Gesellschaft zu tun hat. Denn wo soll bitteschön die Motivation herkommen, erwachsen zu werden, wenn alle die Jugend hypen, als gäbs kein Morgen?

Für mich sind die Werbung und das Konsumangebot ein guter Spiegel für unsere Gesellschaft. Und wenn ich mir diese ansehe, ist «erwachsen Sein» keine Tugend der heutigen Zeit. Es geht im Gegenteil überall und immer nur darum, möglichst jung zu sein. Selbst die Alten werden zu «Golden Agers» verballhornt, in der Hoffnung, noch etwas Saft in Form von Kohle aus ihnen heraus zu pressen. Und wenn ich mir eine neue Jeans kaufen will, dann habe ich Mühe eine zu finden, die meinen ganzen Arsch bedeckt. Mütter wollen nämlich lieber als die ältere Schwester der Töchter wahrgenommen werden, als deren Brutkasten. Und Hosen, welche nicht in der Mitte des Gesäss enden, werden zwar neuerdings unter dem Trendlabel NYDJ (Not Your Daughters Jeans) verkauft, dann allerdings mit Bildern von Frauen beworben, deren Geburtskanal mit Sicherheit noch mit keinem Kinderkopf zu kämpfen hatte. 

Wo Jugend das Mass aller Dinge ist, kann Verantwortungsbewusstsein keine tragende Rolle spielen. Denn der Vorteil der Jugend ist ja genau, dass man noch keine Verantwortung tragen muss, sondern den jugendlichen Leichtsinn zelebrieren darf. Wo man früher mit zarten 16 Entscheidungen der Berufswahl tragen musste, die weitreichende Folgen für das ganze Leben hatten, darf heute gerne kreuz und quer studiert und sich dabei selber gefunden haben. Zwei Studiengänge abgebrochen und jetzt mal vorüberhegend Kaffee servieren im Trendlokal? Kein Problem! Schliesslich wohnt man noch daheim im Hotel Mama und kommt auch mit einem Hungerlohn vergnügt durchs Leben. 

Bei Frauen kann sich das Blatt wenden, wenn sie schwanger werden. Die plötzliche 24/7 Verantwortung für einen hilflosen kleinen Menschen kann einen über Nacht reifen lassen und verquere Prioritäten wieder etwas zurecht rücken. Bei Männern kommt dies ebenfalls vor, ist aber weniger zwingend. Das ewige Hipp-Sein-Wollen von jungen Eltern ist darüber hinaus fast noch anstrengender und peinlicher, als es die Ewig-Jungen ohne Kinderwagen eh schon sind.

Soviel zu meiner gesellschaftlichen Abhandlung, nun aber zu Ihnen. Ohne Sie persönlich zu kennen, gehe ich mal davon aus, dass sich Ihre abgöttische Liebe zu Ihren Söhnen dadurch äussert, dass Sie immer für gewaschene und gebügelte Klamotten und einen vollen Kühlschrank sorgen. Dementsprechend würde ich diese Selbstverständlichkeiten einfach künden. Machen Sie es den beiden etwas unbequem, verteilen Sie klare Ämtli. Dann wird der Gap zur eigenen Wohnung mit Sicherheit etwas kleiner. Und wenn das alles nichts nützt, platzen Sie immer mal wieder unangemeldet ins Zimmer, wenn Damenbesuch anwesend ist, oder aber lassen Sie unbemerkt eine rote Serviette zu der weissen Hemden-Wäsche gleiten. Oder wie sagt man doch so schön: «Steter Tropfen höhlt den Stein.» Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf und die beiden werden schon bald flügge sein. Versprochen. 

Mit mütterlichem Gruss, ihre Kafi.

kafi freitag

Kafi Freitag

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltags-Fragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.freitagcoaching.ch) und verkauft mit viel Herzblut Hochzeitskleider. Sie ist verheiratet und Mutter eines 9jährigen Sohnes, wohnt mitten im Zürcher Kreis 4 und versucht, ihren Alltag so vernünftig wie nötig und amüsant wie möglich zu leben.

Fragen an Frau Freitag?
Mail an kafi@fragfraufreitag.ch

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