Gesellschaft & Politik
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Selbstversuch «Testo Junkie»

Eine Philosophin nimmt Testosteron. Sie denkt dauernd an Sex und verdient mehr. Und verliert den Glauben an die Liebe

Dies ist die verrückte Geschichte der Spanierin Beatriz Preciado. Die schon als Zweijährige wusste, dass sie auf Frauen steht. Und sich selbst zu Forschungszwecken verwendet.



Ihr Vater ist Autohändler. Und stolz darauf, dass sich mehr Autos in seiner Garage befinden als Bücher im Haus. In Burgos, einer erzkatholischen spanischen Stadt. Trotzdem ist die Tochter Philosophin geworden, Autorin – und Lesbe. 

«Schon mit zwei bis drei Jahren war mir klar, dass ich auf Frauen stehe», sagt Beatriz Preciado in einem Interview, «und als ich auf eine von Nonnen geführte Mädchenschule kam, war dies das Paradies.» 

beatriz preciado

Beatriz Preciado. Bild: Archiv Verlag Klaus Wagenbach

Sie verführt dort mit besonderem Eifer die Prinzessinnen. Die typischen Mädchenmädchen. Die besorgten Eltern stecken sie in eine andere Schule, zu den Jesuiten, und bei denen kommt sie minimal zur Ruhe und zum Nachdenken. Und beschliesst, Philosophie zu studieren. Nicht in Spanien, sondern in New York an der New School bei Jacques Derrida. 

Der grosse Selbstversuch

Weil Derrida Franzose ist und sie mit französischen Theorien infiziert, zieht sie nach Paris, wo sie auch heute lebt, schreibt und unterrichtet, denn: «Ich habe mich in Frankreich verliebt. Und in die Französinnen.» Vor allem in die Skandalfilm-Regisseurin Virginie Despentes («Baise-moi»). Mit ihr ist sie neun Jahre zusammen. Es geht den beiden um Sex, Sex, Sex. Als sie sich 2005 kennenlernen, macht Beatriz Preciado gerade einen Selbstversuch. Einen, der dazu führt, dass sie tagaus, tagein an nichts anderes denkt als an Sex, Sex, Sex.

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Die grosse Liebe: Virginie Despentes. bild: via wikipedia/georges biard

Ihr Selbstversuch ist von Sigmund Freud inspiriert: Der hatte sich einmal für Recherche-Zwecke 500 Gramm Kokain liefern lassen. Beatriz Preciado beschliesst, nicht mit Kokain, sondern mit Testosteron zu experimentieren. Und mit ihrer Sexualität.

Ein aidskranker Freund hat ihr kurz vor seinem Tod 50 Portionen Testogel à 50 Milligramm geschenkt. Testogel ist ein Testosteronpräparat, das durch die Haut einzieht. Man darf sich danach ein paar Stunden lang nicht duschen und soll vermeiden, dass andere sich über hormongesättigten Schweiss «anstecken». Es sei denn, es handelt sich um Frauen, die zum Mann werden wollen. Auf der Testogel-Packung steht, das Medikament sei «für Frauen und Athleten verboten».

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Eine Portion Testogel des Pharmariesen Bayer. bild: bayer

Beatriz Preciado kümmerte dies natürlich nicht. Sie hat zwar keine Absicht, ein Mann zu werden – dabei bleibt sie auch bis Ende 2013 –, aber so richtig als Frau fühlt sie sich auch nicht. Sie streicht sich das Testogel auf den Arm. Nach wenigen Tagen fühlt sie sich klar im Kopf, wach, voller Energie, übersexualisiert. Ihr Schweiss riecht stärker, sie ist entscheidungsfreudig und selbstsicher und schafft es ohne Mühe, ihre ganze Wohnung im Morgengrauen in 25 Minuten um- und aufzuräumen. Nach einer Weile erhält sie sogar für die gleiche Arbeit wie früher mehr Geld. Weil ihr Habitus jetzt maskuliner ist. 

«Die Liebe ist ein brennender Wald»

Aus dem Versuch entsteht ein sensationelles Buch: «Testo Junkie». Tagebuchartige Erfahrungsberichte wechseln sich ab mit wissenschaftlichen Passagen über die Beziehung der Pharmaindustrie zur menschlichen Sexualität. Von der Pille über Aids bis Viagra. Darüber, wie Medikamente den menschlichen Körper, die Sexualität und die Geschlechtsidentität bis ins winzigste Molekül hinein kontrollieren und verändern können. Und was das am Ende alles mit Politik zu tun hat. Und dass das biologische Geschlecht kein Schicksal ist.

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Treffen sich zwei Philosophinnen: Beatriz Preciado und Judith Butler. Bild: via las disidentes

2014 gerät das Leben der Beatriz Preciado aus den Fugen. Sie trennt sich von Virginie Despentes, von der Frau, «mit der ich dachte, mein ganzes Leben zu verbringen». Und dann, am 16. Januar 2015, verkündet sie in ihrer Kolumne in der französischen «Libération», dass sie jetzt nicht mehr Beatriz, sondern Paul B. Preciado heisse. Sie ist jetzt ein Er. Aber ist Paul glücklich? 

Am 13. Februar 2015 schreibt er in der «Libération»: «Valentinstag ist eine Qual. Ich möchte den 14. Februar damit feiern, dass ich ein Geheimnis verrate: Ich habe aufgehört, an die Liebe zu glauben. An die Liebe zu zweit ... Die Liebe ist ein brennender Wald, aus dem man nur entkommen kann, indem man sich die Füsse verbrennt ... Ich spüre, dass ich jetzt lerne, was Sterben heisst. Joyeuse Valentine!» 

Darüber, ob sie heute noch ein Testo-Junkie ist, gibt sie keine Auskunft. Aber das Ex-Experiment hat das Kommando übernommen. Geschlecht ist ein brennender Wald, aus dem es manchmal die Illusion eines Entkommens gibt.

Ebenfalls sehr zu empfehlen: «Pornotopia – Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy» von Beatriz Preciado.

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9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Citation Needed 18.02.2015 15:50
    Highlight Highlight Vor nicht allzu langer Zeit wurden Wesen mit sichtbar ambivalenten Geschlechtsmerkmalen im Zirkus (nicht mal in der Manege selbst, sondern nebenher, in einer 'Sideshow') als spektakuläre Normabweichungen inszeniert, und das Publikum strömte herbei, um sich angesichts dieser Freaks der eigenen Normalität zu vergewissern. Immerhin hat sich der Normbegriff einigermassen gelockert seither.. Statt der Bearded Lady auf der Schmuddelbühne singt jetzt Conchita Wurst zu bester Sendezeit und einE GrenzgängerIn der Geschlechter erwirbt akademische Würden und schreibt Bücher zum Thema. Ist doch allerhand. Und interessanter als Holzhacken. ;-)
  • Simone M. 18.02.2015 14:40
    Highlight Highlight Lieber Dr. B. Servisser
    Freud konsumierte sein Koks selbst. Er hatte gelesen, dass es in der deutschen Armee erfolgreich gegen Erschöpfung verwendet wurde. Und weil er eine Frau erobern wollte, deren wohlhabende Familie ihn nicht akzeptierte, dachte er, Koks wäre das richtige Hilfsmittel, um ihn anzutreiben und sie zu beeindrucken. Und nein, das Buch von B. P. hat nix mit Klischees zu tun. Es ist quasi der Thriller der individuellen Sucht und Verwandlung im Licht der Wissenschaftsgeschichte. Testosteron als eine (homonell) substanzverändernde Droge von vielen.
    • Dr. B. Servisser 18.02.2015 21:34
      Highlight Highlight Vielen Dank für die Erläuterungen zu Freud!

      Mit Preciado habe ich aber immer noch meine Probleme, vor allem wenn ihr Versuch als wissenschaftsgeschichtlich relevant oder nützlich für Forschungszwecke beschreiben wird. Die Wirkung von Testosteron wurde bereits unter wissenschaftlichen Bedingungen untersucht. Nicht durch Selbstmedikation einer Philosophin. Und ja, Klischees: sie nimmt das maskuline Sexualhormon und plötzlich kann sie strukturiert denken, arbeitet effizient und glaubt nicht mehr an Liebe.

      Natürlich kann ihre Suche spannend sein, nicht aber ihre Versuche mit Testosteron.
  • Horseman 18.02.2015 11:53
    Highlight Highlight Zu allen Seiten gab's Abenteurer und Grenzgänger, die sich in neue Gebiete vorgewagt haben und eigenverantwortlich Risiken eingegangen sind; in früheren Zeiten meist Männer und eher selten Frauen. Neueren Datum's ist wohl die Erscheinung, dass da auch immer mehr Frauen auftauchen, die sich halt für andere Gebiete interessieren und wir das, Medien sei Dank, auch mitkriegen. Ungewohnt ist aber wohl noch nicht dekadent, meine ich.
  • Adonis 18.02.2015 10:28
    Highlight Highlight Tja, was die westliche Dekadenz so alles hervorgebärt. Würde in Sibirien beim Holzspalten nicht passieren.
    • Petar Marjanović 18.02.2015 11:08
      Highlight Highlight Ja, das ist schon so. Holzspalten ist auch langweilig.
    • elivi 18.02.2015 12:08
      Highlight Highlight Man könnte ja auch ein Experiment mit dem Holzspalten machen ... bringt bisl spannung in das ganze wenn man das resultat des Hozlspalten noch nicht kennt.
    • Dr. B. Servisser 18.02.2015 12:10
      Highlight Highlight Ich würde liebend gerne einen Artikel übers Holzschlagen in Sibirien lesen.

      Dekadent finde ich das nicht unbedingt, aber ich bin etwas verstört und unschlüssig. Was will uns die Testosteron Philosophin mit ihrem Experiment sagen? Lassen sich damit allgemein gültige Aussagen machen? Oder reichert sie Ihre persönliche Erfahrung mit gängigen Klischees an um damit ein Buch zu verkaufen? Und was geschah mit dem Pfund Kokain bei Freud?
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