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IS-Sticker neben religiöser Literatur und Schlüsselanhänger – Auslage in einer Buchhandlung in Istanbul. bild: keystone

Kommunikations-Guerilla

Vom Button bis zum Hochglanzmagazin: Die IS-Propaganda besteht nicht nur aus Kopfabschneider-Videos

Die Terrororganisation Islamischer Staat arbeitet nicht nur im Netz intensiv an ihrem Erscheinungsbild, sondern setzt auch auf klassische Marketing-Produkte. Ein Überblick über die Propagandamaschinerie des IS.

william stern



Seit Montag kursieren auf sozialen Medien diverse Berichte, wonach die populäre kurdische Kämpferin mit dem klingenden Namen «Rehana» bei der Verteidigung Kobanes von IS-Kämpfern verschleppt und getötet worden sei. Die Meldung, von der Daily Mail aufgegriffen, konnte nicht bestätigt werden. Einen Tag später krebsten die Medien dann zurück: Die kurdische Widerstandskämpferin erfreue sich bester Gesundheit

Zuvor schon geisterte ein weiteres Video des in Geiselhaft gehaltenen britischen Journalisten John Cantlie durch das Netz: Im Stil eines Kriegsreporters wendet sich Cantlie darin an die Zuschauer und erklärt, dass die umkämpfte Stadt Kobane kurz vor dem Fall stehe. 

In regelmässigem Abstand liefert die Propagandamaschinerie des Islamischen Staates Berichte über angebliche Enthauptungen westlicher Journalisten oder Hilfswerksmitarbeiter, glorreiche Siege auf dem Schlachtfeld oder wirtschaftlichen Fortschritt in IS-Gebieten.

Buttons, Stickers und Pins

Die dschihadistische Organisation nutzt dabei geschickt westliche Informationstechnologie, um ihre Propaganda zu verbreiten. Über Facebook, Twitter, Friendica oder Diaspora werden Informationsschnipsel gestreut, in der Hoffnung, weltweit junge Muslime oder Konvertiten für die Ziele des IS zu gewinnen. Die Strategie scheint aufzugehen, wie jüngste Zahlen zum Dschihad-Tourismus nahelegen. 

Was dabei oftmals untergeht, ist dass der IS vielerorts auch auf klassische Marketing-Produkte zurückgreift. Poster, Sticker, T-Shirts oder Hoodies, Fahnen, CDs, DVDs und Pins werden im Internet angeboten. Auf Marktständen in Afghanistan und im Osten Pakistans wird Propaganda-Material feilgeboten, ebenso in Buchhandlungen in Istanbul. 

In this Monday, Oct. 13, 2014 photo, Islamic State group pins and stickers are on display at an Islamic bookstore where books about Islam, militant Islamic leaders and Islamic flags are displayed in the Fatih district of Istanbul. A Sept. 26 clash, described to The Associated Press by Korkut and a half a dozen other university students, was the first in a series of fights at Istanbul University's Beyazit campus. There has been repeated violence since, and Turkish media have reported scores of arrests. (AP Photo/Emrah Gurel)

IS-Sticker in einem Laden für religiöse Literatur in Istanbul. Bild: Emrah Gurel/AP/KEYSTONE

Die Überlegung hinter dem Guerilla-Marketing der Islamisten scheint aufzugehen: Flugschriften, IS-Banner und Pamphlete sind in der politisch umstrittenen Region Kaschmir aufgetaucht, IS-Flaggen wurden in Jerusalem gesichtet, Graffiti mit dem Logo der dschihadistischen Organisation werden auf der ganzen Welt an Fassaden gesprüht.

Islamic State group pins are on display at an Islamic bookstore where books about Islam, militant Islamic leaders and Islamic flags are displayed in the Fatih district of Istanbul, Monday, Oct. 13, 2014. A Sept. 26 clash, described to The Associated Press by Korkut and a half a dozen other university students, was the first in a series of fights at Istanbul University’s Beyazit campus. There has been repeated violence since, and Turkish media have reported scores of arrests. (AP Photo/Emrah Gurel)

Stickers und Buttons in einer Buchhandlung in Istanbul. Bild: Emrah Gurel/AP/KEYSTONE

Online-Magazine

Neben Pins, Stickern und Kleidern publiziert der IS auch Magazine im Hochglanzformat. «Dabiq» und «Islamic State Report» sind die beiden bekanntesten, in englisch verfassten Online-Zeitschriften. Auszüge aus religiösen Schriften wechseln sich in «Dabiq» ab mit politischen Pamphleten und Erfolgsmeldungen des bewaffneten Arms des IS. Die Magazine erinnern in ihrer Aufmachung an hochwertige Werbebroschüren: Viele Bilder, viel Farbe, fette Lettern, Zitate, Listicles. 

Online-Magazin

Dabiq Magazin

Erste Ausgabe des Magazins «Dabiq» mit dem Titel «Die Rückkehr des Kalifats». Bild: pd

Verbreitet wird die IS-Propaganda von verschiedenen Medienstellen. 2006 wurde das Al-Furqan Institute for Media Productions gegründet, das CDs, DVDs, Stickers, Pins und Poster mit dschihadistischer Symbolik und Sprache vertrieb. Später erfolgte die Publikation etwa über die «l'tissam media foundation» oder über die «Global Islamic Media Front». Gegenwärtig scheint «Al-Hayat» (deutsch: Leben) der meist genutzte Vertriebskanal für IS-Propaganda zu sein. Twitter-Accounts, Pamphlete (etwa das Magazin «Islamic State Report») und Bilder sind mit dem Al-Hayat Logo versehen. 

Eine andere Medienstelle der Islamisten, das «Ar-Raqqa Media Center», zeichnet sich für die meisten Bilder in und ausserhalb Raqqa verantwortlich. Wie die beiden Kommunikationsabteilungen zueinander stehen, ist kaum zu eruieren. Eine Website mit demselben Namen (arraqahmedia.com) veröffentlicht Artikel über den Islamischen Staat, die Luftangriffe der US-Koalition auf Kobane und die Ebola-Gefahr, sowie über die Fortschritte im Strassenbau in dem im Juni vom IS eroberten Mosul. 

Der «Guardian» zeichnet derweil ein etwas anderes Bild von den Zuständen in der irakischen Millionenmetropole: Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, inexistente Institutionen und eine Wirtschaft am Rand des Kollaps.

Twitter, Facebook, Friendica, Diaspora

«Nahrungsmittelverteilung durch den IS». Auf Twitter stellen sich die Dschihadisten als grosszügig und hilfsbereit dar. Tatsächlich entwendet der IS oftmals Hilfslieferungen von Hilfswerken und verteilt sie danach auf eigene Faust. twitter/istimes2

Twitter bildet den ersten Anlaufpunkt für die Propagandaabteilung der radikalen Dschihadisten. Der Internetdienst ermöglicht es, mit kleinem Aufwand Tausende von potentiellen Sympathisanten zu erreichen. Zwar ist Twitter jeweils bemüht, die IS-Konten zu sperren. Allerdings gleicht dies einer Sisyphusarbeit. Die IS-Kommunikationsfachleute eröffnen flugs neue Konten unter anderen Namen. Mittlerweile soll die IS-Propaganda laut Medienberichten vermehrt auch auf alternativen Kanälen wie Diaspora oder Friendica veröffentlicht werden. 

Videos

Laut verschiedenen Quellen sind beim IS mehrere Dutzend Personen allein in der Videoproduktion beschäftigt. Was bei den Aufnahmen verblüfft, ist die Qualität. Keine verwackelten Handy-Videos oder körnige Youtube-Clips, sondern Videos in HD-Qualität mit sauberen Tonspuren. 

Die Videospiel-Ästhethik der Kampfvideos soll auf junge, abenteuerlustige und perspektivenlose Menschen anziehend wirken. Der religiöse Unterbau dient als Legitimation für ein gesetzesfreies Leben, in dem mit Kalashnikow und entführten Frauen nach Belieben umgesprungen werden kann – die Scharia lässt Spielraum für Interpretationen vieler Art.

Fotos

Unabhängige Aufnahmen von IS-Kämpfern existieren kaum. Alle Bilder, die IS-Milizionäre im Irak oder in Syrien zeigen, wurden von Medienstellen des Islamischen Staates verbreitet. Deren Echtheit zu verifizieren, ist oftmals schwierig. Die Bildmotive sind zumeist ähnlich: Glorifizierende Darstellungen des IS und die Überlegenheit über die Gegner der radikalen Dschihadisten.

Nicht fehlen darf dabei die emblematische IS-Flagge mit dem arabischen Schriftzug «La ‘ilaha ‘illa-llah» («Es gibt keinen Gott ausser Gott») auf schwarzem Hintergrund. In der Mitte der Flagge prangt ein Kreis, mit den drei Worten: Gottes Bote Mohammed. Hayder al Khoei, Mitarbeiter am renommierten Chatham House in London erklärt gegenüber «Time» die Macht der Flagge wie folgt: «Das Wort Allah ist heilig für die Muslime. Insofern wird es als ein Sakrileg angesehen, die IS-Flagge zu entweihen.» 

Da westliche Medien bei der Berichterstattung in IS-Gebieten auf Bildmaterial angewiesen sind, beziehen sie dieses oftmals von den Dschihadisten des IS. Deshalb ist es essentiell, dass eine zumindest annähernde Verifizierung vorgenommen werden kann. IS-Kommunikationsabteilungen achten deshalb auf Details, die eine zeitliche und örtliche Bestimmung möglich machen. 

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