So viel kosten die Spiele – und in der Schweiz würde es 2038 ähnlich teuer werden
Recht aussagekräftige Kosten-Zusammenstellungen gibt es in vielen Medien. Unter anderem auch im Deutschen «Manager Magazin». Das Organisationskomitee gibt die operativen Kosten der Spiele mit rund 1,7 Milliarden Euro an. Diese sollen durch Sponsoring, Ticketverkäufe und IOC-Beiträge gedeckt werden. Tönt nach einer schwarzen Null.
Die Kosten-Wirklichkeit ist eine andere: Hinzu kommt der Aufwand für Sicherheit und Infrastruktur in der Höhe von schätzungsweise 3,5 Milliarden Euro, der von der Regierung getragen wird. Also von den Steuerzahlenden. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass bei Spielen in der Schweiz der Sicherheitsaufwand zu Lasten der öffentlichen Hand ehrlich gerechnet auch mehr als eine Milliarde betragen dürfte.
Insgesamt kosten die Spiele 2026 schätzungsweise rund 5,1 Milliarden Euro (5100 Millionen) und realistischerweise muss davon ausgegangen werden, dass dereinst das olympische Spektakel von 2038 mindestens so teuer sein wird. Unabhängig davon in welchem Land.
Zum Vergleich: Die bisher teuersten Spiele der Geschichte im russischen Sotschi 2014 sollen 50 Milliarden Dollar gekostet haben. Dort sind allerdings sämtliche Anlagen auf Staatskosten neu gebaut worden.
Das Olympia-Dauerthema in Italien war der Neubau der Bob- und Rodelbahn in Cortina. Das IOC empfahl, die Wettbewerbe aus Kostengründen an eine bereits existierende Bahn im Ausland zu vergeben. Eine Streichung der Bob-Wettbewerbe mangels einer Anlage wie 1960 im kalifornischen Squaw Valley kam nicht in Frage. Innsbruck und St. Moritz waren als Ersatzorte im Gespräch. Doch letztlich verweigerte die italienische Regierung die Verlegung ins Ausland und setzte einen Neubau durch. Es ging um den nationalen Stolz.
Italiens Verkehrs- und Infrastrukturminister Matteo Salvini zufolge habe allein dieser neue Eiskanal in Cortina, der in weniger als einem Jahr fertiggestellt wurde, 124,8 Millionen Euro gekostet. Im Zuge des Baus seien 850 Bäume gefällt, aber 10.000 gepflanzt worden. Immerhin wäre es bei Spielen in der Schweiz nicht nötig, so viel Geld in die bereits bestehende Bobbahn zu investieren und so viele Bäume zu fällen und anderorts neue zu pflanzen.
Weitere Investitionen für die Spiele von 2026 waren für die Disziplin Freestyle-Ski (5,4 Millionen Euro), den Snowpark in Livigno (35,8 Millionen Euro) sowie in die Modernisierung der Langlaufanlagen am Tesero-See in Trentino (17,7 Millionen Euro) erforderlich.
Bei diesen Winterspielen teilen sich erstmals zwei Orte offiziell die Gastgeberrolle. Um Gold geht es aber nicht nur in Mailand und Cortina, sondern in ganz Norditalien. Die Wettkämpfe finden verstreut auf einem Gelände in der Grösse von etwa 22'000 Quadratkilometer statt. Es sind die ersten dezentralen Winterspiele der Geschichte. Mit teilweise mehrstündigen Fahrstrecken zwischen den Wettkampfstätten. Von Mailand nach Cortina dauert die Reise länger als von Mailand nach Zürich.
Die alpinen Frauen tragen ihre Wettkämpfe in Cortina aus, die Männer dagegen in Bormio. 300 Kilometer weiter westlich. Für Eröffnungs- und Schlussfeier werden ungewöhnliche Sportstätten fernab der Berge genutzt. Die Eröffnungsfeier fand im San Siro in Mailand statt, beendet werden die Spiele in der antiken Arena von Verona.
In der Dezentralisierung und den Distanzen sind Mailand und Cortina durchaus den erträumten Spielen von 2038 in der Schweiz ähnlich. Allerdings ist das Netz des öffentlichen Verkehrs – insbesondere die Eisenbahn – zwischen den Austragungsorten in der Schweiz im Quadrat besser. Rund 2900 Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 90 Nationen treten 2026 an. Es sind die grössten Winterspiele der Geschichte. Bis 2038 dürften neue Rekordwerte erreicht werden.
Zum Ritual jedes globalen Sportspektakels gehört die Berechnung, welchen Nutzen die gesamte Wirtschaft eines Landes ziehen wird. Solche Berechnungen sind ideal. Weil sie nie verifiziert aber als politische «Allzweckwaffe» genutzt werden können, um den Unmut der Gegner zu besänftigen.
Gemäss einer Prognose der Universitäten Venedig und Mailand beträgt der volkswirtschaftliche Nutzen der Spiele etwas mehr als 5 Milliarden Euro. Insgesamt waren laut Minister Salvini 340 italienische Unternehmen an der Vorbereitung der Spiele beteiligt. 51 Verkehrsprojekte und 47 Sportanlagen sollen auch nach den Spielen erhalten bleiben.
In der Schweiz dürfte – wenn es denn 2038 zu den Spielen in unserem Land kommt – in Studien ein ähnlicher oder bei Bedarf auch höherer volkswirtschaftlicher Nutzen errechnet werden. Und es wird dann sicherlich erwähnt, wie wichtig das Spektakel für den Wintertourismus, den Zusammenhalt des Landes, unsere Wirkung auf die Welt und allenthalben sei.
Allerdings dürfte der tatsächliche volkswirtschaftliche Nutzen in der Schweiz geringer sein als bei den aktuellen Spielen. Erstens boomt der Wintertourismus bei uns auch ohne Olympische Spiele recht ordentlich und zweitens verstehen sich in kaum einem anderen Land die Unternehmen so gut im Melken der Staatskassen wie in Italien. Erst recht bei einem globalen Sportspektakel, das zu einer Frage des nationalen Stolzes verklärt wird. Und natürlich wird im Zusammenhang mit Mailand und Cortina 2026 auch auf die Prestige- und Werbewirkung auf weltweit über drei Milliarden TV-Zuschauerinnen und Zuschauer verwiesen. 2038 dürften es noch wesentlich mehr sein.
Alles in allem taugen die Spiele von 2026 ziemlich gut als Kosten-Blaupause für allfällige Spiele im Jahr 2038 in der Schweiz. Mit rund 5 Milliarden (5000 Millionen) sollten wir – schon wegen der Teuerung – ehrlicherweise auch bei uns rechnen.
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