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Wladimir Putin mit seinem Verteidigungsminister Sergei Shoigu (links).
Wladimir Putin mit seinem Verteidigungsminister Sergei Shoigu (links).Bild: keystone
Analyse

Was Joe Biden von Wladimir Putin gelernt hat

Ob es in der Ukraine tatsächlich zu einem Krieg kommt, ist ungewiss. Doch die Propaganda-Schlacht tobt bereits sehr heftig.
15.02.2022, 15:08

Könnt ihr euch an die grünen Männchen erinnern? So wurden die Elitesoldaten genannt, die in grünen Uniformen ohne Hoheitszeichen auf der Krim auftauchten und die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel durch russische Truppen vorbereiteten. Präsident Wladimir Putin hielt die Welt damals tagelang zum Narren, wollte nichts von diesen grünen Männchen wissen und hörte erst auf zu lügen, als die Sache längst gelaufen war.

Sowohl militärisch als auch propagandamässig hatte Putin den Westen und die USA überrumpelt. Andrea Kendall-Taylor, eine ehemalige CIA-Analystin und Russland-Expertin, erklärt in der «Washington Post»: «Wir waren vollkommen unvorbereitet und wurden mit heruntergelassenen Hosen erwischt.»

Die «grünen Männchen» bei der Invasion der Krim.
Die «grünen Männchen» bei der Invasion der Krim.Bild: EPA/EPA

Putin hingegen hatte nicht nur die militärische, sondern auch die Propaganda-Schlacht minutiös vorbereitet. Der ehemalige KGB-Agent setzte auf die gleiche Taktik, die er schon im eigenen Land erfolgreich erprobt hatte. Peter Pomerantsev, ein TV-Produzent, der in den Nullerjahren in Russland gearbeitet hat, umschreibt diese Taktik bereits im Titel seines Buches treffend: «Nichts ist wahr und Alles ist möglich». Das bedeutet konkret, dass die Menschen mit einer Fülle von Informationen überschüttet werden, die sich gegenseitig widersprechen. Auf diese Weise wissen sie am Schluss nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht und sind unfähig, sich zu wehren.

Steve Bannon, der ehemalige Chefstratege von Donald Trump, nannte diese Taktik einst: «Flooding the zone with shit.» Diesmal ist die Regierung Biden nicht gewillt, im Dreck zu ersaufen. Anders als 2014 ist sie auf den russischen Propaganda-Krieg vorbereitet. «Es ist erstaunlich, wie viele Warnungen Washington bereits verbreiten konnte», stellt Kendall-Taylor fest.

Innerhalb des Weissen Hauses ist ein Team von hochkalibrigen Progaganda-Experten am Werk. Es trägt den Titel «Tiger Team» und spielt jedes erdenkliche Szenario durch, das sich in der Ukraine abspielen könnte. Dabei agieren sie nicht passiv, sondern aktiv. Deshalb sind in den vergangenen Wochen von der US-Regierung immer wieder Meldungen verbreitet worden, die üblicherweise als top secret eingestuft und nur einem kleinen Zirkel zur Verfügung gestellt werden.

Russische Panzer bei einem Manöver.
Russische Panzer bei einem Manöver.Bild: keystone

Ein ungenannt sein wollendes Mitglied des Tiger Teams erklärte gegenüber der «Washington Post»: «Grundsätzlich stellen wir uns auf das schlimmstmögliche Szenario ein und kalibrieren dann nach unten. So werden wir nicht ein zweites Mal mit heruntergelassenen Hosen erwischt.»

Typisches Beispiel dafür ist die Warnung, Russland würde sogenannte «fals-flag-operations» vorbereiten. Sie würden Videos drehen, auf denen ukrainische Soldaten Gräueltaten an der Zivilbevölkerung verüben und so eine Invasion der russischen Truppen rechtfertigen. Die Videos würden mit Schauspielern gedreht, ja gar Leichen würden eingesetzt.

Regelmässig ist aus dem Weissen Haus auch zu hören, eine russische Invasion stehe unmittelbar bevor. Ebenso werden Namen für eine mögliche Marionetten-Regierung in Kiew genannt. Aktueller Favorit ist ein gewisser Oleg Tsaryow. Doch gemäss «Financial Times» gelten auch Viktor Medvedchuk und Yevhen Murayew als mögliche Kandidaten.

Jake Sullivan, der nationale Sicherheitsberater, erklärt die Taktik der Biden-Regierung wie folgt: «Alles, was wir tun können, ist, uns vor euch zu stellen und euch alles zu sagen, was wir wissen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir unsere Quellen nicht preisgeben.»

Geht in die Offensive: Sicherheitsberater Jake Sullivan.
Geht in die Offensive: Sicherheitsberater Jake Sullivan. Bild: keystone

Putin bleibt sich treu. «Chaos zu erzeugen, ist seine traditionelle Taktik», erklärt ein ungenannt sein wollender westlicher Geheimdienstmann gegenüber der «Financial Times». «Sollte er tatsächlich den Anschein eines Bürgerkriegs in der Ukraine erwecken wollen, wäre Tsaryow eine geeignete Übergangslösung.»

Auch auf der internationalen Bühne spielt Putin sein Katz-und-Maus-Spiel weiter. Er lässt den französischen Präsidenten Emmanuel Macron einfliegen, setzt sich mit ihm an einen absurd langen Tisch, gibt Banalitäten von sich und erklärt, kaum hat Macron Moskau wieder verlassen, er verhandle eigentlich nur mit den Vereinigten Staaten. Bundeskanzler Olaf Scholz dürfte das nächste Opfer einer solchen Scharade sein.

Oder Putin setzt sich mit seinem Aussenminister Sergey Lawrow an einen ebenfalls sehr langen Tisch, lässt sich von ihm erklären, es gebe noch Raum für Verhandlung, nickt ihm gelangweilt zu – und setzt gleichzeitig seine Truppen an der Grenze zu Ukraine in höchste Alarmbereitschaft.

Absurdes Schauspiel: Waldimir Putin und Emmanuel Macron.
Absurdes Schauspiel: Waldimir Putin und Emmanuel Macron.Bild: keystone

Der russische Präsident hat keinen Grund, seine Taktik zu ändern. Seit Monaten dreht sich die Geopolitik um Russland. Anstatt sich mit lächerlichen Diktatoren wie Alexander Lukaschenko treffen zu müssen, wird er vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping empfangen und telefoniert mit Joe Biden. Von wegen «Regionalmacht» und «grosse Tankstelle»: Russlands Grossmachts-Träume sind wieder intakt – zumindest optisch.

Putins Propaganda-Feldzug war bisher erfolgreich: Obwohl Russland zuerst 2008 Georgien überfallen, 2014 die Krim annektiert und im Donbass einen Kleinkrieg angezettelt hat; obwohl jetzt rund 130’000 bis an die Zähne bewaffnete russische Soldaten an der Grenze zur Ukraine postiert sind, gibt es keine nennenswerten Demonstrationen gegen diese Aggressionspolitik. Stattdessen gibt es nach wie vor Stimmen, welche die Nato für die aktuelle Krise in der Ukraine verantwortlich machen.

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Das wahre Gesicht des Krieges in der Ukraine

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Das wahre Gesicht des Krieges in der Ukraine
quelle: epa/epa / luca piergiovanni
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Putin, Nato und der Zankapfel: Der Ukraine-Konflikt einfach erklärt

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79 Kommentare
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Chris_A
15.02.2022 16:09registriert Mai 2021
Unglaublich das so ein Aggressor und Kriegstreiber auch hier in der Schweiz Sympathien geniesst. Aber ich denke das war nur ein billiger Rausch und der Kater wird noch kommen. Dann werden die Russen merken dass sie eben doch nicht eine Supermacht sind, sondern nur ein Land das seine Nachbaren überfällt.
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Unicron
15.02.2022 17:20registriert November 2016
"Stattdessen gibt es nach wie vor Stimmen, welche die Nato für die aktuelle Krise in der Ukraine verantwortlich machen."

Regelmässig sogar hier in den Kommentaren.
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Huilo Klein
15.02.2022 15:29registriert Januar 2022
vielen Dank Herr Philipp Löpfe, ich hätte es nicht besser beschreiben können. Die USA machen das so richtig clever und kommen Putin jeweils zuvor, er hat im Moment gar keine Chance sich ein Lügengebilde aufzubauen. Ein Wunsch hätte ich noch, man sollte mehr auf das russische Volk eingehen, man sollte z.B. bewusst eine Erklärung von Biden oder allen westlichen Politiker auf russisch ins Netz stellen, so dass jeder Russe sehen muss. Das Problem Putin kann eigentlich nur das russische Volk lösen.
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