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Der Ex-Präsident posiert mit Bibel vor einer Kirche in der Nähe des Weissen Hauses.
Der Ex-Präsident posiert mit Bibel vor einer Kirche in der Nähe des Weissen Hauses.
Bild: keystone
Analyse

Für die Evangelikalen ist Donald Trump von Gott auserkoren

Der Ex-Präsident setzt immer mehr auf religiöse Fundamentalisten – und den QAnon-Kult.
13.07.2021, 09:3614.07.2021, 08:46

Die Trennung von Kirche und Staat ist in den USA ein Prinzip, das hochgehalten wird. Nicht so in der Kirche Mercy Culture in Fort Worth im Bundesstaat Texas. Dort veranstaltet Pastor Landon Schott (37) jeden Sonntag ein Spektakel, wo er jeweils in mehreren Schichten insgesamt 4500 Gläubigen seine Heils-botschaft verklickert.

Diese Botschaft lautet, dass Gott den Christen befiehlt, die «sieben Berge des Lebens» – Familie, Religion, Erziehung, Wirtschaft, Kunst, Medien und Regierung – zu beherrschen. Gelingt ihnen dies, dann wird Jesus Christus auf die Erde zurückkehren und Gott in alle Ewigkeit regieren. Damit dies alles auch eintreffen kann, braucht Gott jedoch geeignete Werkzeuge. Eines davon ist Donald Trump. Er soll die Satanisten besiegen und den Gläubigen den Weg in den Himmel ebnen.

Donald Trump lässt sich von Evangelikalen feiern.

Die Trennung von Kirche und Staat hat in diesem Konzept keine Gültigkeit. Im Gegenteil: Die Anhänger der Mercy Culture setzen alles daran, politische Ämter zu erlangen. So erklärte Kirchenmitglied Penate, der für ein öffentliches Amt kandidiert, in der «Washington Post»: «Es gibt ein grosses Missverständnis, was die Trennung von Kirche und Staat betrifft. Es hat niemals bedeutet, dass sich die Christen nicht in die Politik einmischen sollen. Wir müssen uns einmischen. (…) Die Realität ist, dass Ungläubige sich alles unter den Nagel gerissen haben.»

Die Kirchgemeinde Mercy Culture ist keine Ausnahme. Sie ist Teil einer «wachsenden, nicht konfessionellen christlichen Bewegung, die sich offen politisch gibt und die zu einem Motor von Donald Trump und der Republikanischen Partei» geworden ist, berichtet die «Washington Post». Diese Bewegung verfügt über still gelegte Kirchen, die mit modernster Technik aufgerüstet werden, über eigene TV-Shows, Buchverlage, reiche Mäzene, eigene Akademien und Shops mit Fan-Artikeln.

Unter dem Dach einer «New Apostolic Reformation» (NPR) werden all diese Aktivitäten zusammengefasst. Ihre Anführer sind relativ jung, sie nutzen die Instrumente der modernen Unterhaltungsindustrie, mit denen sie neue Anhänger gewinnen wollen. Das ist auch dringend nötig.

Hat Trump im Wahlkampf beraten: die Evangelikale Paula White.
Hat Trump im Wahlkampf beraten: die Evangelikale Paula White.
Bild: keystone

Die Daten des Publik Religion Research Institute, einer gemeinnützigen Organisation, zeigen nämlich, dass sich die traditionellen Evangelikalen im Niedergang befinden. Im Jahr 2006 betrug ihr Anteil an der Bevölkerung noch 23 Prozent. Inzwischen ist er auf 14,5 Prozent geschrumpft. Zudem leiden die traditionellen Evangelikalen unter einer fortschreitenden Überalterung.

Ihr Niedergang wird begleitet von den neuen aggressiven Megachurches der NPR – und dem Aufstieg von QAnon, einem Kult, der sehr viel Ähnlichkeit zu den Fundamentalisten aufweist.

Auch die die QAnon-Anhänger betrachten die Welt als einen ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Auch bei ihnen ist Trump der Mann, der die Satanisten besiegen und die Welt retten wird. So stellt Mike Rothschild in seinem kürzlich erschienen Buch «The Storm is upon us» fest, für die QAnon-Anhänger sei Trump kein «aufgeblasener Blödmann, sondern eine messianische Gestalt, berührt von Gott und auserwählt von den Militärs, um den Marsch der Progressiven zu stoppen».

Wie die christlichen Sekten gibt die QAnon-Bewegung ihren Mitgliedern das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein. Und wie die Evangelikalen sind sie von einer Endzeiterwartung beseelt und setzen auf einen Tag der Abrechnung, an dem die Ungläubigen ihre gerechte Strafe erhalten. Bei den Evangelikalen ist dies ein «Great Awakening», ein grosses Erwachen. Bei QAnon ist es der «grosse Sturm», der über die Menschheit hereinbrechen wird.

Haben viel gemeinsam mit den Evangelikalen: QAnon-Anhänger.
Haben viel gemeinsam mit den Evangelikalen: QAnon-Anhänger.
Bild: keystone

Gemeinsam bilden militante christliche Fundamentalisten und QAnon-Anhänger eine brandgefährliche politische Mischung. Sie haben zusammen mit ihrem Idol Trump die Grand Old Party (GOP) fest im Griff. Die GOP ist keine traditionell konservative Partei mehr, sie ist fast vollständig in der Hand von «Verschwörungstheoretikern, Lügnern und Menschen, die alles daran setzen, Mr. Trumps kriegerischer, apokalyptischer und realitätsferner Politik zum Durchbruch zu verhelfen», stellt Michelle Cottle in der «New York Times» fest.

Die Republikaner haben längst aufgegeben, mit einem politischen Programm die Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen. Stattdessen setzen sie auf die Wut und Angst der verunsicherten weissen Mittelschicht und suchen ihr Heil in einem Kulturkrieg. Polemik gegen die Woke-Progressiven, gegen die LGBT-Gemeinde und gegen einen angeblichen «neuen amerikanischen Marxismus» sind die Elemente ihrer Propaganda zur Rückeroberung des Weissen Hauses.

Präsident Joe Biden setzt derweil auf nüchternen Pragmatismus. Mit einem Infrastrukturprogramm und einer Ausweitung des Affordable Care Acts, dem von Barack Obama eingeführten Gesundheitsprogramm, will er die hauchdünne Mehrheit der Demokraten im Kongress bei den Zwischenwahlen 2022 verteidigen. Bisher hat er es strikt vermieden, auf die von Trump angezettelten Provokationen und den von den Republikanern angefeuerten Kulturkrieg zu antworten.

Bidens Rechnung scheint aufzugehen. Seine Zustimmungswerte liegen nach wie vor deutlich über 50 Prozent, einem Wert, den Trump niemals erreicht hat. Obwohl er von den Progressiven seiner Partei immer lauter aufgefordert wird, den von Trump hingeworfenen Fehdehandschuh aufzugreifen, wird Biden dies kaum tun. Er weiss: Man kann ein Spiel, das dir dein Gegner aufzwingen will, nicht gewinnen.

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Joe Bidens Regierung

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Joe Bidens Regierung
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