Ein Working Class Hero gegen Trump
Wie der «Atlantic» jüngst berichtet, vergleicht sich Donald Trump neuerdings nicht mehr mit den beiden grossen US-Präsidenten, mit George Washington und Abraham Lincoln. Er will noch höher hinaus und sieht sich in der Liga von Alexander dem Grossen, Julius Caesar und Napoleon Bonaparte. Diese drei hat der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel einst als die drei historischen Individuen bezeichnet.
Die Tagespolitik interessiert denn auch den US-Präsidenten nur noch am Rande. Seinen Fokus richtet er auf weit Bedeutenderes: auf seinen Ballroom, den Triumphbogen und darauf, seinen Namen an möglichst viele Gebäude zu kleben.
Für seine Partei ist dies pures Gift. Die ehemalige Politstrategin Sarah Longwell warnt: «Die meisten Menschen kümmern sich keinen Deut um den Ballroom. Sie wollen, dass sich Trump auf die Wirtschaft konzentriert.»
In der Person von Graham Platner existiert im kleinen Bundesstaat Maine – 1,3 Millionen Einwohner – an der Ostküste das perfekte Gegengift zum grössenwahnsinnig gewordenen Präsidenten. Der ehemalige Soldat der Marines verdient sich heute seinen Lebensunterhalt als Austern-Farmer, ein Beruf, der an der amerikanischen Ostküste weit verbreitet ist.
Was einst Jürgen Klopp in einem legendären Zitat kundtat, beschreibt auch Platner perfekt: «Ich bin der Normale.» Oder wie es der Lokaljournalist Alex Seitz-Wald in einem Interview dem Newsportal Vox schildert: «Er (Platner) sieht wie sehr viele Menschen hier aus. Würden wir zusammen in der ein paar Meilen entfernten Stadt die Strasse herunterlaufen, würden wir mindestens ein halbes Dutzend Typen antreffen, die genauso aussehen wie er. Das sind Typen, die mit ihren Händen arbeiten und die nicht vor, sondern nach der Arbeit duschen.»
Selbst für das Partei-Establishment war Platner zunächst zu normal. Als dieser seine Kandidatur für den Senat ankündigte, beeilten sich die beiden Senatoren aus New York, Chuck Schumer und Kristen Gillibrand – beide sind Mitglied des Wahlkomitees der Demokraten – eine Gegenkandidatin aufzustellen, und zwar Janet Mills, die Gouverneurin von Maine.
Mills ist zwar tüchtig und beliebt, aber auch nicht mehr ganz jung. Wenn gewählt, hätte sie ihr Amt als Senatorin im zarten Alter von 79 Jahren angetreten. Vor allem jedoch war sie die Kandidatin des Establishments. Das wurde ihr zum Verhängnis. «Die Leute hier mögen Chuck Schumer und die Demokraten in Washington wirklich nicht», so Seitz-Wald. «Sie lehnen es ab, dass ihnen Janet Mills aufs Auge gedrückt wurde.»
Mills hat inzwischen eingesehen, dass sie in den Vorwahlen gegen Platner keine Chance gehabt hätte, und warf das Handtuch.
Platners Aufstieg ist erstaunlich, schien doch seine Karriere beendet zu sein, bevor sie richtig in die Gänge kam. Im vergangenen Oktober tauchten Posts auf Reddit auf, die ihn als dumpfen Populisten erscheinen liessen. Bemerkungen, dass Schwarze weniger Trinkgeld geben – Platner arbeitete kurzzeitig als Barkeeper –, und ein an die Nazis erinnerndes Tattoo eines Totenkopfes machten die Sache nicht wirklich besser.
Gemäss dem Aphorismus Nietzsches «Was mich nicht umbringt, macht mich stark» überstand Platner den Shitstorm nicht nur, er stieg gestärkt daraus hervor. Zwar ist er der Typ, der keinem Fight aus dem Weg geht, doch er ist kein hirnloser Populist. «Er ist ein denkendes Grossmaul», wie ihn Mike Hurley, ein ehemaliger Bürgermeister von Belfast, Maine, schildert.
Der Mann hat recht, und wer es nicht glaubt, dem sei das Gespräch zwischen Planter und Jon Stewart ans Herz gelegt. (Siehe Link)
Politisch gehört Platner ins Lager der Progressiven. Er lehnt sich an Bernie Sanders und Franklin Roosevelt an. Dieser hat in den Dreissigerjahren mit seinem New Deal die USA aus einer tiefen Depression befreit. «Die Dinge werden sich verschlechtern», erklärte Platner gegenüber «New York Times»-Kolumnistin Michelle Goldberg. «Die Politik der Republikaner wird das Leben der Menschen nicht verbessern. Und weil die Dinge schlechter werden, brauchen wir Strukturen, um die Menschen einzubeziehen, ihnen zu helfen, sie mit ihren Nachbarn in Kontakt zu bringen, und ihnen eine Antwort darauf zu geben, wer wirklich schuld ist.»
Der Trend ist Platners Freund. Progressive Politik ist derzeit in den USA angesagt. «Es entsteht eine demokratische Version der Tea Party, die das System stürzen will, von dem sie glauben, dass es sie enttäuscht hat», stellt Goldberg fest.
Tatsächlich konnten die Progressiven in jüngster Zeit in verschiedenen Bundesstaaten Erfolge verbuchen. Der spektakulärste war sicher die Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister von New York.
Auf Platner wartet jedoch eine harte Prüfung: Er muss die Amtsinhaberin, die Republikanerin Susan Collins besiegen. Diese gibt sich zwar gerne Trump-kritisch, zieht jedoch, wenn es um die Wurst geht, regelmässig den Schwanz ein. Deshalb stehen Platners Chancen gut. In den aktuellen Umfragen liegt er deutlich vor Collins.
Dies war jedoch auch vor sechs Jahren der Fall. Damals schien Collins in den Umfragen ebenfalls hoffnungslos abgeschlagen zu sein, gewann die Wiederwahl jedoch überraschend deutlich. «Wer Collins unterschätzt, tut dies auf eigenes Risiko», erklärt denn auch Seitz-Wald. «Sie hat immer wieder bewiesen, dass sie sich auch in einem harten politischen Umfeld durchzusetzen vermag.»
Sollte Platner die Collins-Hürde schaffen, wäre er definitiv ein «Working Class Hero». Dass dies eine zweifelhafte Ehre sein kann, hat bereits John Lennon aus eigener, leidvoller Erfahrung besungen. «Ein Held der Arbeiterklasse zu sein, das ist schon was», so der Ex-Beatle. «Aber sie hassen dich, wenn du schlau bist, und verachten den Dummen, bis du so total bekloppt bist, dass du ihren Regeln nicht mehr folgen kannst.»
