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Donald Trump und der besoffene Rudy Giuliani

epa10000599 Rudolph W. Giuliani, President Donald J. Trump?s former personal lawyer, gestures during a small press conference with his son Andrew Giuliani, who is running for New York Governor, in New ...
Ob Beten hilft? Rudy Giuliani, Trumps ehemaliger Anwalt.Bild: keystone
Analyse

Donald Trump und der besoffene Rudy Giuliani

Die meisten engen Berater des Ex-Präsidenten rieten ihm, die Wahlniederlage zu akzeptieren – ausser Rudy Giuliani.
14.06.2022, 13:2114.06.2022, 14:04

Als sich die lange Wahlnacht des 3. Novembers allmählich ihrem Ende näherte, überbrachte Wahlkampf-Manager Bill Stepien seinem Boss Donald Trump die schlechte Nachricht. Er habe dem Ex-Präsidenten dargelegt, dass seine Siegeschancen auf «fünf, im besten Fall zehn Prozentpunkte» gesunken seien, erklärte er gestern vor dem Ausschuss zur Abklärung der Ereignisse vom 6. Januar 2021.

Auftritt Rudy Giuliani, Trumps persönlicher Anwalt. Stark alkoholisiert verschaffte er sich Zutritt zu den Räumen, in denen der Ex-Präsident die eintreffenden Wahlergebnisse verfolgte. «Er war definitiv betrunken», erklärte Jason Miller, einer von Trumps Beratern, vor dem Ausschuss. «Wie betrunken er war, als er mit dem Präsidenten sprach, kann ich nicht genau sagen.»

epa10011077 Former Trump campaign lawyer Rudy Giuliani is seen on a monitor during a hearing of the House Select Committee to Investigate the January 6th Attack on the US Capitol, on Capitol Hill in W ...
Per Video-Clip zugeschaltet: Rudy Giuliani.Bild: keystone

Wie viele Promille Giuliani also an jenem schicksalshaften Abend tatsächlich in seinem Blut hatte, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Nicht jedoch das Resultat seines Auftritts beim Ex-Präsidenten. Liz Cheney, die Vize-Präsidentin des Ausschusses, fasste es beim gestrigen Hearing wie folgt zusammen:

«Präsident Trump hat den Rat seiner Wahlkampf-Experten in der Wahlnacht in den Wind geschlagen. Stattdessen folgte er dem Rat eines offensichtlich angetrunkenen Rudy Giuliani. Dieser hatte ihm geraten, sofort zu erklären, er habe gewonnen und darauf zu beharren, dass weiterhin Stimmen gezählt werden, Stimmen, die angeblich gefälscht worden seien.»

Trump hat Giulianis Rat befolgt und genau dies getan. Er hat dabei in den Wind geschlagen, wovor ihn seine Experten gewarnt hatten: die Gefahr einer «roten Fata Morgana». Dieses Phänomen trifft ausgeprägt im Bundesstaat Pennsylvania auf. In diesem oft matchentscheidenden Swingstate dürfen die Brief-Stimmen erst ausgezählt werden, wenn die Wahllokale geschlossen haben. Das bedeutet, dass das definitive Resultat der Abstimmung oft Tage später eintrifft.

Weil deutlich mehr Demokraten als Republikaner brieflich abstimmen, ist die «rote Fata Morgana» in Pennsylvania besonders ausgeprägt eingetroffen. Will heissen: Die ersten Hochrechnungen zeigten einen Sieg der Republikaner – Rot ist die Farbe der GOP – an. Doch dieser Sieg war eine Illusion. Je mehr Brief-Stimmen ausgezählt wurden, desto blauer färbte sich das Resultat ein, bis schliesslich Joe Biden zum Sieger ausgerufen wurde.

FILE - Sidney Powell, right, speaks next to former Mayor of New York Rudy Giuliani, as members of President Donald Trump's legal team, during a news conference at the Republican National Committee hea ...
Bekanntestes Mitglied von «Team Rudy»: die Anwältin Sidney Powell.Bild: keystone

Das wollte Giuliani nicht wahrhaben. «Sie stehlen uns den Sieg», hämmerte er dem Ex-Präsidenten ein. «Woher stammen all diese Stimmen? Wir müssen nun öffentlich erklären, dass wir gewonnen haben.»

In der Folge spaltete sich das Team im Weissen Haus in zwei Lager: ins «Team normal» und ins «Team Rudy». In der zweiten Gruppe waren Spinner versammelt, Leute wie die Anwältin Sidney Powell, welche vor keiner noch so verrückten Verschwörungstheorie zurückschreckte: Die Software der Wahlcomputer sei manipuliert worden, angeblich gar von Hugo Chavez, dem längst verstorbenen Diktator von Venezuela. Oder die Maschinen seien von Italien aus manipuliert worden.

Trotz dieser hanebüchenen Theorien wollte Trump nichts mehr vom «Team normal» wissen. Er hörte einzig noch auf «Team Rudy». Daraufhin warf selbst William Barr, der Justizminister, der bisher sämtliche Schandtaten Trumps mitgetragen hatte, entnervt das Handtuch. «Es war wie bei Whack-a-Mole (einem Spiel, bei dem man einen Maulwurf erschlagen muss, wobei immer wieder ein anderer auftaucht, Anm. d. Verf.)», gab Barr dem Ausschuss zu Protokoll. «Jeden Tag tauchte eine neue Verschwörungstheorie auf.»

Aus all diesen Verschwörungstheorien entstand schliesslich die Big Lie, die Lüge von der angeblichen Wahlmanipulation zugunsten von Biden, an die Trump bis heute glaubt und die er unablässig wiederholt. «Ich habe immer und immer wieder erklärt, das sei verrückt und dass sie ihre Zeit verschwenden würden», so Barr.

FILE - In this Nov. 19, 2020, file photo, former New York Mayor Rudy Giuliani, who was a lawyer for President Donald Trump, speaks during a news conference at the Republican National Committee headqua ...
Hat auch Rudy Giuliani an seine Lügen geglaubt?Bild: keystone

Trump entwickelte, was in den USA auch als die Seinfeld-Lüge bekannt ist. In dieser legendären TV-Serie wird einmal einer in Schwierigkeiten geratenen Person geraten: «Denk daran, es ist keine Lüge, wenn du daran glaubst.» Trump klammert sich offensichtlich an die Seinfeld-Lüge. «Ich habe mir gedacht, mein Gott, wenn er das wirklich glaubt, dann hat er den Kontakt mit der Realität verloren», so Barr.

Allerdings spricht bei Trump einiges gegen die These der Seinfeld-Lüge. Er hat schon im Wahlkampf stets von angeblich manipulierten Wahlen fabuliert und erklärt, nur Wahlbetrug könnte seinen Sieg verhindern. Und er hat diesen eingebildeten Wahlbetrug schamlos für seine eigenen Zwecke ausgenützt.

Am gestrigen Hearing wurde bekannt, dass Trump rund 250 Millionen Dollar an Spenden eingesammelt hat, angeblich, um den imaginären Wahlbetrug aufzuklären. Den grössten Teil dieses Geldes hat Trump jedoch in die eigene Tasche gesteckt. Geld, das zum grössten Teil von seinen Anhängern stammt, die meist nur wenig Geld besitzen.

Zoe Lofgren, ein Mitglied des Ausschusses, erklärte daher:

«In unseren Untersuchungen haben wir Beweise dafür gefunden, dass die Trump-Kampagne und ihre Mitläufer die Spender in die Irre geführt haben. Es war nicht nur eine Big Lie, es war auch ein Big Rip-off (eine grosse Abzocke).»

Als besonders abstossendes Beispiel erwähnte Lofgren Kimberly Guilfoyle, die ehemalige Fox-News-Moderatorin und Partnerin von Donald Trump Jr. Sie kassierte 60’000 Dollar – für eine Rede, die gerade mal drei Minuten dauerte.

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64 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Massalia
14.06.2022 13:58registriert Juni 2021
Das schöne daran ist, dass Trump sogar seine eigene Wählerschaft bescheisst und abzockt. Diese ist leider zu dumm/verblendet, um das je zu verstehen/wahrhaben zu können.
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kleine_lesebrille
14.06.2022 13:33registriert Mai 2022
Ein unehrlicher Durchgeknallter gibt einem anderen unehrlichen Durchgeknallten Ratschläge. Kein Wunder wenn das böse endet.
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TanookiStormtrooper
14.06.2022 13:45registriert August 2015
Als Ergänzung sollte man erwähnen, dass Donnie schon bei der Wahl gegen Clinton immer wieder gesagt hat die Wahl sei gefälscht, wenn er nicht gewinne. Dieses Narrativ hat er schon sehr viel länger aufgebaut.
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