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Ein zerstörter russischer Panzer in der Nähe von Kiew.
Ein zerstörter russischer Panzer in der Nähe von Kiew. Bild: keystone
Analyse

Kräfteverhältnis Russland/Ukraine im Vergleich – das Resultat dürfte Putin nicht gefallen

Die Ostoffensive scheint noch nicht vollständig begonnen zu haben, doch sind sich viele Militärexperten einig: Russland hat bereits verloren.
29.04.2022, 09:3529.04.2022, 09:57

Eine «Spezialoperation» hätte es werden sollen, wenige Tage waren einkalkuliert, mittlerweile sind daraus über zwei Monate geworden – und ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht in Sicht. Der ursprüngliche Plan Russlands, die Ukraine in einem Blitzkrieg von fast allen Seiten einzunehmen, ist gescheitert.

Inzwischen konzentriert sich die russische Armee auf den Osten und Süden der Ukraine, mit bislang bescheidenen Erfolgen. Auf der Gegenseite steigt derweil die Zuversicht, siegreich aus diesem Krieg hervorzugehen. US-Aussenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin liessen bei ihrem Besuch in Kiew von vergangenem Sonntag verlauten, dass die Ukraine gewinnen könne, «wenn sie die richtige Ausrüstung und die richtige Unterstützung haben». Von den USA, die der Ukraine bereits Kriegsmaterial im Wert von drei Milliarden Dollar haben zukommen lassen, ist die Unterstützung gewiss.

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links) und US-Aussenminister Antony Blinken (rechts) trafen sich am vergangenen Sonntag mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links) und US-Aussenminister Antony Blinken (rechts) trafen sich am vergangenen Sonntag mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.Bild: keystone

Die USA sehen sich mittlerweile in einem neuen Kalten Krieg. Das brachte Verteidigungsminister Lloyd Austin überaus deutlich zum Ausdruck:

«Wir wollen Russland derart schwächen, dass es zu Dingen wie der Invasion der Ukraine nicht mehr fähig ist. Es hat schon viel militärische Schlagkraft und zahlreiche Truppen verloren. Sie dürfen nicht in der Lage sein, diese Schlagkraft rasch wiederaufzubauen.»
US-Verteidigungsminister Lloyd Austin

Doch was heisst das? Wie geschwächt ist Russland tatsächlich? Wie viele Kampftruppen sind in der Ukraine? Können die Waffenlieferungen aus dem Westen Russland den Garaus machen? Wie steht es um Strategie, Logistik, Führungsstärke und Moral auf beiden Seiten? Eine Annäherung.

Limitationen
Die folgenden Informationen beziehen sich auf die Aussagen und Analysen führender Militärexperten und Thinkthanks. Viele der Daten beruhen auf Schätzungen und können in der Realität leicht anders aussehen.

Wo stehen die Truppen?

Die Frontlinie kann dank Informationen aus Russland, der Ukraine und Geheimdiensten aus dem Westen relativ genau nachgezeichnet werden. Die Kontaktlinie verläuft von Charkiw im Nordosten über Donezk, bis in die umkämpften Gebiete rund um Mariupol, Melitopol und Cherson im Süden.

Die russischen Streitkräfte haben nach Angaben des Generalstabs in Kiew das Tempo ihrer Angriffe im Osten der Ukraine deutlich erhöht. Die russischen Besatzer würden praktisch von allen Seiten intensiv angreifen und Ziele unter Beschuss nehmen, teilte der Stab in der ukrainischen Hauptstadt mit. Moskau ziehe zusätzliche Kräfte in die Nähe von Isjum im Gebiet Charkiw zusammen. Die US-Denkfabrik «Institute for the Study of War» spricht von kleinen, aber stetigen Fortschritten der russischen Streitkräfte.

Das Ziel der russischen Truppen scheint zu sein, die ukrainischen Kämpfer in der Donbass-Region einzukesseln, indem sie aus mehreren Richtungen vorrücken, unter anderem südlich von Isjum und nördlich von Donezk. Wie der Thinkthank jedoch schreibt, sei «die Fähigkeit der russischen Streitkräfte, grosse Gruppen ukrainischer Streitkräfte einzukesseln, fraglich».

Die russische und ukrainische Truppenstärke im Vergleich

Wie viele Kampftruppen sich tatsächlich gegenüberstehen, ist ebenfalls fraglich. Die Informationen müssen mit grosser Vorsicht genossen werden.

Gemäss dem US-Verteidigungsministerium soll die russische Armee seit Beginn des Kriegs am 24. Februar bereits ein Viertel ihrer Kampfkraft – über alle Truppengattungen hinweg – verloren haben. 76 russische Bataillone (fortan: BTGs) sollen übrig sein. Plus 22 weitere Einheiten, die nördlich der Ukraine überholt und neu ausgerüstet werden.

Jede dieser BTGs umfasst etwa 800 Mann und zehn Panzer sowie weitere gepanzerte Fahrzeuge. Wobei mehrere Experten zu bedenken geben, dass zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar sei, was überhaupt als BTG bezeichnet werden kann und wie hoch ihre Personalstärke ist. Und so schwanken die Angaben darüber, auch zwischen gut 60 und mehr als 80 BTGS.

Was jedoch klar ist: Das russische Militär hat aus den verbleibenden Streitkräften, einschliesslich Stützpunkten im Ausland und Kaliningrad, zusammengetragen, was es konnte. Wie der amerikanische Historiker und Professor für strategische Studien Phillips O'Brien darlegt, kommt die Beschaffung neuer Reserven zudem einer Herkulesaufgabe gleich:

«Die Menschen scheinen zu vergessen, dass eine gesellschaftliche Mobilisierung und ein langer Krieg enorme politische, wirtschaftliche und militärische Risiken für Russland mit sich bringen. Es geht nicht nur darum, Soldaten in die Reihen zu rufen, sondern auch darum, sie auszubilden und auszurüsten. Russland ist nicht gerade in der besten Position, um dies zu tun.»
Professor Phillips O'Brien.

Russland habe kein Ausbildungssystem, um eine Masseneinberufung von unausgebildetem Personal zu bewältigen. Wolle man mehr Soldaten ausbilden, müsste man ein entsprechendes System einrichten. «Das dauert in einem effizienten System normalerweise viele Monate. Erst wenn man das Ausbildungssystem hat, kann man mit dem Aufbau der neuen Armee beginnen», schreibt O'Brien. Im besten Fall könnte Russland in 9 Monaten «schlecht ausgebildete, unmotivierte Wehrpflichtige produzieren, aber das war es dann auch schon.»

Sowohl O'Brien als auch andere Analysten kommen deswegen zum Schluss, dass Russland nicht über genügend Personal verfügen würde, um einen bedeutenden Durchbruch im Osten zu erzielen.

Doch wie sieht es mit der ukrainischen Truppenstärke aus? Auch hier sind Informationen rar. Mick Ryan, ein pensionierter General der australischen Armee, geht aufgrund «verschiedener Quellen» von 45 bis 75 BTGs aus. Also fast gleich viele wie auf russischer Seite.

Ryan gibt jedoch zu bedenken, dass für eine erfolgreiche russische Operation ein Truppenverhältnis von mindestens 3:1 vorliegen müsste. Und «dies setzt voraus, dass die russischen Angreifer gut geführt, versorgt und koordiniert sind. Wie wir im Norden gesehen haben, ist das unwahrscheinlich».

Wer hat mehr Waffen?

Die Truppenstärke ist nur ein Faktor unter vielen im Kräftevergleich. Mindestens genauso wichtig ist das vorhandene Kriegsmaterial. Und hier dürfte die Ukraine trotz präzedenzloser Unterstützung aus dem Ausland im Hintertreffen liegen.

Russland hat ein riesiges Arsenal an klassischen Kampfsystemen. Allein westlich der Wolga sollen 2800 einsatzfähige Panzer vorhanden sein. Weitere 12'000 sollen im Rest des Landes verteilt sein. Russland fehlt es zwar aufgrund der Sanktionen an moderner Technologie wie Chips für Hightech-Waffensysteme, doch diese sind in diesem Krieg eher sekundär. Gekämpft wird wie im Zweiten Weltkrieg: mit klassischen Panzersystemen und Infanterie.

Der Westen – allen voran die USA – geben sich alle Mühe, den materiellen Rückstand der Ukraine mit Unmengen an Waffenlieferungen auszugleichen. Allein aus den Vereinigten Staaten treffen jeden Tag zwischen acht und zehn Flugzeuge mit militärischer Ausrüstung in grenznahen Flughäfen ein. Auch Länder wie Deutschland, die zu Beginn des Krieges zögerlich reagierten, liefern mittlerweile Panzer und anderes schweres Kriegsmaterial.

Fahre mit der Maus über die Länder, um die genauen Waffenlieferungen zu sehen.

Ironischerweise zählt Russland selbst zu den grössten Waffenlieferanten der Ukraine. Die niederländischen Analysten Stijn Mitzer und Joost Oliemans listen auf ihrer Website Oryx sämtliche von den Ukrainern erbeuteten Gegenstände auf. Insgesamt 1190 Panzer, bewaffnete Fahrzeuge, Luftabwehrsysteme und anderes Kriegsgerät wurden bisher erbeutet.

Wie der renommierte Russland-Forscher Michael Kofman vom «Center for Naval Analyses» im US-amerikanischen Arlington jedoch schreibt, wird es noch eine Weile dauern, bis die erbeutete Ausrüstung «einsatzfähig, bemannt und dort eingesetzt ist, wo sie einen spürbaren Unterschied macht». Bis dahin brauche die Ukraine weitere Munitions- und Waffenlieferungen aus dem Ausland.

Die Ukrainer sind taktisch überlegen

Das beste Kriegsmaterial nützt Russland jedoch nichts, wenn es nicht richtig eingesetzt wird. Was uns zu den intellektuellen Aspekten führt, wie man es im Militärjargon zu sagen pflegt. Damit wird die praktische Anwendung von Wissen verstanden – also Kriegsführung, Taktik, Logistik, Führung und Kontrolle. Aber auch organisatorische Konzepte gehören dazu, wie der Aufbau einer Lernkultur oder die Anpassung an neue Gegebenheiten.

Zu den wichtigsten intellektuellen Aspekten, die die Russen – im Osten, aber auch während der gesamten Invasion – unter Beweis gestellt haben, gehören die BTGs als zentrale Kampfformation, die Fähigkeit zum Einsatz von Boden- und Luftstreitkräften und die Fähigkeit, Krieg an mehreren Fronten zu führen.

Wie der pensionierte australische General Mick Ryan festhält, weist Russland in all diesen Bereichen jedoch Defizite auf: «Die Russen haben keine angemessene logistische Unterstützung für ihre Kampftruppen bereitgestellt. Sie haben auch nicht bewiesen, dass sie in der Lage sind, Luft- und Landoperationen gut zu integrieren.»

Zwar hätten einige Quellen festgestellt, dass zusätzliche logistische Einheiten in den Osten verlegt wurden und dass die russischen Lufteinsätze zugenommen haben, aber das reiche nicht aus, um das Problem systematisch zu lösen. Und weiter:

«Ihre Anwendung der kombinierten Kriegsführung scheint suboptimal gewesen zu sein. Panzer wurden allein eingesetzt, ohne Unterstützung durch Infanterie, Pioniere oder die Luftfahrt. Dies widerspricht einmal mehr allen Lehren der modernen kombinierten Kriegsführung.»
Mick Ryan, australischer General.

Die Ukrainer auf der anderen Seite scheinen bislang taktisch alles richtig gemacht zu haben, nicht nur zur Überraschung Russlands. Ihre Aktionen beweisen sich immer wieder als systematisch, gut geplant und sehr effektiv. Sei es im Unterbrechen von russischen Logistikketten oder Russland gleich zu Beginn des Krieges mittels einiger Flieger und einer Reihe verschiedener Luftabwehrsystemen die Luftüberlegenheit zu nehmen, was zu einer sehr hohen Zahl von Verlusten an russischen Flugzeugen führte.

Wobei die Ukrainer gemäss neusten Berichten auch aktive Unterstützung der USA erhielten. So sollen US-Geheimdienste spezifische Koordinaten von russischen Stellungen an die Ukraine überliefert haben. Nichtsdestotrotz: Insgesamt ist der Verschleiss an russischem Personal und Material gigantisch.

Wie steht es um die Moral?

Was uns zum letzten Punkt führt: der Moral. Die Ukrainer beweisen seit Beginn des Krieges einen scheinbar unbändigen Willen und Zusammenhalt. Viele Militärexperten führen dies auf eine gute Ausbildung und viel Erfahrung aus den letzten 8 Jahren Krieg zurück. Zudem erfahren sie Unterstützung aus fast aller Welt.

Auf russischer Seite sieht es anders aus. «Die strategische Führung hat diesen Krieg schlecht geplant», schreibt zum Beispiel Mick Ryan. Es gebe systemische Probleme bei der Ausbildung und der Organisationskultur. Die Moral der Truppen sei entsprechend sehr schlecht.

Der britische Journalist David Patrikarakos hat die ukrainischen Streitkräfte im Donbass besucht. Die Berichte der Soldaten zeichnen ein fürchterliches Bild der Gegenseite:

«Was mich schockiert hat, ist die Gefühllosigkeit der Soldaten von Russland gegenüber ihren eigenen Männern. Sie essen 20 Meter von den verwesenden Körpern ihrer Kameraden entfernt. Sie werfen die Leichen ihrer Freunde einfach in die Gräben. Manchmal machen sie sich nicht einmal die Mühe, sie zu bedecken. Vor einer Weile haben wir ein Grab mit 15 Leichen gefunden. Sie hatten ein bisschen Dreck auf sie geworfen, aber das war's auch schon.»
Bericht eines ukrainischen Soldaten

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Russland nicht mehr die militärische Überlegenheit besitzt, die ihr vor dem Krieg attestiert wurde. Truppenmässig liegen die Ukraine und Russland praktisch gleichauf, lediglich beim Material scheint Russland noch die Oberhand zu besitzen.

Mit vermehrten Waffenlieferungen aus dem Westen scheint es jedoch wahrscheinlich, dass sich der Konflikt zu einem Abnutzungskrieg wandelt. Russland-Experte Michael Kofman sieht in einem solchen Fall leicht bessere Karten für die Ukraine, «aber ich denke, die ehrliche Antwort lautet: ‹Es kommt darauf an›».

Der australische General Mick Ryan zieht ein ähnliches Fazit. Die russische Kampfkraft scheine nicht die Aussicht auf grössere russische Erfolge bei ihrer Ostoffensive zu unterstützen. Und weiter:

«Es mag einige Erfolge geben, aber es gibt zahlreiche Herausforderungen, die darauf hindeuten, dass die Dinge nicht gut für die Russen laufen.»
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186 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Peter R.
29.04.2022 09:45registriert Februar 2019
Dieser Krieg schadet schlussendlich auch Russland selber, in hohem Masse. Warum sieht dies Putin nicht ein, warum sieht es die russische Bevölkerung nicht ein?
2009
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el cóndor terminado
29.04.2022 09:41registriert Juni 2021
Die russische Armee ist immernoch diesselbe wie die rote Armee, eiskalte Mörder. Gegenüber den Gegnern und den eigenen Soldaten. Von den Zivilisten sprechen wir jetzt nicht.
16218
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stegiKnüller
29.04.2022 10:09registriert Dezember 2020
„lediglich beim Material scheint Russland noch die Oberhand zu besitzen.“
ich bin überzeugt, dass die Russen nur quantitativ die Oberhand hat, qualitativ ist die Ukraine wesentlich besser aufgestellt und vor allem moderner ausgerüstet.
ich selbst würde ebenfalls lieber mit einer SIG 9mm dastehen, als mit 7 Hellebarden.
12010
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