Wirtschaft
Schweiz

So aufdringlich war die Behandlung der Pleite-Klinikkette Hair & Skin

Hair & Skin Limmatquai, dauerhaft geschlossen
Konkurs: eine ehemalige Filiale der Klinikkette Hair & Skin.Bild: screenshot google.com/maps/

«Habe geweint»: So aufdringlich war das Geschäftsmodell der Pleite-Klinikkette Hair & Skin

Hair & Skin war mit 14 Kliniken der grösste Anbieter von Schönheitsbehandlungen für Haar und Haut in der Schweiz. Bis zur Konkurseröffnung am Dienstag wuchs die Kette rasant – wegen eines aufdringlichen Geschäftsmodells, wie Kundinnen gegenüber watson kritisieren.
29.08.2024, 05:0029.08.2024, 05:04
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Am Anfang stand ein Versprechen.

«Erfülle dir den Traum von vollem Haar und strahlender Haut beim Marktführer für Haartransplantationen und Eigenblut-Behandlungen. Mit unseren Haar- und Hautbehandlungen konnten wir bereits über 18’000 Kunden glücklich machen.»
Website hairskin.com

18’000 Menschen hat die Klinikkette Hair & Skin Medical AG in der Schweiz betreut, bis das Obergericht Zürich am Dienstag den Konkurs über sie eröffnet hatte. Wie viele dieser Kundinnen und Kunden wirklich «glücklich» waren, kann nicht belegt werden.

Zwei Frauen, die schlechte Erfahrungen mit Hair & Skin gemacht haben, sind sich in einem Punkt einig, wie sie zu watson sagen: Viele Kunden seien gewonnen worden durch ein aufdringliches Geschäftsmodell. Sie hätten es selbst erlebt.

«Habe geweint»

Laura* (38) wollte sich in der Filiale in Baden einer Augenbrauen-Transplantation unterziehen und machte dafür ein unverbindliches Beratungsgespräch ab. Dort wurde sie aber auf eine andere Behandlung aufmerksam gemacht: eine Eigenblut-Haartherapie für die Kopfhaut und Medical Needling für das Gesicht. Kostenpunkt: rund 10’000 Franken. Als sie vor Ort sagte, dass sie zuerst ein paar Tage darüber schlafen wolle, habe man auf sie eingeredet.

Micro Needling
Medical Needling: Diese Behandlung wurde Laura angeboten.Bild: shutterstock

«Das Fachpersonal hat mir gesagt, wenn ich nicht heute den Vertrag unterschreibe, würde ich keinen Behandlungstermin mehr erhalten», erinnert sie sich. Als sie noch immer nicht überzeugt war, habe eine Mitarbeitende nochmals ihre Kopfhaut angeschaut und gesagt, wenn sie nicht bald etwas unternehme, werde sie eine Glatze bekommen. «Ich habe dann unterschrieben, bin aus der Filiale rausgelaufen und habe angefangen zu weinen, weil ich keine Glatze bekommen wollte», sagt Laura. Erst als sie später mit einer Freundin darüber sprach, habe sie realisiert, wie sehr sie von Hair & Skin unter Druck gesetzt wurde.

Laura schaltete schliesslich ihre Rechtsschutzversicherung ein, um fristgerecht vom Vertrag zurückzutreten. Doch Hair & Skin habe sie weiterhin mit Rechnungen und Mahnungen bombardiert. «Über 5 Monate später und nach zig E-Mails von meinem Rechtsschutz wurde endlich der ganze Rechnungsbetrag storniert. Ich will gar nicht daran denken, wie es Menschen ergeht, die keinen Rechtsschutz haben», sagt sie.

Ähnliches erlebte Julia (37). Sie besuchte vergangenes Jahr die Hair & Skin-Filiale am Zürcher Limmatquai für ein unverbindliches Beratungsgespräch zur Eigenblut-Haarbehandlung. «Sie haben mir sofort ihre teure Standard-Behandlung angeboten und wollten, dass ich einen Vertrag unterzeichne», sagt sie. Auch ihr wurde mit Nachdruck nochmals gesagt, dass ihre Haare sehr dünn aussehen und sie so schnell wie möglich etwas dagegen unternehmen müsse. Schliesslich unterschrieb Julia den Vertrag. Die Behandlung brach sie jedoch ab, da sie sich nicht professionell betreut fühlte, wie sie zu watson sagt.

Geschichten wie die von Laura und Julia liest man in den Google-Rezensionen der 14 Hair & Skin-Kliniken unzählige. Etwa: «Achtung, obwohl ich nie den Vertrag unterzeichnet habe, schickte mir Hair & Skin Rechnungen und Mahnungen zu.» Oder:

«Ich habe den Vertrag, als ich wieder zu Hause war, storniert, und trotzdem haben sie mir monatelang Rechnungen geschickt.»

Das «unverbindliche Beratungsgespräch» und der «verbindliche Vertrag» mit dem «Rechnungsterror» sind oft ein Thema. Doch auch die Behandlungen werden vielfach kritisiert: «Die Haartransplantation ist leider komplett misslungen, musste den Anwalt einschalten.»

Kritik von vier ehemaligen Kunden kam auch in einem Beitrag der Sendung SRF Impact. Alle waren sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis und bemängelten, dass kein Arzt oder Ärztin die Operation durchgeführt habe.

Der «SRF-Impact»-Beitrag, in dem auch Hair & Skin thematisiert wird. Video: YouTube/SRF Impact

Gegenüber «SRF Impact» liess Hair & Skin damals mitteilen, dass die «Haartransplantationen nach medizinischen Standards» erfolgen und «vom Team unter der Verantwortung von qualifizierten Ärzten durchgeführt» würden. Ob aber ein Arzt den Eingriff vornimmt, liessen sie unbeantwortet.

Trotz all dieser Kritik sah es bis am Dienstag bei Hair & Skin danach aus, als würde die Firma seit der Gründung nur noch wachsen. Der grösste Player am Schweizer Markt war sie ja bereits. Wie konnte so ein Koloss zerbröckeln?

Erfolgreicher Serienunternehmer

Ein Blick zurück: Mitgegründet wurde die Hair & Skin Medical AG 2020 vom Schweizer Serienunternehmer Ertan Wittwer. Sein erstes Unternehmen, die Zahnarzt-Kette Bestsmile, gründete er 2018. 2022 verkaufte er die Firma an die Migros. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, doch für Wittwer muss es sich gelohnt haben: Die «Bilanz» schätzte sein Vermögen zuletzt auf 50 bis 100 Millionen Franken.

Kritik an Bestsmile
Eine Recherche von watson im Frühling 2023 zu Bestsmile zeigte, dass die Zahnarztkette mit Vorher-Nachher-Bildern warb, die bestehende Zahnfehlstellungen aufzeigten. Der Direktor der Klinik für Kieferorthopädie und Kinderzahnmedizin an der Universität Zürich sagte damals zu den Bestsmile-Ergebnissen: «Die Effizienz einer Behandlungsmethode kann sich nicht darauf beschränken, aus einer Fehlstellung eine neue zu erzeugen.» Auch der Verkauf von Bestsmile an die Migros sorgte im Nachgang für Schlagzeilen. Wie CH Media im Februar aufdeckte, kündigte die Migros-Leitung eine Untersuchung zum Kauf an. Der Verdacht: Bei Bestsmile wurden die Zahlen beschönigt, um einen höheren Preis verlangen zu können. Gegenüber dem Finanzblog Inside Paradeplatz sagte der Bestsmile-Gründer Ertan Wittwer, alles sei korrekt abgelaufen. Der Finanzblog will jedoch von einem Migros-Insider wissen, dass man bei den internen Bestsmile-Untersuchungen auf fragwürdige Praktiken gestossen sei. Wie es wirklich war, wird sich noch herausstellen. Fakt ist: Bestsmile läuft nicht so gut für die Migros wie erhofft. 10 Prozent des Personals wurden seit der Übernahme durch die Migros entlassen.

Seither gründete Wittwer diverse Unternehmen im Medical-Retail-Bereich. Auf Bestsmile folgte Hair & Skin, danach Betterview für Augenlasern, Care für Blutanalysen und Cada Fertility, ein Unternehmen, das sein Geld in der Fortpflanzungsmedizin machen will. Kaum hat Wittwer eine neue Firma gegründet, beginnt er auch schon mit einer schnellen Expansion, die sich dann wieder etwas korrigiert. Bestsmile etwa war zu den Bestzeiten an 36 Standorten zu finden, mittlerweile sind es noch 27. Hair & Skin war zu Spitzenzeiten an 19 Standorten präsent, bis letzten Dienstag waren es noch 14 in der Schweiz.

Im Frühling dieses Jahres eröffnete gar die erste Hair & Skin-Filiale im Ausland – in London – und weitere in den USA sollten 2025 folgen. Gegenüber der «Bilanz» teilte das Unternehmen im Januar 2024 mit, dass der aktuelle Umsatz im mittleren zweistelligen Millionenbereich liege und die Hair & Skin-Gruppe ab dem vierten Quartal 2024 profitabel sein werde.

Gründe unbekannt

Von diesen Erfolgsaussichten ist seit der Konkurseröffnung am Dienstag nichts mehr übrig geblieben. Mitarbeitende bangen sogar um ihre Löhne. Die Gründe für die Pleite sind noch nicht bekannt. Hair & Skin-Gründer Ertan Wittwer liess eine Anfrage von watson unbeantwortet. Auch das Zürcher Obergericht, welches den Konkurs eröffnet hat, war bis Mittwochabend nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Hair & Skin schreibt in einer letzten E-Mail an die Kundschaft:

«Alle Behandlungen und Beratungen in unseren Kliniken müssen per sofort leider eingestellt werden. Es war immer unser Ziel, die beste medizinische Versorgung zu bieten, und es tut uns aufrichtig leid, dass wir diesem Anspruch unter den neuen Umständen nicht mehr gerecht werden können.»

Nicht jedes Versprechen wird eingehalten.

*(Namen der Redaktion bekannt)

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74 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wurstbrot
29.08.2024 06:45registriert Juni 2018
Gut, dass dieser Laden dicht ist.
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Lukas Krebs
29.08.2024 07:39registriert September 2021
Oh wow, und vor wenigen Wochen haben sie mit einer Socialmedia Werbekampagne noch Neukunden angelockt mit bis zu 1500.- Rabatt. Da könnte man glatt denken, dass die doch schon wussten zu dem Zeitpunkt, dass die Behandlungen nie stattfinden werden…
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Hans Stark
29.08.2024 07:38registriert März 2023
Ich war auch mal in so einer Filiale und nehme das geschilderte im Beitrag nur zu gerne ab. Ich wurde gedrängt ein Dokument zu unterzeichnen, was ich zum Glück nicht getan habe. Nach dem verlassen des Landens war mir klar, dass ich diese Gauner nicht an meinen Körper lasse.
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