Blogs
Sektenblog

In Zürich wurde der Dalai Lama wie ein Popstar gefeiert – das verstört

Tibetan spiritual leader, the Dalai Lama, Tenzin Gyatso, center, attends a ceremony during a public talk at the Hallenstadion in Zurich, Switzerland on Sunday, August 25, 2024. (KEYSTONE/Michael Buhol ...
Buddhisten verehren «Seine Heiligkeit» in Zürich.Bild: KEYSTONE
Sektenblog

In Zürich wurde der Dalai Lama wie ein Popstar gefeiert – das verstört

Das tibetische Oberhaupt müsste wie ein bescheidener Mönch zurückgezogen leben, doch «Seine Heiligkeit» wird von den Buddhismus-Fans wie ein Messias verehrt.
31.08.2024, 08:06
Mehr «Blogs»

Am vergangenen Sonntag empfing Zürich den Dalai Lama wie ein Popstar. Das Hallenstadion war in kürzester Zeit ausverkauft, ein Grossteil der buddhistischen Fangemeinde hatte das Nachsehen.

Das 89-jährige tibetische Oberhaupt jettet immer noch wie ein Superstar umher und verzaubert mit seinen Unterweisungen die vielen Buddhismus-Fans. Sein Status als «Ocean der Weisheit» und seine tragische Lebensgeschichte treiben den Personenkult in ungeahnte Höhen.

Durch das Hallenstadion hallte tausendfach der Ruf:

«Lang lebe der Dalai Lama!»

Wo immer Tendzin Gyatsho auftaucht, brechen Jubelstürme aus, und die Medien überschlagen sich mit Lobeshymnen. Es ist deshalb Zeit, die weniger hellen Seiten des Dalai Lamas und des tibetischen Buddhismus zu beleuchten.

Verehrung des Dalai Lamas

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der 14. Dalai Lama ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, der sich für die Befreiung Tibets einsetzt. Das tibetische Oberhaupt ist aber auch eine tragische Figur, weil seine Lebensmission gescheitert ist. Und weil er sich in jungen Jahren unbedarft von den Chinesen über den Tisch ziehen liess.

Einzug des Dalai Lamas in Zürich.Video: YouTube/Dalai Lama

Dieses Spannungsfeld ist der Stoff, aus dem sich die Verehrung nährt. Der Personenkult passt aber schlecht zum Mythos des bescheidenen Mönchs. Seine Anhänger projizieren ihre spirituellen Sehnsüchte ungefiltert auf ihn, was ihn eigentlich befremden müsste.

Dabei wäre es seine Bestimmung, zurückgezogen zu leben, um seine spirituelle Entwicklung zu vervollständigen. «Ich bin es mir geradezu schuldig, mich mit allen Kräften um die Entwicklung meines Geistes zu kümmern», schrieb er in seinem Buch «Der Wille zum Frieden».

Luxusreisen rund um die Welt

Doch «Seine Heiligkeit» jettet seit Jahrzehnten mit dem Helikopter oder Privatjet von seiner Residenz im indischen Dharamsala nach Delhi, fliegt in der gehobenen Klasse um die Welt, residiert in Luxushotels und liess sich kürzlich in New York seine Knie operieren.

epaselect epa11563858 Tibetan Buddhism spiritual leader, the Dalai Lama, Tenzin Gyatso, attends a public talk at the Hallenstadion in Zurich, Switzerland, 25 August 2024. EPA/MICHAEL BUHOLZER
Der 89-jährige Dalai Lama.Bild: keystone

Doch der politische Kampf des als Nationalheld gefeierten Oberhauptes wirkt halbherzig. Er gibt sich offen und tolerant - und wirkt oft beliebig. Selbst bei der Kritik an China, das Tibet okkupiert hat und brutal unterdrückt, ist er zurückhaltend und gibt sich diplomatisch. Lieber macht er belanglose «Langlebe-Zeremonien» wie in Zürich.

Der Dalai Lama ist ein Gejagter und ein Getriebener: gejagt von den Chinesen, getrieben von seinen Fans. Und in jüngster Zeit auch von jungen Tibetern, die von ihm einen härteren Kurs gegen China verlangen.

Da wundert es nicht, dass er selbst dann etwas verstört lächelt, wenn er nach dem Schicksal seines gepeinigten Volkes gefragt wird. In einem Interview sagte er: «Es bringt einfach nichts, wenn man sich ärgert. Nicht einmal über seine Feinde soll man sich ärgern. Es ist intelligenter, seine Feinde zu lieben.»

Die Chinesen freuen sich über solche Aussagen des Dalai Lamas. Doch wie klingen sie in den Ohren gefolterter Tibeter?

Solche Sätze kann nur jemand von sich geben, dessen Lebensinhalt die Spiritualität ist. Der Dalai Lama betrachtet das Weltliche als Grundlage, um mit der Meditation das Irdische zu überwinden. Es überrascht deshalb nicht, dass der frühere Slogan «Free Tibet» weitgehend verstummt ist.

Debatten an Universitäten

Der Dalai Lama gibt gern den aufgeklärten spirituellen Lehrer und debattiert gelegentlich an Universitäten mit Naturwissenschaftlern über die Quantentheorie. Dabei kaschiert er, dass er ein magisches Denken kultiviert. So befragt immer mal wieder sein Staatsorakel Nechung, ein Mönch mit angeblich besonderen seherischen Fähigkeiten.

Seine Anhänger verdrängen auch, dass Tibet stets eine absolutistische Theokratie und eine klerikale Feudalherrschaft war, in der Leibeigentum bis in die Neuzeit praktiziert wurde. Die Klöster unterdrückten das Volk und beuteten es aus. Bei dieser Mentalität wundert es nicht, dass Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden.

Im «Tibetanischen Totenbuch» treten blutrünstige Monster auf, die zum Wohlgeruch Räucherwerk aus Menschenfleisch verbrennen und Banner aus abgezogener Kinderhaut tragen.

Schlecht ins Bild passt auch, dass der Dalai Lama früher mit zweifelhaften Figuren Kontakt pflegte. So traf er den österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider und mehrfach den japanischen Guru Shoko Asahara (Aum), der in seinem apokalyptischen Wahn 1995 Saringas-Anschläge auf die U-Bahn von Tokio ausführen liess, bei denen 12 Personen starben und 5500 verletzt wurden. Fotos zeigen den Dalai Lama Hand in Hand mit dem durchgeknallten Guru.

Glaube an Magie und Wunder

Im tibetischen Buddhismus grassiert auch heute noch der Glaube an Magie und Wunder. Da treiben Dämonen und Totengeister ihr Unwesen. Im «Tibetanischen Totenbuch» treten blutrünstige Monster auf, die zum Wohlgeruch Räucherwerk aus Menschenfleisch verbrennen und Banner aus abgezogener Kinderhaut tragen.

Diese wenig erbauliche Aspekte des Dalai Lama und des tibetischen Buddhismus verdrängten die Besucher im Hallenstadion. Sie wollten sich das spirituelle Happening und die Verehrung ihres Gottkönigs - wie der Dalai Lama auch schon genannt wurde - nicht vermiesen lassen.

Sektenblog

Sektenblog

Hugo Stamm, Sektenblog
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
635 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
frereau
31.08.2024 08:30registriert Januar 2019
Danke!
Endlich mal ein kritischer Beitrag zur Dalai Lama Hysterie.
Religion bleibt Religion und die Verklärung, welche von einem Teil der Bevölkerung im Westen gegenüber dem Buddhismus entgegengebracht wird ist teilweise fast schon peinlich.
19642
Melden
Zum Kommentar
avatar
Haarspalter
31.08.2024 09:56registriert Oktober 2020
Siddharta Gautama Buddha wollte sich von der Herrschaft der Brahmanen - der Priesterklasse - lösen, ebenso wie vom Geister- und Götterglauben des Hinduismus.

Mit der Einführung der Buddhismus in Tibet 1000 Jahre später wurde aber das Gegenteil im Sinne einer „Gegenreform“ umgesetzt:
Die Privilegien der Priesterklasse wurden gefestigt, und der ursprüngliche Glaube an Geister & Dämonen (Animismus, Schamanismus) den einfachen Leuten gelassen.

Somit erging es Buddha wie Jesus:
Am Ende wird ihre bahnbrechende Philosophie durch die Mächtigen instrumentalisiert, um an der Macht zu bleiben.
1035
Melden
Zum Kommentar
avatar
MALUS
31.08.2024 08:38registriert Januar 2021
Der grosse Unterschied zwischen
einem Besuch des Dalai Lama und
einem Besuch Papstes in der CH ist,

beim Dalai Lama muss offenbar
kein Mitglied des Bundesrat
zur Huldigung und Lobpreisung antraben.

Oder habe ich es übersehen?
9035
Melden
Zum Kommentar
635
    Ich habe ein Burn-out – muss mein Chef mir helfen?
    Deine Arbeitgeberin muss deine Gesundheit schützen, du als Arbeitnehmer musst deinen Chef frühzeitig warnen, wenn die Arbeit deine Gesundheit gefährdet. Tust du das nicht und erleidest ein Burn-out, riskierst du eine weitere böse Überraschung.

    Ein Burn-out ist gemäss dem Katalog der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO ein chronischer, arbeitsplatzbezogener Stresszustand. Die betroffene Person ist emotional erschöpft, denkt, nicht mehr leistungsfähig zu ein und hat eine negativ distanzierte Haltung zum eigenen Job.

    Zur Story