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Soldaten der afghanischen Armee bewachen den US-Stützpunkt Bagram Air Base.
Soldaten der afghanischen Armee bewachen den US-Stützpunkt Bagram Air Base.
Bild: keystone
Analyse

Warum die Amerikaner in Afghanistan versagt haben

Ausser zehntausenden von Toten und Billionen Dollars an Spesen haben die US-Truppen nichts vorzuweisen.
09.07.2021, 14:3909.07.2021, 20:43

«Mission accomplished» verkündete George W. Bush am 1. Mai 2003 an Bord des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln. Der Irak-Feldzug sei ein voller Erfolg gewesen, so der 43. US-Präsident. Es war die Fehleinschätzung des Jahrzehnts. Die US-Truppen sollten noch jahrelang im Sumpf eines hässlichen Krieges stecken bleiben.

Auch Joe Biden will endlich den Krieg in Afghanistan beenden, den längsten, den die USA je geführt haben. Die meisten amerikanischen Soldaten sind schon auf dem Heimweg. Das Herz der US-Armee, der Luftwaffenstützpunkt Bagram Air Base, ist an die afghanische Armee übergeben worden. Spätestens im September sollen nur noch 650 US-Soldaten die amerikanische Botschaft in Kabul schützen.

Präsident Geroge W. Bush bei seiner fatalen Mission-accomplished-Rede.
Präsident Geroge W. Bush bei seiner fatalen Mission-accomplished-Rede.
Bild: comments://951593119/287042

An «Mission erfüllt» mag der 46. US-Präsident jedoch nicht denken. Gestern rechtfertigte er einmal mehr den Truppenabzug und gab dabei kleinlaut zu: «Die Mission war kein Fehlschlag – bis jetzt.»

Tatsächlich ist der Feldzug in Afghanistan alles andere als ein Ruhmesblatt für die Amerikaner. Mehr als 2000 US-Soldaten sind gefallen, mehr als 40’000 afghanische Zivilisten mussten ihr Leben lassen. Insgesamt hat das rund 20 Jahre dauernde Abenteuer im Hindukusch mehr als zwei Billionen Dollar verschlungen. Aber wofür?

Verletzter Knabe in Kandahar. Die afghanische Zivilbevölkerung leidet.
Verletzter Knabe in Kandahar. Die afghanische Zivilbevölkerung leidet.
Bild: keystone

Die USA haben zwar inzwischen eine 300’000 Mann starke Armee auf die Beine gestellt. Doch sie scheint bereits geschlagen zu sein. Die afghanischen Soldaten haben keine Lust, gegen die vorrückenden Taliban zu kämpfen, obwohl sie ihnen zahlenmässig weit überlegen sind. Die rund 60’000 Taliban-Kämpfer erobern täglich neue Gebiete – und erbeuten moderne Waffen, welche die afghanischen Soldaten zurücklassen.

Der Sinn dieses Krieges – sollte es denn je einen gegeben haben – ist längst nicht mehr erkennbar. Die US-Truppen haben zwar kaum noch Opfer zu verzeichnen, aber auch keine erkennbaren Erfolge. Leiden muss vor allem die Zivilbevölkerung. «Warum müssen jede Woche hunderte von Afghanen sterben, weil 3000 Amerikaner am 11. September gestorben sind?», zitiert das Magazin «Foreign Affairs» einen Friedensaktivisten.

Die ersten US-Soldaten rückten im Oktober 2001 in Afghanistan ein, mit der Billigung der Uno und unter Applaus des Westens. Schliesslich hatte sich Osama bin Laden im Hindukusch versteckt und von dort aus den Anschlag auf das World Trade Center geplant. Die damals herrschende Taliban-Regierung hatte ihn dabei unterstützt und auch Trainingslager für Al-Qaida-Terroristen geduldet.

Zunächst sah alles nach einer erfolgreichen Mission aus. Ohne nennenswerte eigene Verluste wurde die Taliban-Regierung innerhalb von 60 Tagen gestürzt und die Al-Qaida-Terroristen wurden in die Flucht geschlagen. Selbst die Kosten blieben überschaubar. Nicht einmal vier Milliarden Dollar hatte der Feldzug bis zu diesem Zeitpunkt verschlungen.

Hatte 9/11 in Afghanistan geplant: Osama bin Laden.
Hatte 9/11 in Afghanistan geplant: Osama bin Laden.
Bild: EPA

Danach ging es rasch begab. Bin Laden konnte nach Pakistan entkommen. Die USA legten die Hände in den Schoss. «Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wollte nicht in eine afghanische Armee investieren», stellt Christina Lamb in «Foreign Affairs» fest. «Bis Ende 2003 wurden gerade mal 6000 afghanische Soldaten ausgebildet.»

Anstatt die Taliban endgültig zu besiegen und in Afghanistan eine stabile Regierung aufzubauen, stürzten sich die Amerikaner in einen sinnlosen Feldzug gegen Saddam Hussein im Irak. Das ermöglichte es den Taliban, sich in Pakistan ungestört neu zu gruppieren, denn die USA unternahmen nie ernsthafte Bemühungen, das Doppelspiel der pakistanischen Regierung zu stoppen. Im Gegenteil, die Bush-Regierung liess ihr rund 12 Milliarden Dollar Militärhilfe zukommen.

Vor allem ist es den amerikanischen Soldaten nie gelungen, einen Draht zur ländlichen Bevölkerung Afghanistans zu finden. In ihren martialischen Ausrüstungen mussten sie den einfachen Bauern wie Lebewesen von einem anderen Stern erscheinen. Die Taliban hingegen profitierten vom Stolz der Landbevölkerung, fremde Invasoren stets vertrieben zu haben. Nach dem Motto: «Ihr habt alle Uhren, aber wir haben alle Zeit», haben die afghanischen Warlords zuerst den Briten und dann den Russen die Stirn geboten.

Afghanistan wurde auch für die Amerikaner bald zu einer Falle. Schon Präsident Barack Obama wollte deshalb die Truppen abziehen, mit ausdrücklicher Unterstützung seines Vize Joe Biden übrigens. Er konnte sich jedoch letztlich nicht dazu durchringen. Zu gross schien der Image-Verlust für die Supermacht USA.

Bereiten ihre Abreise vor: US-Soldaten in Afghanistan.
Bereiten ihre Abreise vor: US-Soldaten in Afghanistan.
Bild: keystone

Donald Trump hatte wenig Interesse an Afghanistan, zumal der Krieg auch die Amerikaner kaum noch bewegte. Anders als in Vietnam hielten sich die Opferzahlen in Grenzen. Im Februar 2020 begann die Regierung Trump mit den Taliban zu verhandeln und erreichte einen Deal, wonach sich die Amerikaner bis zum 1. Mai 2021 aus Afghanistan zurückziehen würden. Mit ein paar Monaten Verspätung hat Biden diesen Deal nun umgesetzt.

Die Taliban hatten sich im Gegenzug verpflichtet, keinen militärischen Sieg anzustreben. Ob sie dieses Versprechen einhalten werden, ist fraglich. Gegenüber der «Washington Post» hatte ein führender Taliban-Kommandant offen erklärt: «In diesem Kampf geht es nicht darum, die Macht zu teilen. In diesem Kampf geht es darum, eine islamische Regierung zu bilden und islamisches Recht durchzusetzen.»

Das verspricht nichts Gutes für die afghanische Bevölkerung, vor allem nicht für die Frauen. Sie müssen um ihre hart errungenen Freiheiten bangen. Den Amerikaner bleibt die Pflicht, all jenen zu helfen, die sie unterstützt hatten. Das zumindest will Präsident Biden tun. Er hat versprochen, den rund 16’000 afghanischen Übersetzern Asyl anzubieten und sie so vor dem sicheren Tod zu bewahren.

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quelle: x02863 / mohammad ismail
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