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Analyse

Tucker Carlson, der gefährlichste Mann Amerikas

Der Fox-News-Star ist der wichtigste Vertreter der These vom «Grossen Austausch», der Doktrin der White Supremacists.
17.05.2022, 16:4218.05.2022, 09:43

Spinner gibt es in jeder Gesellschaft, auch Verschwörungstheorien. Die These vom «Grossen Austausch» (great replacement) deckt beide Aspekte ab: Sie wird von Spinnern verbreitet und besagt, dass Immigranten die einheimische Bevölkerung verdrängen wollen.

Die moderne Version des «Grossen Austauschs» stammt aus Frankreich, wo der Philosoph Renaud Camus und der Schriftsteller Jean Raspail sie in den letzten zehn Jahren populär gemacht haben. Die Idee dahinter ist jedoch viel älter. Kathleen Below, eine auf die rechtsextreme US-Szene spezialisierte Historikerin, erklärt dazu im «New Yorker»:

«Es ist im Grunde genommen die gleiche Ideologie, die auch hinter der Verschwörungstheorie einer neuen Weltordnung steckt, der Idee einer zionistischen Weltregierung. Diese waren bereits in den 80er- und 90er-Jahren weit verbreitet. Versionen davon gehen gar noch weiter zurück, etwa zu Schriften wie den berüchtigten ‹Protokolle der Weisen von Zion›.»

In den USA beschränkt sich die These vom Grossen Austausch längst nicht mehr auf Spinner und Verschwörungstheoretiker. Sie ist im Mainstream angekommen. Die Zahlen dazu sind erschreckend. So meldete die Agentur Associated Press kürzlich, dass einer von drei Erwachsenen überzeugt ist, dass Bestrebungen im Gang seien, die «eingeborenen Amerikaner mit Immigranten zu ersetzen, um so Wahlen zu gewinnen».

Besonders verbreitet ist diese Ansicht innerhalb der Grand Old Party (GOP). Fast die Hälfte der Mitglieder der Republikaner hängen der Grossen-Austausch-These an. Namhafte Vertreter der GOP stehen öffentlich dazu, und zwar nicht nur Extremisten am äussersten rechten Rand wie Matt Gaetz und Marjorie Taylor Green. Auch Elise Stefanik, die Nummer drei bei den Republikanern, erklärte jüngst, die Demokraten würden eine Amnestie für Immigranten planen, um sich so eine permanente Mehrheit bei den Wahlen zu sichern. Auf gleiche Weise äusserste sich auch Ron Johnson, Senator aus Wisconsin.

Verbreitet den Grossen Austausch: Die Kongressabgeordnete Elise Stefanik.
Verbreitet den Grossen Austausch: Die Kongressabgeordnete Elise Stefanik. Bild: keystone

Am meisten zur Verbreitung der Grossen-Austauch-These beigetragen hat jedoch Tucker Carlson. Die «New York Times» hat nachgezählt und ist zum Ergebnis gekommen, wonach der neue Star bei Fox News diese These rund 400-mal in seiner Sendung erwähnt hat. «Es ist mehr als eine kleine Pipeline», erklärt dazu Chris Stirewalt, ein ehemaliger Polit-Analyst bei Fox News. «Es ist ein offener Kanal.»

Ein typisches Statement von Carlson lautet wie folgt:

«Ich weiss, dass die Linken und die kleinen Wachhunde auf Twitter hysterisch werden, wenn ich nur den Begriff ‹Austausch› erwähne. Oder wenn ich darauf hinweise, dass die Demokraten versuchen, die bestehende Wählerschaft mit Wählern zu ersetzen, die in ihrem Sinne abstimmen, mit Wählern aus der Dritten Welt. Sie werden hysterisch, weil sie wissen, dass es stimmt.»

Die permanente Wiederholung der Grossen-Austausch-These bei Carlson zeigt Wikung. Nicole Hammer, Historikerin an der Columbia University, erklärt dazu in der «New York Times»:

«Jemand wie Carlson kann seine Zuschauer an Ideen heranführen, die sie danach im Internet vertiefen. Jemand wie Carlson ist auch wichtig, weil er diese Ideen legitimiert und sie weniger radikal erscheinen lässt.»

Obwohl es keinen direkten Bezug zu Carlson gibt, ist Payton S. Gendron jemand, der auf diese Weise radikalisiert wurde. Der 18-jährige Attentäter hat am vergangenen Samstag in der Stadt Buffalo zehn Menschen getötet und zwei weitere verwundet. Zuvor hatte er im Internet ein 180-seitiges Dokument verbreitet, indem er sich auf die Thesen des Grossen Austausches bezieht.

Trauer bei den Angehörigen der Opfer des Attentats von Buffalo.
Trauer bei den Angehörigen der Opfer des Attentats von Buffalo.Bild: keystone

Auf sein Gewehr hat der Attentäter nebst rassistischen Sprüchen auch die Zahl 14 gesprayt. Diese bezieht sich auf einen bekannten Slogan von David Eden Lane, einem bekannten Vertreter der White Supremacists aus den 80er-Jahren, der in 14 Worten den Anspruch der weissen Rasse auf die Macht begründet. Der Spruch lautet: «We must secure the existence of our people and a future for white children.»

Gendron ist beileibe nicht der Erste, der sich auf die Grosse-Austausch-These beruft. Er hat in seinem Dokument weite Passagen von Brenton Harrison Tarrant übernommen, dem Attentäter, der im März 2019 in der neuseeländischen Stadt Christchurch 51 Muslime erschossen hatte. Auch der Terrorist, der im August 2019 in El Paso (Texas) 22 Menschen hingerichtet hat, beruft sich auf diese These.

Tucker Carlson hat auf das jüngste Attentat reagiert, wie er immer reagiert. Er verurteilt zwar die Gewalt, will aber nichts damit zu tun haben und sieht sich erst recht nicht als Täter, sondern als Opfer. Die Elite wolle ihn mundtot machen, klagt er und versteigt sich gar zur These, die wahren Rassisten seien nicht etwa die White Supremacists, sondern die Demokraten mit ihrer Identitätspolitik.

Auch die Republikaner geben sich bedeckt. Ausser den üblichen Sprüchen wollten sie sich zum Attentat von Buffalo nicht äussern – mit einer löblichen Ausnahme. Liz Cheney, die in Ungnade gefallene ehemalige Nummer drei der GOP, tweetete:

«Die Führung der GOP hat weissen Nationalismus, White Supremacy und Antisemitismus ermöglicht. Die Geschichte lehrt uns, dass das, was mit Worten beginnt, sehr viel schlimmer endet. Die Führer der GOP müssen sich von diesen Ideen und ihren Vertretern distanzieren.»
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140 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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KLeeX
17.05.2022 17:11registriert Januar 2014
Eigentlich sind ja die Ureinwohner die echten Amerikaner. Die anderen sind ja alles Immigranten.
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HappyUster
17.05.2022 17:38registriert August 2020
Der "grosse Austausch" begann mit der Übersiedlung von Europa nach Amerika. Aber 🤫🤫🤫 sie wissen es nicht Besser.
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Aruma
17.05.2022 16:59registriert Januar 2020
Hätte nie gedacht, dass ich einer Stellungnahme von Liz Cheney je zustimmen könnte.
Warum haben nicht viel mehr Leute Rückgrat?
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