International
Armee

Angriff der Ukraine auf Russlands Öl-Industrie im Raum St. Petersburg

Die Ukraine schlägt zurück: «Das hat man seit zwei Jahren nicht mehr gesehen»

Die russische Armee hat ihren früheren Angriffsschwung verloren, sagen Experten. Doch das ist nicht die einzige gute Nachricht für die Ukraine.
27.03.2026, 22:4627.03.2026, 22:47
Bojan Stula
Bojan Stula

Im Schatten von Donald Trumps Iran-Krieg geschieht in der Ukraine Dramatisches. Die Lockerung der Öl-Sanktionen gegen Russland durch die USA beantwortet Kiew mit einer beispiellosen Luftoffensive gegen die Öl-Industrie im Raum St. Petersburg – rund 1000 Kilometer von der eigenen Grenze entfernt.

Im Internet kursieren aktuell zahlreiche Bilder und Videos von spektakulären Grossbränden in Öl-Anlagen; so aus den Baltik-Häfen Ust-Luga und Primorsk. Diese Angriffe sind Teil einer grösseren Strategie. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sind inzwischen rund 40 Prozent der russischen Ölexportkapazität ausser Betrieb. Schwer getroffen wurde einmal mehr auch die zweitgrösste Raffinerie des Landes, Kirischi, südöstlich von St. Petersburg.

In this photo released by Telegram Channel of Leningrad Region Governor Alexander Drozdenko fire fighters extinguish the blaze at Russia's second-largest natural gas producer, Novatek in Ust-Luga ...
Bereits vor zwei Jahren gab es einen Brand beim zweitgrössten russischen Gasproduzenten Novatek in Ust-Luga. Bild: keystone

Dies sei «die schwerste Störung der Ölversorgung in der modernen Geschichte Russlands», so Reuters. Da Energieexporte eine zentrale Einnahmequelle für Moskau darstellen, trifft dies den russischen Staatshaushalt – und damit die Finanzierung des Krieges – empfindlich.

Parallel dazu verdichten sich aber auch die Hinweise auf eine bemerkenswerte Verschiebung im gesamten Kriegsverlauf. Während Russland offiziell weiter an einer gross angelegten Frühjahrs- und Sommeroffensive festhält, wird es immer offensichtlicher, dass die Ukraine zunehmend die Initiative zurückgewinnt: militärisch, technologisch und strategisch.

Drohnenkrieg verschiebt die Front

Der Militärkorrespondent Stefan Korschak beschreibt in einem Meinungsbeitrag für die «Kyiv Post», wie die Ukraine mit ihrer innovativen Drohnenindustrie eine neue Dimension der Kriegsführung etabliert habe. Mit Abfangdrohnen wurde ein effektives Gegenmittel gegen die russischen Schahed- und Geran-Luftangriffswellen gefunden. In einer Senatsanhörung hat US-Generalleutnant Steven Whitney jüngst die ukrainische Luftabwehr als die beste auf dem Planeten bezeichnet: «Ihr Innovationsgrad ist nicht von dieser Welt», lobte der amerikanische Offizier.

Eigene Langstreckendrohen bekämpfen strategische Ziele weit im russischen Hinterland, wie die Angriffe auf die Öl-Industrie beweisen. Und dank des Masseneinsatzes von Kamikazedrohnen, die ständig weiterentwickelt werden, gelang es, die personellen Lücken in den eigenen Reihen einigermassen auszugleichen und russische Bodenangriffe effektiv zu bekämpfen. Die sogenannte «Todeszone» reiche inzwischen über 100 Kilometer hinter die Front. Russische Truppenbewegungen würden früh erkannt und «zunehmend durch Drohnen, Artillerie und Minen gestoppt», so Korschak.

Diese technologische Überlegenheit zwingt Russland zu Anpassungen. Laut dem Institute for the Study of War (ISW) führen erfolgreiche ukrainische Gegenangriffe sowie präzise Schläge gegen Logistik und Infrastruktur zu wachsender Kritik selbst in russischen Militärkreisen. Gleichzeitig werde es für Moskau schwieriger, eine koordinierte Offensive vorzubereiten.

Russland verliert das Momentum

Deswegen zeigt sich im Bodenkrieg ein klarer Trend. Der deutsche Experte Erhard Bühler beschreibt in seinem Podcast «Was tun, Herr General?» die deutliche Verschlechterung der russischen Lage: Der Ukraine sei es geklungen, «dem russischen Angriff das Momentum in fast allen Frontabschnitten zu nehmen».

Die ukrainischen Streitkräfte hätten nicht nur russische Vorstösse gestoppt, sondern durch gezielte Gegenangriffe und Schläge gegen Nachschub und Kommunikation die Voraussetzungen für eine Offensive untergraben. Russland sei dadurch gezwungen worden, Reserven frühzeitig einzusetzen und Kräfte umzuschichten, die jetzt für die eigene Sommeroffensive nicht oder nur verzögert zur Verfügung stehen.

Besonders bemerkenswert: «In der vergangenen Woche gibt es nur einen Abschnitt von 13 Brennpunkten, an dem die Russen – wenn auch nur marginale – Geländegewinne erzielten», stellt der Heeresgeneral im Ruhestand fest: «Eine solche Situation haben wir seit zwei Jahren nicht gesehen.» Die Analyse von Bühler, der unter den deutschsprachigen Militär-Experten als einer der zurückhaltendsten gilt, wird durch andere Lagebilder gestützt.

Strukturelle Probleme auf russischer Seite

Hinzu kommen wachsende strukturelle Schwierigkeiten. Laut ISW kritisieren inzwischen selbst kremlnahe Militärblogger zunehmend die fehlende Reformfähigkeit der russischen Armee. Gleichzeitig deutet die Verkürzung der Ausbildungszeiten für neue Soldaten – laut Bühler von bisher vier auf teils nur noch eine Woche – auf akute Personalprobleme hin: «Die jungen Menschen können einem nur leidtun, wie mit ihnen umgegangen wird, da werden viele nicht zurückkommen.»

epa12750346 A billboard on a street with an image of a Russian soldier, advertising contract military service in new created Russian unmanned systems Forces, during a sunny winter day in Moscow, Russi ...
Von vier Wochen auf nur eine: Die Ausbildung junger Rekruten in Russland schrumpft – und mit ihr die Zukunft der Armee.Bild: keystone

Im Inland wächst ebenso der Druck. Kritische Stimmen nehmen zu, die öffentliche Putin-Kritik des ehemaligen Unterstützers Ilja Remeslo schlug hohe Wellen. Gleichzeitig zeigt eine Umfrage des Levada-Instituts, dass mit 67 Prozent so viele befragte Russen wie noch nie die Aufnahme von Friedensverhandlungen befürworten. Dies allerdings bei gleichbleibend hoher Unterstützung des Krieges gegen die Ukraine an sich (72%).

Ukraine setzt auf Anpassung und Reform

All diese Faktoren ergeben noch keine grundsätzliche Wende zugunsten der Ukraine, geschweige denn eine Vorentscheidung in diesem Abnutzungskrieg. Denn auch die Ukraine steht unter Druck, insbesondere aufgrund von Finanzierungsproblemen und fehlender Personalreserven.

Der neue Verteidigungsminister Michajlo Fedorow kündigte deshalb nach Gesprächen mit Frontsoldaten «zentrale Änderungen» in der Mobilisierung und Truppenführung an, wie der «Kyiv Independent» berichtet. Ziel sei es, Probleme wie lange Einsatzzeiten, mangelnde Rotation und Ausrüstungsdefizite systematisch zu beheben.

In einem ausführlichen Lagebericht skizziert Fedorow die strategischen Prioritäten für die kommenden Monate. Im Zentrum steht eine umfassende Modernisierung der Streitkräfte: Die Ukraine will den Einsatz von Drohnen noch weiter ausbauen, inklusive garantierter monatlicher Lieferungen an die Brigaden. Zudem sollen Logistik und sogar Teile der Versorgung zunehmend durch unbemannte Systeme ersetzt werden, um Verluste zu reduzieren.

Fedorow formuliert dabei ein klares Leitmotiv: «Das menschliche Leben ist der höchste Wert. Wir werden um das Leben jedes Soldaten kämpfen.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern
1 / 54
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern

Von ihrem Nachbarn überfallen, kämpft die Ukraine ums Überleben. In dieser Bildstrecke schauen wir auf die Ereignisse seit der Invasion Russlands zurück ...

quelle: keystone / bo amstrup
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Reportage: Wie die Ukraine (verletzte) Veteranen wieder fit für den Arbeitsmarkt macht
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
10 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
10
Satiriker El Hotzo steht erneut vor Gericht – wegen Trump-Posts
Das Amtsgericht sprach den Satiriker frei – die deutsche Staatsanwaltschaft akzeptierte das Urteil nicht. Nun entscheidet das Berliner Kammergericht.
Das Berliner Kammergericht hat am Freitag die Berufungsverhandlung gegen den deutschen Satiriker Sebastian Hotz eröffnet, der unter dem Namen El Hotzo bekannt ist.
Zur Story