Unter Dauerbeschuss: Ukraine setzt Belgorod zu
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
«Raketenalarm!» Aus den Lautsprechern in Belgorod ertönt einmal mehr Alarm, die Sirenen heulen auf. Anastasia und ihre beiden Hunde bleiben jedoch ruhig; sie gehen zu einem der Schutzräume, die auf den Trottoirs dieser russischen Stadt nahe der ukrainischen Grenze eingerichtet worden sind.
„Na, was ist los? Kommt ihr, um euch unser Belgorod anzusehen?», fragt Anastasia spöttisch. Sie ist eine der wenigen Passanten, die Zuflucht gesucht haben. Sie versichert, an die Alarme «gewöhnt» zu sein, jedenfalls mehr als ihre kleinen, zitternden vierbeinigen Begleiter.
Ein Alltag im Rhythmus der Alarmsignale
Seit Moskau im Februar 2022 seine gross angelegte Offensive gegen die Ukraine gestartet hat, stehen Belgorod und die umliegende Region an vorderster Front.
Rund vierzig Kilometer von der Grenze entfernt wird diese Stadt mit 320'000 Einwohnern von Raketen und Drohnen der ukrainischen Armee beschossen. Diese gibt an, dabei vor allem Energie- und Militärinfrastrukturen ins Visier zu nehmen.
Mehrmals täglich heulen die Sirenen. Die Fassaden einiger Gebäude sind mit Drohnenabwehrnetzen überspannt, und auf den Trottoirs stehen überall Betonbunker.
Der Gouverneur der Region, Wjatscheslaw Gladkow, kündigte auf Telegram an, eine Lösung für ein zentrales Problem finden zu wollen: «fehlende Benachrichtigungen über die Warnkanäle» während Drohnenangriffen – verursacht durch die von den russischen Behörden angeordneten Unterbrechungen des mobilen Internets.
Bei diesen Angriffen werden häufig Zivilpersonen getötet oder verletzt. Am Mittwoch teilte Gladkow mit, dass drei Menschen bei Drohnenangriffen ums Leben gekommen seien, darunter einer, dessen Auto nahe der Grenze von einer ukrainischen Drohne getroffen wurde.
Genau dort, entlang der Grenze zwischen Russland und der Ukraine, will der Kreml eine «Pufferzone» errichten, um ukrainische Offensiven auf russischem Gebiet zu verhindern – wie jene im Sommer 2024 in der an Belgorod grenzenden Region Kursk.
«Ende des Alarms!», ertönt es aus den Lautsprechern, und Anastasia verlässt mit ihren Bichon-Hunden den Schutzraum. Diesmal hat kein «Bumm» der Luftabwehr – wie so oft – den Himmel erschüttert, wenn ein Geschoss abgefangen wird. Aus den städtischen Lautsprechern erklingt ein Jazzstück des Kanadiers Oscar Peterson, während Teenager auf Rollschuhen ihre Kunststücke zeigen.
Ein Abnutzungskrieg
In Belgorod und Umgebung sind die durch ukrainische Bombardements verursachten Schäden kaum zu übersehen. Stromleitungen wurden zerstört oder beschädigt, und Einschläge haben Krater hinterlassen. Auch Unterbrüche in der Wasser-, Strom- und Telekommunikationsversorgung gehören zum Alltag.
Am Mittwoch war die Stromversorgung für einen Teil der Bevölkerung infolge ukrainischer Angriffe erneut während mehrerer Stunden unterbrochen, wie der Gouverneur und Anwohner der Region berichten.
Auf der anderen Seite der Grenze, in der Ukraine, haben russische Angriffe auf Kraftwerke in diesem Winter Millionen Menschen in eisiger Kälte zurückgelassen.
Bei Tatiana Polianskaïa, einer Einwohnerin von Belgorod, wurde der Strom bei der letzten Unterbrechung Anfang des Monats «ziemlich schnell wiederhergestellt» – innerhalb weniger Stunden.
Jeden Tag Hunderte Einsätze
Tatiana erlebt den Krieg hautnah. Ihr Cousin wurde von einer ukrainischen Drohne getötet, während er «ein Feld pflügte», erzählt die 52-jährige Köchin, die «Frieden» fordert.
Im Durchschnitt leisten die Rettungsdienste täglich «etwa hundert Einsätze» im Zusammenhang mit Drohnenvorfällen oder herabgefallenen Geschossteilen, erklärt der Leiter der Rettungsdienste von Belgorod, Nikolai Lebedew.
Bei verstärkten ukrainischen Angriffen «kann diese Zahl auf 1000 Einsätze steigen, da die Luftabwehr im Einsatz ist. Sie schiesst die Geschosse ab, von denen Trümmer herunterfallen». Doch die Verteidigung kann nicht alles.
Am 30. Dezember 2023 forderte ein ukrainischer Angriff im Zentrum von Belgorod 25 Todesopfer – die höchste Zahl ziviler Opfer in Russland seit Beginn des Konflikts.
Durch den Krieg getrennt
In der Stadt berichten alle Personen, mit denen die AFP gesprochen hat, dass sie vor dem Krieg Verbindungen zur benachbarten Ukraine hatten, insbesondere in Charkiw – einer mehrheitlich russischsprachigen Stadt, die weniger als 100 Kilometer von Belgorod entfernt liegt und regelmässig Ziel nächtlicher russischer Luftangriffe ist.
Das gilt auch für Galina, die lange in der Ukraine gearbeitet hat und deren Tochter dort lebt. Zwischen den Massnahmen im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie und dem andauernden Konflikt hat Galina ihre Tochter «seit fünf Jahren» nicht mehr gesehen.
Auf die Frage nach den zahlreichen zivilen Opfern der täglichen Bombardierungen in der Ukraine sagt Galina, sie habe «Mitleid mit den einfachen Leuten», fügt jedoch sofort hinzu, die Ukrainer seien von der Regierung «getäuscht» worden. Damit greift sie eine gängige Darstellung des Kremls auf, wonach sich die Ukraine und der Westen gegen Russland verbündet hätten, und schliesst mit den Worten:
