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Ein Eritreer und seine vierjährige Tochter, die von einem belgischen Schiff aus dem Mittelmeer gefischt wurden. Bild: Gregorio Borgia/AP/KEYSTONE

Ist Eritrea die Hölle auf Erden oder besser als sein Ruf? Annäherung an ein unbekanntes Land

Aus keinem Land stammen mehr Asylsuchende in der Schweiz als aus Eritrea. Die SVP spricht von Wirtschaftsflüchtlingen, für Menschenrechtler aber ist Eritrea das Nordkorea Afrikas.



Eritrea. Kaum ein Land sorgt derzeit in der Schweiz für heftigere Emotionen. Das zeigen auch die Schlagzeilen in den Medien. Eritrea sei ein «Land des Grauens» schrieb die «NZZ am Sonntag» in ihrer Ausgabe vom 2. November 2014. «Eritrea ist besser als sein Ruf», konterte die «Weltwoche» nur vier Tage später. Die divergierenden Einschätzungen zeigen: Eritrea ist zwar das mit Abstand wichtigste Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz, aber auch eine Terra incognita.

«Personen aus Eritrea sind in ihrer Heimat nicht an Leib und Leben bedroht.»

Hans Fehr, SVP-Nationalrat

3238 Personen aus dem afrikanischen Staat, den die wenigsten spontan auf der Karte finden dürften, reichten im zweiten Quartal 2015 ein Aufnahmegesuch in der Schweiz ein. Das entspricht fast der Hälfte aller Asylanträge. Neu ist diese Entwicklung nicht. In Europa ist nur Schweden eine noch beliebtere Destination für eritreische Flüchtlinge als die Schweiz. Dies erzeugt eine Art Herdentrieb. Eine immer grössere Exilgemeinde zieht immer mehr Menschen an. 

Das sorgt für rote Köpfe vor allem im rechtsbürgerlichen Lager, angeheizt durch Berichte, wonach eritreische Asylbewerber für Ferien in die alte Heimat zurückreisen, in der sie angeblich verfolgt werden. FDP-Präsident Philipp Müller rief den Bund im letzten Herbst dazu auf, Rückführungen nach Eritrea zu prüfen. Der Zürcher SVP-Nationalrat Hans Fehr fordert in einer in der Sommersession eingereichten Motion, Asylgesuche von Personen aus Eritrea seien «grundsätzlich abzulehnen». Diese seien «in ihrer Heimat nicht an Leib und Leben bedroht».

epa04814280 Eritreans and friends of Eritrea in Europe, outraged by the recent unwarranted attack on the state, people and government of Eritrea by the UN Human Rights Council (HRC) Commission of Inquiry (COI) and Special Rapporteur Report on the Human Rights situation in Eritrea, are holding a mass protest rally on the 'Place des Nations', in front of the European headquarters of the United Nations, in Geneva, Switzerland, 22 June 2015 to protest the deceitful representation of the Human Rights situation.  EPA/MAGALI GIRARDIN

Anhänger der Regierung demonstrierten im Juni in Genf gegen den UNO-Bericht. Bild: EPA/KEYSTONE

Für die SVP sind Eritreer nicht politisch verfolgt, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Menschenrechtsorganisationen weisen dies zurück. Eritrea sei das Nordkorea Afrikas, ein abgeschotteter Unrechtsstaat. Die Organisation Reporter ohne Grenzen stuft Eritrea in Sachen Medienfreiheit auf den 180. und letzten Platz ein, hinter dem «echten» Nordkorea. Ein UNO-Bericht wirft der eritreischen Regierung «massive Verletzungen der Menschenrechte» vor, darunter willkürliche Hinrichtungen, Vergewaltigungen und systematische Folter.

Militärdienst als Fluchtgrund

Ist Eritrea eine Hölle auf Erden, oder ist alles halb so schlimm? Das kleine Land am Horn von Afrika mit rund sechs Millionen Einwohnern spaltete sich 1993 in einem blutigen Krieg von Äthiopien ab. Beigelegt wurden die Feindseligkeiten nie. Präsident Isaias Afewerki, der Eritrea seit der Unabhängigkeit diktatorisch regiert, hat dem Land einen Zustand der permanenten Mobilisierung verordnet. Der Militärdienst, der offiziell 18 Monate dauert, kann unbefristet verlängert werden. Flüchtlinge berichten von bis zu zehn Jahren. 

Eritrea's President Isaias Afwerki listens as he meets with Sudan's President Omar al-Bashir during his official visit in Khartoum June 11, 2015. REUTERS/Mohamed Nureldin Abdallah

Isaias Afewerki regiert das Land seit 1993 als Diktator. Bild: MOHAMED NURELDIN ABDALLAH/REUTERS

Idris, ein 21-jähriger Eritreer, bezeichnete im Gespräch mit watson seine Zeit in der Armee als Hölle: «Wir haben kaum zu essen und zu trinken. Misshandlungen, Gewalt, Schläge: Das ist hier Alltag.» Deswegen gibt es auch keine Rückführungen, obwohl Dienstverweigerung seit der letzten Revision des Asylgesetzes explizit nicht mehr als Fluchtgrund akzeptiert wird. Die Schweiz ist damit nicht allein. «Bis heute führt kein europäisches Land abgewiesene Asylsuchende nach Eritrea zurück», hält das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf seiner Website fest.

Umstrittener dänischer Bericht

Dies könnte sich ändern. In einigen Ländern wird über die Rückschaffung von eritreischen Flüchtlingen nachgedacht. Anlass ist ein im letzten Jahr veröffentlichter Bericht der dänischen Einwanderungsbehörden, wonach viele Eritreer Wirtschaftsflüchtlinge seien und kaum politisch verfolgt würden. Der Vizedirektor des SEM kam nach einer Eritrea-Reise im Januar zu einem ähnlichen Schluss. Das zeigt ein internes Papier, das die «Rundschau» publik machte: Die Aussagen des dänischen Berichtes seien richtig, heisst es darin.

Eritrean soldiers return from duty on the frontline in Badme, Monday 1 June 1998, where a border dispute between Eritrea and Ethiopia threatens to escalate into war despite a UN Security Council appeal to resolve the issue peacefully. (AP PHOTO/Sami Sallinen)

Eritreische Soldaten: Der Militärdienst kann auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Bild: AP

Ein Sprecher des SEM betonte, es handle sich um einen internen Reisebericht. Es gebe keinen Grund zur Änderung der Aufnahmepraxis. «Eritrea ist kein sicheres Land», heisst es auf der SEM-Website. Andere Länder haben jedoch ihre Aufnahmeregeln verschärft, darunter Grossbritannien

«Wem Freiheit etwas bedeutet, der sollte die Unterdrückung in einem Land wie Eritrea anprangern und nicht verharmlosen.»

David Signer, NZZ-Redaktor

Die rechtsbürgerliche Regierung Norwegens will eine eigene Beobachtermission nach Eritrea schicken. «Wenn diese Beobachter uns melden, dass Rückkehrer nicht gefoltert und verfolgt werden, dann könnte Norwegen sehr rasch damit beginnen, Eritreer zurückzuschaffen», sagte Joran Kallmyr, Staatssekretär im norwegischen Justizministerium, der «Rundschau».

Der dänische Bericht enthält allerdings gravierende Mängel. Gaim Kibreab, Eritrea-Kenner und Professor an der Londoner South Bank University, zeigte sich nach der Veröffentlichung entsetzt. Er fühle sich betrogen: «Man hat meine Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen.» Fakten seien komplett ignoriert und Informationen herausgepickt worden. Die Einwanderungsbehörden mussten Fehler eingestehen. Eritreer könnten «in vielen Fällen» noch immer mit Asyl in Dänemark rechnen.

Blocher durfte nicht ins Land

Es ist nicht einfach, sich objektiv über die Lage vor Ort zu informieren. Diese Erfahrung musste SVP-Chefstratege Christoph Blocher im Frühjahr machen, als er nach einem Besuch in Äthopien nach Eritrea reisen wollte. Obwohl er als alt-Bundesrat einen Diplomatenpass besitzt, liess man ihn nicht hinein: «Da war kein Durchkommen. Die Grenze ist absolut dicht», sagte er zu 20 Minuten. Nach Nordkorea durfte Blocher nach seiner Abwahl 2007 nicht nur einreisen, die Regierung in Pjöngjang lud den ehemaligen Schweizer Justizminister sogar zu einem Gespräch ein.

The plane-shaped

Art-Deco-Gebäude aus der italienischen Kolonialzeit prägen die Hauptstadt Asmara. Bild: © Radu Sigheti / Reuters/REUTERS

Medienleuten geht es nicht besser, sie erhalten kaum eine Möglichkeit zu einem Besuch in Eritrea. Einem Filmteam der BBC gelang dies im Frühjahr nach monatelangen Verhandlungen mit der Regierung. Anlass war das eritreische Gesundheitswesen, das beachtliche Erfolge vorweisen kann, was selbst die UNO bestätigt. Die Kinder- und Müttersterblichkeit konnte in den letzten 30 Jahren massiv gesenkt werden, ebenso die Infektionsrate mit HIV und Malaria.

«Wachhund» für das Filmteam

Die Bilder der BBC zeigen, dass in der Hauptstadt Asmara das Leben pulsiert. Man könne ihre Schönheit kaum übersehen, anerkennt die Autorin des Films. Doch hinter der Eleganz verberge sich Finsteres. Tatsächlich erlebte die Filmcrew Zustände wie in Nordkorea, permanent wurde sie von einem «Wachhund» der Regierung begleitet. «Und wenn es in Eritrea so gut läuft, warum verlassen dann nach UNO-Schätzungen bis zu 4000 Menschen pro Monat das Land?»

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Die BBC-Doku aus Eritrea in voller Länge. YouTube/BBC News

Yemane Ghebreab, Freund und Berater von Präsident Afewerki, räumte im BBC-Interview ein, dass junge Männer länger Militärdienst leisten müssen als offiziell verlangt, und das oft ohne Bezahlung. Er begründete dies mit dem anhaltenden Konflikt mit Äthiopien. «Wir brauchen unsere Leute, um uns zu verteidigen. Deshalb müssen sie für längere Zeit Dienst leisten, und das ist schwierig für sie.» Die Regierung wolle den Endlosdienst beenden, meinte Yemane.

Keine Demokratie in Sicht

Vermutlich haben die Machthaber eingesehen, dass sie den menschlichen Aderlass auf lange Sicht nicht verkraften können. Dem Land droht eine ganze Generation durch Flucht abhanden zu kommen. Von einer Demokratisierung aber will die Regierung nichts wissen. So lange Isaias Afewerki das Land mit eiserner Faust regiert, dürfte sich daran nichts ändern. «Wem Freiheit etwas bedeutet, der sollte die Unterdrückung in einem Land wie Eritrea anprangern und nicht verharmlosen», schrieb der NZZ-Redaktor und Afrika-Kenner David Signer – ehemals «Weltwoche» – im letzten Oktober.

Der 21-jährige Asylbewerber Idris und seine Freunde drückten es in diesem Frühjahr im Gespräch mit watson so aus: «Wir brauchen Demokratie in Eritrea! Und Menschenrechte! Es kann nicht sein, dass ein Diktator über 20 Jahre an der Macht ist und mit seinem Volk macht, was er will. So lange dies so bleibt, werden die Eritreer flüchten und den Sprung über das Mittelmeer wagen. Egal, wie viel Risiko damit verbunden ist.» 

Flüchtlinge haben Gesichter

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 22.07.2015 12:26
    Highlight Highlight In grosser Unwissenheit bin ich froh um Informationen die mein Verständnis dieser Misere fördern. Was ich nicht verstehe, dass die Flüchtlinge nicht in andere afrikanische Nachbarstaaten flüchten können. Wäre ja naheliegender. Doch vermutlich werden sie auch in Athiopien, Sudan und Agypten, usw. verfolgt und nur in Europa "willkomen" geheissen. Das hiesse, das Afrika sich gegenseitig verfolgt und nur Europa als Ausweg offen steht. Könnte dann Entwicklungshilfe nicht da ansetzen, dass man die Nachbarstaaten bei der Flüchtlingsaufnahme unterstützt? Hilfe im naheliegenden Umfeld scheint doch sinnvoller, evtl. günstiger zu sein als Eritraer in Schweden anzusiedeln. Das wäre eine Verknüpfung von Entwicklungs- und Flüchtlingshilfe, die vor Ort ansetzt. Korruption zum Trotz, die UNO soll dafür Strukturen schaffen, dass sich die Mia. Afrikaner nicht nach Norden bewegen. Jetzt kann man noch etwas tun, wenn Millionen in Bewegung geraten, dann wird es richtig unschön.
    • flvv 22.07.2015 16:54
      Highlight Highlight Auch ich kenne mich nicht detailliert mit der Situation vor Ort aus. Gründe, weshalb Eritreer nicht in die Nachbarstaaten fliehen, dürften aber u.a. die Religion, Sprache und Wirtschaft sein. Eritrea und Äthiopien sind zu einem grossen Teil christlich und von muslimischen Ländern umgeben. Auch sprachlich und kulturell unterscheiden sie sich deutlich von ihren Nachbarn. Ich denke, das sind mitunter Gründe, weshalb viele die massiv gefährlichere und teurere Reise nach Europa antreten. Natürlich auch weil sie dort bessere wirtschaftliche Bedingungen vorfinden.
    • smoe 22.07.2015 18:03
      Highlight Highlight Gemäss der UN refugee agency, befinden sich in den drei Nachbarländern mehr als 200'000 Eritreische Flüchtlinge.

      Sudan: 117'320 [1]
      Äthiopien: 106'670 [2]
      Dschibuti: 610 [3]

      [1]: http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/page?page=49e483b76
      [2]: http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/page?page=49e483986
      [3]: http://www.unhcr.org/cgi-bin/texis/vtx/page?page=49e483836
  • Angelo C. 22.07.2015 12:11
    Highlight Highlight Wann ENDLICH wird diese Schindluderei auch vom Departement Sommaruga erkannt und folgerichtig gehandhabt? Man höre sich nur mal beim RUNDSCHAU-Link die absolut glaubwürdigen Aussagen desjenigen Eriträers an, der schon seit längeren Jahren in der Schweiz wohnt! Diese angeblich an "Leib und Leben bedrohten Immigranten" sind klar erwiesen reine Wirtschaftsflüchtlinge und fliegen sogar auf unsere Kosten in den Heimaturlaub, wo sie keinerlei Probleme haben, um nachher wieder völlig unbehindert in die Arme der hiesigen Sozialämter zurückzukehren 😣! Aber da räumen sie im Aargau für solche Leute auch noch die Untergeschosse der Spitäler frei und eröffnen nun sogar noch Lager, wo diese in grossen Militärzelten hausen. Helvetia quo vadis?

    http://www.srf.ch/play/tv/rundschau/video/sondierungsreise-nach-eritrea?id=9308b490-a088-4479-a9bb-0bf8fff4be45

    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Machen-Fluechtlinge-Heimatferien/story/21576764

    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/So-fliesst-Schweizer-Steuergeld-zum-eritreischen-Diktator/story/11638942
    • Mia_san_mia 09.08.2015 13:06
      Highlight Highlight Der Rundschau Bericht ist echt interessant! Aber wieso wird der Kommentar von Angelo C. hier so negativ bewertet? Dort sieht man die Wahrheit!
    • Angelo C. 09.08.2015 14:23
      Highlight Highlight -Thomas - : ganz einfache Erklärung : auf WATSON tummeln sich grossmehrheitlich Linke, was auch dem Credo der Mehrzahl seiner Redakteure entspricht. Und somit können Aussagen noch so wahr und mit entsprechend gut dokumentierten Quellenangaben versehen sein - man lehnt Vieles ab, was nicht explizit linkspolitischem Dogma entspricht. Und alles was nicht explizit links orientiert ist, wird hier sehr rasch in die Nähe der SVP gerückt, was dann aber meist nur einer Halbwahrheit entspricht, zumal es ja ein relativ breites Spektrum an bürgerlichen Parteien gibt.

      Damit kann ich aber eingedenk der Eingangs erwähnten Konstellation als politisch neutraler "Rufer in der Wüste" recht gut leben, zumal es ja hier ganz unterschiedliche Themen und offensichtlich auch nicht wenige Leser gibt, denen das differenzierte Denken nicht à priori abhanden gekommen ist, was sich da und dort in meinen oftmals auch relativ zahlreichen likes widerspiegelt. Dislikes hagelt es immer bloss dann, wenn ich zu sehr von linkem Grundsatzdenken abweiche und somit der Hardcore-Front zu exotisch oder gar zu nationalkonservativ rüberkomme..

      Den schmunzelnd vorgebrachten Spruch vom "Rufer in der Wüste" sollten meine politischen WATSON-Gegner übrigens eher scherzhaft als todernst gemeint verstehen 😉! Sonst steht ein wahrer Entrüstungssturm an 😑!
    • Mia_san_mia 09.08.2015 15:26
      Highlight Highlight Schade das diese Leute keine anderen Meinungen und Tatsachen akzeptieren können. Am schlimmsten finde ich aber, dass sogar die Redakteure hier so sind. Ich finde man sollte über solche Themen richtig berichten und nicht audf diese Art.
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