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Im kroatischen Grenzdorf Tovarnik: Keine Zelte, keine Infrastruktur – aber täglich tausend neue Flüchtlinge

Das kroatische Grenzdorf Tovarnik ist zu einer Drehscheibe der Flüchtlingskrise in Osteuropa geworden. Täglich erreichen Tausende Menschen die kleine Gemeinde. Und müssen fürs erste bleiben.



Mohammed Altakriti wartet auf den Bus. Fünf Stunden schon. Die Schlange vor ihm ist lang, sehr lang. Über 700 Meter reihen sich die Flüchtlinge entlang der Strasse Ivana Burika in Tovarnik. Mohammed Altakriti steht ganz hinten. «Ich habe sechs Tage nicht geschlafen», erzählt der 44-Jährige aus Damaskus.

Er floh vor dem Bürgerkrieg aus seiner Heimat, kam in nur wenigen Tagen über Beirut und die Türkei nach Griechenland, von Mazedonien nach Serbien. Nun steht er endlich auf kroatischem Boden. Und nichts geht voran.

Der kleine ostkroatische Grenzort hat sich in nur wenigen Tagen zu einem Brennpunkt der Flüchtlingskrise auf dem Balkan entwickelt. Tovarnik ist eine Art chaotischer Verschiebebahnhof. Täglich erreichen mehrere Tausend Flüchtlinge die Gemeinde.

Mit Bussen und Zügen werden sie nach und nach weggebracht, wohl an die ungarische Grenze im Norden des Landes. Doch es gibt zu wenige Züge und Busse – und zu viele nachkommende Flüchtlinge. Viele warten tagelang auf ihre Weiterreise. Der kleine Ort wird für sie zur Sackgasse.

Nicht ausgerüstet für Flüchtlingsansturm

Offiziell sind viele Grenzen auf dem Balkan dicht, inoffiziell bewegen sich die Flüchtlinge aber durch neue Korridore nach Westeuropa. Tovarnik ist ein Nadelöhr in einem solchen Korridor. Seit Ungarn seine Grenzen abschottet, marschieren Tausende Hilfesuchende zu Fuss über Serbien nach Kroatien. Von der serbischen Grenze aus ist es nur ein guter Kilometer über Maisfelder in das Dorf.

Tovarnik ist kein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. Der kleine Grenzort hat dem Ansturm nichts entgegenzusetzen. Die Zahl der wartenden Flüchtlinge übersteigt bei weitem jene der sonst dort lebenden 3000 Einwohner. Es gibt keine Zelte, kaum medizinische Versorgung, kaum Infrastruktur. Die Flüchtlinge warten auf dem Asphalt, sitzen auf ihren Rucksäcken, liegen auf der Strasse.

Nur wenige Hilfsorganisationen sind vor Ort. Ehrenamtliche Helfer aus vielen Ländern sind auf eigene Faust angereist, sie verteilen Essen und Schlafsäcke, sprechen mit den Flüchtlingen, organisieren Übersetzer. «Es werden immer mehr», sagt eine junge Helferin aus Deutschland. Viele Leute hätten auf Kartons geschlafen.

Auf dem ganzen Gelände gibt es zwei Wasserhähne. Elf mobile Toilettenhäuschen stehen zwischen dem Bahnhof und der Bus-Warteschlange. Die Menschen drängen sich auf engstem Raum. Der Müll türmt sich immer höher, vor allem am kleinen Bahnhof.

Angst vor Gewalt

Am Mittwoch werden Flüchtlinge beim Widerstand gegen eine Polizeiblockade verletzt. Am Donnerstag warnt Bozo Galic, der Vorsteher des ostkroatischen Bezirks Vukovar-Srijem, vor einer «humanitären Katastrophe».

Auch Mohammed Altakriti muss weiter warten. Deutschland ist sein Ziel. «Für die Zukunft meiner Kinder», sagt er. Die will er nachholen, sobald er Asyl beantragt hat. Doch dazu muss er Tovarnik erst verlassen.

Er weiss nicht, wohin sein Bus fährt, und er weiss nicht, wie lange er noch warten muss. «Manche sagen einen Tag, manche zwei.» Aber das ist ihm egal. «Besser als der Bahnhof», sagt er. Die Menschen drängeln, um den Zug zu kommen, Altakriti hat Angst vor Gewalt. «Ich habe das Gefühl, dass ein Desaster passiert.» (rof/sda/dpa)

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