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«Gott bewahre, dass ihr je vor so einer Wahl stehen müsst, wie ich es musste»



Nach einer weiteren Gewaltnacht in Belarus (Weissrussland) und ihrer Ausreise nach Litauen sich hat die Oppositionelle Swetlana Tichanowskaja in einer ergreifenden Videobotschaft an die Öffentlichkeit gewandt:

Die zweifache Mutter sagt mit stockender Stimme:

«Ich dachte, der Wahlkampf hätte mich abgehärtet und mir die Kraft gegeben, alles durchzustehen. Aber wahrscheinlich bin ich doch die schwache Frau geblieben, die ich zu Beginn war»

Zuvor war bekannt geworden, dass die 37-Jährige in der Nacht zum Dienstag in das benachbarte EU-Land Litauen ausgereist war.

Die genauen Umstände der Ausreise Tichanowskajas sind unklar. Sie selber sagt in dem Video, sie habe diese schwere Entscheidung selbstständig getroffen, niemand habe sie beeinflussen können. Tichanowskaja ergänzt im Video:

«Viele werden mich verstehen, mich verurteilen oder hassen. Aber Gott bewahre, dass die je vor so einer Wahl stehen müssen, wie ich es musste.»

«Sie hatte keine Wahl»

Olga Kowalkowa hingegen, eine Vertraute Tichanowskajas sagte laute dem Internetportal tut.by, die belarussischen Behörden selbst hätten die Kandidatin ausser Landes gebracht. «Sie hatte keine Wahl. Wichtig ist, dass sie in Freiheit und am Leben ist.» Tichanowskaja habe mit ihrer Flucht auch die Freilassung ihrer Wahlkampfleiterin Maria Moros erreicht. Moros sei eine «Geisel» gewesen, beide reisten gemäss Kowalkowa gemeinsam aus.

Tausende Menschen festgenommen

Bei der zweiten Protestnacht gegen Manipulationen bei der Präsidentenwahl in Belarus (Weissrussland) sind wieder Tausende Menschen festgenommen worden.

Landesweit werde gegen mehr als 2000 weitere Demonstranten ermittelt, teilte das Innenministerium in Minsk der Staatsagentur Belta zufolge mit. Rund 20 Sicherheitskräfte seien verletzt worden.

Über die Zahl der verletzten Demonstranten war zunächst nichts bekannt. Auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken waren viele blutüberströmte verletzte Bürger zu sehen. Mindestens ein Mann starb in der Nacht zum Dienstag, weil nach Darstellung der Behörden ein Sprengsatz in seiner Hand explodierte.

Bereits am Montag wurden mehr als 3000 Menschen festgenommen, es gab 100 Verletzte. (sda/dpa)

Laut dem litauischen Aussenminister Linas Linkevicius war Tichanowskaj für rund sieben Stunden von den Behörden Belarus' festhehalten worden, bevor sie das Land verlassen konnte. Nach Angaben des belarussischen Grenzschutzes verliess Tichanowskaja das Land in der Nacht zum Dienstag gegen 2.30 Uhr (MESZ).

Nachdem Tichanowskaja das offizielle Ergebnis der Wahl nicht anerkannt hatte, hatte sie zunächst bei einer Pressekonferenz gesagt, dass sie im Land bleiben werde und weiter kämpfen wolle.

Derweil kursiert ein zweites Video von Tichanowskaja in den Sozialen Medien. Wann es aufgenommen wurde, ist unklar. Die 37-Jährige sitzt dabei auf einem Sofa und liest einen Text ab. Sie fordert die Menschen auf, nicht zu protestieren und die Polizei zu respektieren.

Überraschende Entwicklung

Die Ausreise überraschte viele Beobachter. Tichanowskaja hatte noch zuvor bei einer Pressekonferenz gesagt, dass sie im Land bleiben werde und weiter kämpfen wolle. Die politisch unerfahrene Fremdsprachenlehrerin war im Juli als Kandidatin bei der Wahl in der autoritären Ex-Sowjetrepublik registriert worden. Sie war an Stelle ihres inhaftierten Ehemannes angetreten.

Sergej Tichanowski ist ein bekannter Blogger, der im Internet offen Korruption und Missstände unter Staatschef Alexander Lukaschenko kritisiert. Seine Frau wurde zur Hoffnungsträgerin der Opposition. Ihre minderjährigen Kinder brachte Tichanowskaja schon vor einiger Zeit ins Ausland. Ihr Video schliesst die 37-Jährige mit den Worten:

«Leute, passt bitte auf Euch auf. Kein Leben ist es wert, was jetzt passiert. Kinder sind das Wichtigste im Leben»

Experten gingen zunächst nicht davon aus, dass die Ausreise Tichanowskajas zu einem Abflauen der Proteste führen wird. «Sie ist vor allem die Symbolfigur und kann auch aus dem Ausland mit Videos Botschaften senden», sagte die belarussische Analystin Maryna Rakhlei der Deutschen Presse-Agentur. Tichanowskaja sei zuletzt Gefahr gelaufen, verhaftet und wegen der Zerstörungen und Gewalt mit Toten und Verletzten angeklagt zu werden.
(sda/dpa)

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Belarus: Wahlleitung erklärt Lukaschenko zum Sieger

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46Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • In vino veritas 11.08.2020 19:49
    Highlight Highlight Respekt vor dieser sehr starken Frau! Die Zeit war einfach noch nicht reif und das Leben der Familie und Freunde geht vor! Auch wenn manche in Weissrussland vielleicht nicht mehr darn glauben, früher oder später werden sich die Bedingungen grundlegend ändern. Lukaschenko wird es als Verbündeter von Russland und China in Europa immer schwerer haben, zumal ein Sturm zwischen dem Westen und China/Russland aufzieht. Wer weiss, ob er in zehn Jahren noch fest im Sattel sitzt, wenn auch die EU und die USA ein Interesse an einem pro westlich gesinnten Staatachef haben sollten...
    • PaLve! 11.08.2020 23:25
      Highlight Highlight Die Beziehungen zwischen Belarus und Russland sind nicht sonderlich gut, Belarus politisiert zwischen den Mächten. Das hat mit der momentanen Situation nichts zu tun, es schadet eher der Demokratiebewegung solche falsche Aussagen zu verbreiten.
  • Stefan Sowieso 11.08.2020 19:20
    Highlight Highlight Und unsere SP Nationalrätin Kiener-Nellen macht noch einen auf Du mit diesem Herrn! SKANDAL sondergleichen.
  • Prolonomics 11.08.2020 18:58
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte formuliere deine Kritik sachlich und beachte die Kommentarregeln.
    • Juliet Bravo 11.08.2020 21:10
      Highlight Highlight Der Kommentar, auf den du Bezug nimmst, wurde bereits entfernt.
  • Matt1988 11.08.2020 18:42
    Highlight Highlight Warum Belarus und nicht Weissrussland?
    • Nikolai 11.08.2020 20:44
      Highlight Highlight Weil das Land offiziell Belarus heisst.
    • Juliet Bravo 11.08.2020 21:11
      Highlight Highlight Synonym?
    • PaLve! 11.08.2020 23:27
      Highlight Highlight Weil es der offizielle Name ist...
      Wie wäre es mit einmal zuerst Google verwenden anstatt solche Komentare zu schreiben?
  • Bruno Wüthrich 11.08.2020 17:19
    Highlight Highlight Irgendwann wird es krachen in Weissrussland. Irgendwann wird es Lukaschenko so ergehen wie es am 25. Dezember 1989 Ceausescu ergangen ist. Einmal abgesetzt, wird er wohl nicht überleben. Wer sich nur mit Manipulation, Wahlfälschung, Unterdrückung und Gewalt halten kann, hat jegliche Legitimation für die Macht verloren.

    Doch jedes Volk ist selbst für seine inneren Angelegenheiten und für seine Regierung verantwortlich. Dieses Dilemma müssen die weissrussischen Menschen vorwiegend selbst lösen. Das muss nicht zwangsläufig heissen, dass ihnen jegliche Unterstützung verwehrt bleiben muss.
    • Hoci 12.08.2020 08:26
      Highlight Highlight Sehe ich nicht ganz so.
      Nicht wenn das Volk mit Waffengewalt und der ganzen Armmeemaschinerie unterdrückt wird.
      Wenn die eine SeiteArmeewaffen hat, die andere nichts aber Freiheit fpr alle will und jeder Protest unterdrückt wid ist zu helfen.
      Mit Boykot, Sanktionen, wenn es die Mehrheit ist auch Waffengewalt.
  • BenFränkly 11.08.2020 15:56
    Highlight Highlight Lukaschenko so:
    «Sage was wir bestimmen oder wir foltern und töten deinen inhaftierten Mann.»
  • benn 11.08.2020 15:36
    Highlight Highlight Mit was haben sie ihr wohl gedroht, familie umzubringen?
  • rodolofo 11.08.2020 15:30
    Highlight Highlight Eine STARKE Frau mit einer hohen EMOTIONALEN Intelligenz!
    Im Kontrast zu ihr wirkt der Diktator der "gelenkten Demokratie" (gelenkt = manipuliert und betrogen), Lukaschenko, noch gefühlskälter und noch brutaler, als sonst.
    Ein Gewalt-Herrscher, der autoritär dreinschlägt, obwohl er schon längst keine Autorität mehr hat.
    Syrien und der Libanon lassen grüssen, zwei total korrupte, degenerierte und gescheiterte Staaten...
    • Juliet Bravo 11.08.2020 16:34
      Highlight Highlight Weissrussland wird eigentlich landläufig eher als Diktatur bezeichnet denn als gelenkte Demokratie.
    • Gzdt 11.08.2020 17:11
      Highlight Highlight Physische Gewalt ist immer das Ende und Ausdruck von Schwäche, verlorenem Vertrauen und Respekt!
      Jeder Silberrücken hat mehr emphatie und Intelligenz!
    • Garp 11.08.2020 19:08
      Highlight Highlight Weissrussland ist alles andere als eine gelenkte Demokratie, rodolfo. Das ist eine Diktatur und das weiss die ganze Welt!
    Weitere Antworten anzeigen
  • no_body_is_perfect 11.08.2020 15:28
    Highlight Highlight «Leute, passt bitte auf Euch auf. Kein Leben ist es wert, was jetzt passiert. Kinder sind das Wichtigste im Leben»

    das klingt wie ein "versteckter" Hinweis in einem billigen Film. Und gerade deshalb könnte es auch zutreffen.
    Nehme mal an Lukaschenko beschränt seine bemühungen nicht nur aufs Inland....
  • MeinSenf 11.08.2020 15:05
    Highlight Highlight Angesichts des unglaublichen Machtapparates, dessen sich Lukaschenko bedienen kann, verstehe ich ihre vordergründige Entscheidung. Aber gerade diese Botschaft (und die versteckte Botschaft dahinter) sollten jetzt ein Ansporn sein, mit der Diktatur endlich aufzuräumen. Lasst die Leute in Weissrussland nicht hängen!
    • rodolofo 11.08.2020 15:33
      Highlight Highlight Putin wird es nicht zulassen, dass "die Europäische Werte-Gemeinschaft" noch näher an sein Zarenreich rückt.
      Vielleicht schlägt er Lukaschenko einen speziellen Beschützer-Deal vor...
    • Grohenloh 11.08.2020 15:49
      Highlight Highlight Rodolfo:
      Absolut richtig gesagt
    • Basti Spiesser 11.08.2020 15:52
      Highlight Highlight @rodolfo

      Nee, die zwei sind anscheinend nicht mehr so gute Freunde

      https://www.welt.de/politik/ausland/article212506591/Weissrussland-fordert-Erklaerung-von-Putin-nach-Festnahme-russischer-Soeldner.html

      Sonst gäbe es den Russland-Spin bereits im Artikel.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hoci 11.08.2020 15:05
    Highlight Highlight Oje ich dachte sie sei "frewillig", um ihr Leben und das ihrer lieben fürchtend abgehauen. Hätte ich mehr als verstanden.
    Aber anscheinend wurde sie massiv erpresst. Nun ist auch klar wieso sie sie zugelassen haben. Mit einem Mann im Gefängnis (und Kindern, wenn auch im Ausland- nicht sicher) ist sie für vollkommen Korrupte gut erpressbar.
  • De-Saint-Ex 11.08.2020 14:59
    Highlight Highlight ... und wo ist ihr Mann? Falls immer noch in Belarus im Gefängnis, dürfte doch klar sein womit diese Frau erpresst wird... auch dürfte sie wissen, dass ihre Kinder auch im Ausland nicht sicher sind... denke mal ihr Hinweis „die Kinder sind das wichtigste“ nicht von ungefähr kommt.
    Und ich bin von der hiesigen Regierung (einmal mehr) massiv enttäuscht. Würde mir Taten statt das übliche ätzende Blabla erhoffen... ist wohl wichtiger, der Franken rollt.
  • sternsucher 11.08.2020 14:58
    Highlight Highlight Jeder weiss dass da etwas faul ist...... und die ganze Welt schaut einfach nur zu.
    Nur deshalb können sich solche Despoten an der Macht halten.
    • ostpol76 11.08.2020 15:31
      Highlight Highlight "Die Welt schaut zu". Habe immer ein bisschen Mühe mit dieser Aussage.
      Was sollen den die anderen Ländern machen?

      Wenn wir ehrlich sind müssten die, ich sage mal 15 stabilen Nationen in Europa, praktisch bei allen anderen Ländern intervenieren wenn etwas schief läuft.
      Und es läuft in ganz vielen Ländern ganz viel schief zur Zeit.

      Also wo fangen wir an? Irgendwie ein Dilemma.
    • ändu aus B (weder Bärn noch Basel) 11.08.2020 15:57
      Highlight Highlight In Weissrussland hat es offenbar kein Oel - sonst hätten die USA schon längst die Demokratie eingeführt. Aber so: Who cares?
    • Junge mit Früchtekorb 11.08.2020 16:50
      Highlight Highlight Belarus ist auch Vorposten und Puffer Moskaus, wie die Ukraine. Putin sieht das als seine Einflusssphäre. Dort einzugreifen ist ein nicht kalkulierbares Risiko.

      Es ist zwar traurig, aber ein Wechsel ist wohl erst möglich, wenn Lukaschenko ausfällt. Wobei der Machtapparat sich dann erst Mal selbständig macht.

      Aber wäre schön wenn dann der Aufbau einer Demokratie gelingen würde.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Gopfidam 11.08.2020 14:56
    Highlight Highlight Hört sich für mich nach einer Drohung gegen die eigene Familie an, entweder im Land bleiben und die Familie wird hingerichtet oder verschwinden und ihnen passiert nichts.
    • Spargel 11.08.2020 17:03
      Highlight Highlight ja das dachte ich auch. in dem moment ist alles andere egal
  • Pipikaka Man 11.08.2020 14:56
    Highlight Highlight Sehr schlimm für sie, aber sie hat nie im Leben 80% geholt, Lukashenko so oder so nicht. Das sie in ein NATO Land zuflucht sucht wird wohl Lukashenkos Sieg gegen die Demonstranten besiegeln, denn Russland wird diesesmal viel energischer gegen sowas vorgehen und einen Katastrophenszenario ala Ukraine verhindern. Ich hoffe das die Russen Lukashenko zum Rücktritt bewegen, und man mit der EU eine gute Lösung findet, aber das wird nicht passieren. Denn man möchte Weissrussland in die NATO daher wird RU wohl eingreifen. Schade um sie Menschen dort die zum Spielball der Geopolitik sind.
  • Roberto Multiplo 11.08.2020 14:40
    Highlight Highlight Einfach traurig und krank
  • Der Buchstabe I 11.08.2020 14:36
    Highlight Highlight Stark bleiben, Diktaturen lassen sich auch aus der Ferne des Exils heraus stürzen!
    • rodolofo 11.08.2020 15:51
      Highlight Highlight Dann hat Lukaschenko seinen "ausländischen Einfluss"...

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