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Der Fall Timanowskaja: Lukaschenko und sein «Krieg ohne Regeln»

Eine Olympionikin setzt einen Hilferuf ab und bittet um Schutz vor ihrem Heimatland Belarus. Die Ängste sind begründet: Sportlern, die zuerst von Lukaschenkos Regime gefeiert wurden, droht jetzt Gefängnis.
05.08.2021, 21:28
Saskia Leidinger / t-online
Ein Artikel von
t-online

Eigentlich waren für den 30. September angenehme 18 Grad gemeldet, doch die Basketballspielerin Alena Leutschanka bekam an diesem Tag die ganze Kälte des belarussischen Regimes zu spüren. Kurz vor Abflug nach Griechenland wurde die Nationalspielerin am Flughafen in Minsk festgenommen.

Alexander Lukaschenko spielt Eishockey (hier mit Russlands Präsident Wladimir Putin (l.)): Der Staatschef wäre gerne Sportler geworden.
Alexander Lukaschenko spielt Eishockey (hier mit Russlands Präsident Wladimir Putin (l.)): Der Staatschef wäre gerne Sportler geworden.

Offizielle Begründung: wegen der Teilnahme an einer nicht genehmigten Kundgebung. «Es scheint, dass sie bis zum letztmöglichen Moment gewartet haben – es war eine Show-Verhaftung», erzählte die Athletin dem russischen Exil-Medium «Meduza».

15 Tage wurde Leutschanka festgehalten – unter schwierigen Bedingungen. «Die erste Nacht hatten wir Matratzen, Wasser, Abwassersystem. Und am zweiten Oktober fing alles an», erzählte Leutschanka dem Portal. Die Matratzen wurden ihnen weggenommen, sie mussten auf Tischen und Bänken schlafen und «noch am selben Tag wurden Warmwasser und Kanalisation abgestellt und zwei Personen eingeschleust – wir waren zu fünft in einer Vierbettzelle.» Die Basketballspielerin sagte nach ihrem Gefängnisaufenthalt: «In Weissrussland gibt es kein Gesetz.»

Alena Leutschanka wurde 15 Tage lang festgehalten.
Alena Leutschanka wurde 15 Tage lang festgehalten.
Bild: keystone

Vor einem ähnlichen Schicksal fürchtete sich wohl auch die Sprinterin Kristina Timanowskaja. Die 24-jährige Athletin befürchtete eine Entführung durch den eigenen Verband, nachdem sie das eigene Trainerteam kritisiert hatte, und suchte vor wenigen Tagen bei den Olympischen Spielen in Tokio Hilfe bei der japanischen Polizei. In Polen hat sie nun Zuflucht gefunden.

Kristina Timanowskaja nach ihrer Ankunft in Warschau.
Kristina Timanowskaja nach ihrer Ankunft in Warschau.
Bild: keystone

Auch weitere Sportler verlassen das Land, wie die Leichtathletin Jana Maksimawa. Auf Instagram schreibt sie zu einem Foto mit ihrem Kind: «Nach langem Nachdenken haben wir uns entschieden, nicht nach Belarus zurückzukehren.» Zukünftig lebt Maksimawa in Deutschland. Ebenso soll ein Handballtrainer das Land nach einem 15-tägigen Gefängnisaufenthalt verlassen haben.

Sportler brechen mit Lukaschenko

Das Verhältnis vieler Sportler zu ihrem Land Belarus ist seit dem 9. August 2020 zerrüttet. An dem Tag entschied Machthaber Alexander Lukaschenko  die Präsidentschaftswahl erneut für sich.

Doch der Verdacht der Wahlfälschung kam auf. Die Staats- und Regierungschefs der EU haben das Ergebnis nicht anerkannt. In Belarus kam es zu Protesten, die blutig niedergeschlagen wurden.

Mehr als 1000 Athleten unterschrieben deshalb im vergangenen Jahr einen offenen Brief und forderten unter anderem, die Wahl Lukaschenkos als ungültig anzuerkennen. Unter den Unterzeichnern waren auch zahlreiche olympische Medaillengewinner sowie Welt- und Europameister. Sportler, mit denen sich Lukaschenko in der Öffentlichkeit gerne präsentierte.

Lukaschenko inszeniert sich mit «Helden der Nation»

Wie wichtig Sport für die Politik Lukaschenkos ist, betonte der Staatschef bereits 2018. «Dank Siegen der belarussischen Athleten wird das Ansehen des Staates gebildet und werden Menschen zum Patriotismus erzogen», sagte der Diktator auf einer Veranstaltung zur Sportentwicklung und machte dabei klar, dass drei Medaillen bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea zu wenig waren. Diese wurden vor allem im Biathlon von der Topathletin Darja Domratschewa errungen.

Darja Domratschewa trainiert nun die Chinesen.
Darja Domratschewa trainiert nun die Chinesen.
Bild: AP/AP

Domratschewa hat mittlerweile ihre Karriere beendet und ist zusammen mit ihrem Mann Ole Einar Björndalen Biathlon-Trainerin im chinesischen Team. Laut Lukaschenko habe der Machthaber der Spitzenathletin persönlich die Erlaubnis dazu erteilt. «Wenn sie dort als Trainerin Erfolg haben wird, werden die Chinesen nie vergessen, dass es Belarussen waren, die ihnen geholfen haben», sagte er.

Als «Heldin Weissrusslands» wird Domratschewa von Lukaschenko bezeichnet, die Topathletin pflegte selbst ein enges Verhältnis zum Regime. Als Sportlerin war sie bis 2014 beim belarussischen Geheimdienst KGB angestellt, posierte für Fotos mit Lukaschenko und liess sich nach einem sportlichen Erfolg von ihm sogar in die Luft werfen.

Der Bruder wird verprügelt

Doch selbst Helden der Nation sind nicht vollständig vor der Gewalt des Staates geschützt. Domratschewas Bruder Nikita wurde nach eigenen Angaben von mehreren Polizisten festgenommen und zusammengeschlagen. Offizielle Begründung war die Teilnahme an einer nicht genehmigten Massenveranstaltung. Nikita Domratschew bestreitet dies. Er sei auf dem Weg zu seiner Mutter gewesen.

Seine Schwester äusserte sich Tage später zurückhaltend: Die Nationalheldin rief dazu auf, die Gewalt zu beenden. «Das, was wir an Repression gegen Sportler und die Bevölkerung sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt Katharina Masoud, Belarus-Expertin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Deutschland. Der Druck auf die Zivilgesellschaft sei sehr hoch, ergänzt sie.

Verlust der Existenz

Dabei können Domratschewa und andere Sportler in Belarus von der Sportbegeisterung des Diktators durchaus profitieren. Für eine Goldmedaille bekommen die Athleten mehr als hunderttausend Franken, in der Schweiz sind es lediglich 40'000 Franken. Doch die Existenz der Athleten hängt meist direkt am staatlichen Sportsystem. Kritik am Präsidenten gefährdet damit ihre Zukunft.

So bekam auch die Basketball-Nationalspielerin Katsiaryna Snytsina für ihre Lukaschenko-Kritik die Konsequenzen zu spüren. In einem neuen Vertrag für das Nationalteam sollte die Basketballspielerin unterschreiben, dass alle ihre öffentlichen Äusserungen vom Ministerium für Sport und Tourismus überprüft werden müssen. Sie lehnte ab.

Auch andere Sportler und Sportfunktionäre verloren seit dem 9. August 2020 ihre Stellung, ihre Stipendien oder wurden aus den Nationalkadern entlassen. Manche Athleten wurden zudem zu Geldstrafen verurteilt, 95 Athleten mussten wie Alena Leutschanka mehrere Tage im Gefängnis verbringen und dort sei Folter weit verbreitet, sagt Masoud.

«Wir haben dokumentierte Fälle, bei denen die Polizei Menschen geschlagen hat, oder ihnen im Gefängnis Nahrung und Wasser entzogen hat», so die Belarus-Expertin.

Lukaschenko: «Ich werde das überleben»

Lukaschenko wäre selbst gerne Sportler geworden. Ähnlich wie Russlands Machthaber Wladimir Putin lässt sich deshalb auch Lukaschenko häufig in sportlicher Aktion filmen, zum Beispiel beim Fussball, Biathlon oder Eishockey.

Inszeniert sich auch auf dem Motorrad: Alexander Lukaschenko.
Inszeniert sich auch auf dem Motorrad: Alexander Lukaschenko.
Bild: AP Belta

Doch der Machthaber ist neben solchen PR-Aktionen nicht nur Zuschauer im Sportgeschäft. 1997 wurde Lukaschenko auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOC). Sportverbände sind teilweise besetzt mit Vertrauten, weshalb sich einige im Wahlkampf auch für den Präsidenten positioniert haben.

Lukaschenko versucht auch regelmässig grosse Sportevents in sein Land zu holen, wie etwa die Europa-Spiele. Dieses Event, das ähnlich gestaltet ist wie die Olympischen Spiele, fand 2019 in Minsk satt. Für seinen «herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung» bekam der Diktator 2008 sogar einen Orden vom Europäischen Olympischen Komitee (EOC) verliehen.

Doch auch die organisierte Sportwelt wendet sich angesichts der Proteste langsam von Lukaschenko ab. Anfang 2021 sollte die Eishockey-Weltmeisterschaft in Belarus stattfinden, doch aufgrund von «Sicherheitsaspekten» und wohl dem Druck der Sponsoren wurde die Weltmeisterschaft in Lettland ausgetragen.

Zuvor musste Lukaschenko bereits im Dezember vergangenen Jahres sein Amt als NOC-Präsident abgeben. Nachfolger sollte sein Sohn, Viktor Lukaschenko, werden, doch den erkennt das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht an. Zudem wurden beide von den Spielen in Tokio ausgeschlossen. Dem belarussischen Verband wurden die finanziellen Mittel weitgehend gestrichen.

«Ich habe seit 25 Jahren nicht mehr an diesen Veranstaltungen teilgenommen und werde das überleben», sagte Lukaschenko, der sowieso eine eigene Auffassung von sportlichem Wettkampf hat. «Heute ist Sport kein Wettbewerb mehr, sondern ein Krieg ohne Regeln», so der belarussische Staatschef bei einem Treffen mit Kanu-Sportlern 2019.

Wie sich Sportler gegen Lukaschenko wehren

Doch die Sportler wehren sich mittlerweile gegen Lukaschenkos «Krieg ohne Regeln». Eine davon ist Aljaksandra Herassimenja. Die Schwimmerin gewann drei Medaillen. Nach ihrer aktiven Karriere arbeitete sie als Schwimmtrainerin an verschiedenen Schulen.

Doch nachdem sie ihre Kritik an Lukaschenko öffentlich geäussert hatte, wurden ihre Verträge gekündigt. Die ehemalige Olympionikin ist mittlerweile in Litauen und Vorsitzende der nach den Protesten gegründeten Organisation Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF).

Diese setzt sich für Sportler ein, die durch Lukaschenkos Regime unterdrückt werden. In dieser Funktion drohen der Sportlerin nun fünf Jahre Haft. Der Organisation wird «Aufruf zur Gefährdung der nationalen Sicherheit» vorgeworfen. Kristina Masoud von Amnesty International fordert deshalb, dass «die internationale Staatengemeinschaft mehr Druck auf Belarus ausübt», damit sich die Zustände im Land bessern.

Basketballerin Alena Leutschanka ist nach Haftende in Griechenland und spielt dort für Panathinaikos. Doch trotz der Repressionen hat die Athletin die Hoffnung auf ein freies Belarus noch nicht aufgegeben. Sie will zurückkehren und richtet eine Botschaft an ihre Mitstreiter: «Sie müssen durchhalten, es kann ein langer Kampf sein.»

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