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«Ich kann es schlichtweg nicht mehr ertragen»: RKI-Präsident Wieler platzt der Kragen

Lothar Wieler, Präsident des deutschen Robert-Koch-Instituts, hat es satt, dass seine Warnungen und Empfehlungen alle in den Wind geschlagen werden. Nun hat er seinem Ärger in einer Brandrede Luft verschafft.
19.11.2021, 06:08

Der sonst eher ruhig auftretende Präsident des deutschen Robert-Koch-Instituts nahm gestern kein Blatt vor den Mund. Am Mittwochabend war Lothar Wieler zu Gast bei einer Online-Diskussionsveranstaltung mit Michael Kretschmer, dem Ministerpräsidenten des Bundeslandes Sachsen, und sprach Klartext.

Die Gesundheitsämter seien völlig überfordert. Hinter den 52'000 gemeldeten Neuinfektionen vom Mittwochmorgen steckten mindestens noch einmal doppelt oder dreimal so viele Fälle, so Wieler. «Wir waren noch nie so beunruhigt wie jetzt».

So zeichnen die Prognosen für die kommenden Tage kein gutes Bild: «Die Prognosen sind super düster. Sie sind richtig düster.» Es herrsche eine Notlage in seinem Land und wer das nicht sehe, mache einen sehr grossen Fehler.

Das Robert-Koch-Institut
Das Robert Koch-Institut (RKI) ist die zentrale Einrichtung der deutschen Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention. Wichtigste Aufgabe des RKI ist die öffentliche Gesundheitspflege. In der Coronakrise ist das RKI für die kontinuierliche Erfassung der aktuellen Lage, dem Vornehmen von Risikobewertungen und für Empfehlungen für Fachpersonen zuständig.

Er rechnet aus: Die Sterblichkeitsrate betrage momentan 0,8 Prozent. «Das heisst, von diesen 52'000 (täglich Infizierten) dort werden – und da ist nichts mehr dran zu ändern – 400 etwa sterben.»

Lothar Wieler sprach in der Online-Diskussionsrunde deutliche Warnungen aus.
Lothar Wieler sprach in der Online-Diskussionsrunde deutliche Warnungen aus.Bild: keystone

In der vorgängigen Bundespressekonferenz habe er sich etwas zurückhaltender ausgedrückt, räumt Wieler ein. Dort habe er von 200 Todesfällen gesprochen. Mit der aktuellen Sterblichkeitsrate käme man aber auf 400 Todesfälle.

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Er fährt fort: «Was mir wichtig ist – das müssen alle, die jetzt zuhören, ganz klar begreifen: Daran gibt’s nichts mehr zu ändern. Wir können das nicht mehr ändern. Diese Menschen sind ja infiziert.» Mit verschärften Massnahmen könne man einzig noch verhindern, dass sich die Zahlen auch weiterhin auf diesem Niveau bewegten. Doch die etwa 400 Menschen, die werden sterben. «Das ist ein Eimer Wasser, der ist ausgeschüttet, den kriegen Sie nicht mehr rein.»

Nach seinen Berechnungen könnten bei gleichbleibender Neuinfektionsrate demnach in einigen Wochen statt 400 bis zu 1200 Personen täglich an der Infektion mit dem Virus sterben.

«Damit muss Schluss sein»

Wielers Lösung: Impfen. In der jetzigen Notlage brauche es jedes Impfangebot, sagt Wieler weiter und kritisiert damit die fehlende Möglichkeit, sich in deutschen Apotheken impfen lassen zu können.

Dafür hat er kein Verständnis: «Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet, zu impfen. Wir sind in einer Notlage», sagte Wieler. Auch Apotheker und Apothekerinnen sollten impfen dürfen, denn es gebe viele Millionen Menschen, welche die Impfung noch bräuchten – auch Auffrischungsimpfungen. «Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.»

Dann soll natürlich auch dafür gesorgt werden, dass sich möglichst viele Leute impfen lassen. Denn: Auch auf die Geimpften – auf die vernünftigen und verantwortungsbewussten Menschen, so Wieler – müsse Rücksicht genommen werden. «Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen.»

«Clubs müssen geschlossen werden»

Schliesslich holt er zum Schlag gegen die Politik aus: «Wir haben zu schnell in vielen Bereichen geöffnet». Dabei habe das Robert-Koch-Institut frühzeitig vor der vierten Welle gewarnt und Handlungsempfehlungen ausgesprochen. Zudem sei auch seit langem klar, dass sich Corona durch Aerosole vor allem in Innenräumen verbreitet. Für Wieler ist der Fall demnach klar: «Clubs und Bars sind Hotspots – aus meiner Sicht müssen die geschlossen werden. Ganz einfach. Da habe ich keine Toleranz dafür.»

Auch in Bezug auf Alters- und Pflegeheime findet Wieler deutliche Worte: «Es ist naiv zu denken, dass bei hohen Inzidenzen diese Menschen geschützt werden können. Das geht nicht!» Das Virus sei so ansteckend. Wenn man die Menschen wegsperren wolle, ohne Kontakt zur Aussenwelt, dann möge das gelingen. Aber das sei natürlich aus vielerlei Gründen völlig inakzeptabel, weshalb die Inzidenzen gesenkt werden müssten.

Er warnt eindringlich: «Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.» Und weiter: «Wir müssen nicht ständig etwas Neues erfinden. Alle diese Konzepte und Rezepte sind vorhanden.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Wieler vor Konsequenzen warnt und zum Handeln aufruft – die Empfehlungen sind in Deutschland in der Vergangenheit häufig unberücksichtigt geblieben. Und so äussert er zum Schluss seinen Frust, der sich in der nun bald zweijährigen Corona-Pandemie angestaut hat.

«Ich kann es nach 21 Monaten schlichtweg nicht mehr ertragen, dass vielleicht nicht erkannt wird, was ich unter anderem sage, wie viele andere Kolleginnen und Kollegen.»

(saw)

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