International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08137710 German Minister of Food and Agriculture Julia Kloeckner (C) delivers a speech during a German farmers demonstration in front of German Foreign Ministry, where an international agricultural summit is held, as German farmers demonstrate in Berlin, Germany, 18 January 2020. Farmers gathered during the German 'Green Week' to protest a series of measures taken against the agricultural community, from climate laws to the recent agrarian package, industrial farming and more.  EPA/OMER MESSINGER

Julia Klöckner vergangene Woche bei den Bauernprotesten in Berlin. Bild: EPA

Deutsche Ministerin Klöckner will Landleben promoten – es geht nach hinten los

Philipp Luther / watson.de



Julia Klöckner findet: «Dorfkinder sind zur Stelle. Da, wo man sie braucht.» Zumindest tweetete die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft das am Sonntagabend und löste damit eine Lawine von Tweets aus, die die neue Kampagne von Klöckners Ministerium nach Strich und Faden zerlegten.

Unter dem Hashtag #Dorfkinder möchten Klöckner und ihr Ministerium das Leben auf dem Dorf promoten. «#Dorfkinder lenkt den Blick auf die Menschen, die Tag für Tag daran mitwirken, die Dörfer und Landgemeinden voranzubringen – mit Engagement, Ideen, Leidenschaft», heisst es auf der Internetseite des Landwirtschaft-Ministeriums. Man wolle zeigen: «Wir haben allen Grund stolz zu sein auf unserer ländlichen Regionen.»

Dumm nur: Die Kampagne kommt mit lauter Allgemeinplätzen daher, dass sich Stadtkinder unwillkürlich fragen müssen: Sind wir nicht auch zur Stelle? Da, wo man uns braucht? Haben wir nicht auch «den Dreh raus» und bringen «neues Leben in alte Mauern»?

So erntete Deutschlands oberste Landwirtin am Montag mit ihrer Kampagne vor allem Spott und Häme.

Hier eine Auswahl der besten #dorfkinder-Reaktionen:

Viele Userinnen und User nahmen die Kampagne auch zum Anlass, um auf Sorgen der Landbevölkerung hinzuweisen. Besonders grossen Raum nahmen hier Tweets ein, die Zwangsumsiedlungen erwähnen, wenn mal wieder ein Dorf dem Braunkohletagebau zum Opfer fällt.

Weil wir im 21. Jahrhundert noch mit Kohle Strom erzeugen.

Den Dorfkindern, den ihr Zuhause nicht «weggebaggert» wird, fiel zur Kampagne ein, dass es ja mal ganz nett wäre, wenn ein Bus nicht nur zweimal am Tag führe (oder überhaupt ein Bus käme). Oder (siehe oben) das Internet tatsächlich schnell wäre. Oder Krankenhäuser nicht geschlossen würden.

Dorfkinder geben sich mit 4G zufrieden.

Ob sich Julia Klöckner das so vorgestellt hatte? Offenbar schon, denn sowohl sie als auch ihr Ministerium reagierten am Montagabend auf die Kritik.

Frei nach dem Motto: Jede Presse ist gute Presse.

DIe Kampagne #dorfkinder spaltet

Besonders interessant ist an dieser Stelle, was das Ministerium twitterte. Man wolle nicht Stadt und Dorf gegeneinander ausspielen. Das ist, es lässt sich nicht anders sagen, gründlich misslungen.

Denn wie gesagt: keiner der Claims aus der Kampagne beschreibt Eigenschaften, die nur Dorfkinder haben. Andersherum formuliert: Indem Klöckner und ihr Ministerium Dorfkindern etwa bescheinigen, sie hätten «den Dreh raus», nehmen sie die Eigenschaft den Stadtkindern weg.

Und mehr noch, es häufen sich nun Tweets, in denen Menschen auf ihre negativen Erfahrungen mit der Landbevölkerung hinweisen. Von Nazis ist da die Rede, von Mobbing und Ausgrenzung.

Dieses Bild, das da auf Twitter entsteht, bestätigt jeden, der auf dem Land gross geworden ist (und keine Hakenkreuzflagge in der Scheune hängen hat) doch vor allem darin, das Gefühl haben zu müssen, irgendwie als Bürgerin oder Bürger zweiter Klasse aufgewachsen zu sein.

Diese Menschen werden jetzt unter einem Hashtag in einen Topf geworfen mit dem Teil der Landbevölkerung, der mit einer anderen Hautfarbe oder Religion ein Problem hat. Statt zusammenzuführen, spaltet diese Kampagne weiter.

Am Ende hat Julia Klöckner als genau das erreicht, was sie eigentlich nicht wollte. Wie heisst es bei Tocotronic so schön?

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wenn Bauernregeln ehrlich wären

Die neue Form der Landwirtschaft

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Warum Deutschland die Schulen schloss – und die Schweiz im Blindflug ist

Die bisherige Wissensgrundlage zu Ansteckungen an Schulen ist dünn. Und so führt eine ähnliche Ausgangslage in Deutschland und der Schweiz zu unterschiedlichen politischen Entscheiden. Eine Auslegeordnung.

Seit Mitte Dezember befindet sich Deutschland im harten Lockdown. Schulen und Kitas sind geschlossen oder nur für Notbetreuungen geöffnet. Am Dienstag beschlossen die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten, dass diese Massnahmen bis mindestens am 14. Februar verlängert werden sollen. Für Abschlussklassen gilt eine Ausnahmeregelung. Eltern erhalten zusätzliche Möglichkeiten, für die Betreuung der Kinder bezahlten Urlaub zu nehmen.

Merkel sagte am Dienstag, man habe um den …

Artikel lesen
Link zum Artikel