International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Verwirrter Mann greift jüdischen Studenten in Hamburg mit Klappspaten an



04.10.2020, Hamburg: Ermittler der Polizei suchen in Schutzanz

Der Tatort vor der Synagoge. Bild: keystone

Ein 29-Jähriger im Tarnanzug hat am Sonntagnachmittag einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge mit einem Klappspaten angegriffen und erheblich verletzt. Der Deutsche mit kasachischen Wurzeln mache einen «extrem verwirrten Eindruck», sagte eine Polizeisprecherin am Abend.

Es sei sehr schwierig, ihn zu vernehmen. Es sei unklar, woher der Mann die militärische Kleidung habe. Nähere Angaben zu den Hintergründen der Tat konnte die Sprecherin zunächst nicht machen. Die Ermittlungen dauerten an.

Die Gemeinde wollte laut Polizei am Sonntag das Laubhüttenfest Sukkot feiern. Auch das 26 Jahre alte Opfer sei auf dem Weg dorthin gewesen. Nach der Bluttat sperrte die Polizei den Tatort ab. Einige Menschen versammelten sich. Eine Frau hielt ein Schild hoch: «Wir schämen uns für diese Tat und möchten unseren jüdischen Freunden und Nachbarn zeigen, dass wir bei ihnen sind», war darauf zu lesen.

Angreifer hatte Zettel mit Hakenkreuz dabei

Aussenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die Attacke scharf. «Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen», schrieb Maas am Sonntagabend auf Twitter. «Meine Gedanken sind bei dem Studenten, ich wünsche gute Genesung.» Nach dpa-Informationen soll der Täter einen Zettel mit einem Hakenkreuz in seiner Hosentasche gehabt haben. Laut Polizei hat er seinen Wohnort in Berlin. Welchen Bezug er zu Hamburg hat, war zunächst unklar.

«Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen.»

Der 26-Jährige erlitt Kopfverletzungen, ist aber nicht lebensgefährlich verletzt. Er konnte sich den Angaben zufolge in Sicherheit bringen und wurde bis zum Eintreffen von Rettungskräften von Passanten erstversorgt. Beamte, die zum Schutz der Synagoge vor Ort waren und den Vorfall beobachteten, hätten den Angreifer festgenommen. Die Hintergründe würden nun ermittelt. Auch der Staatsschutz sei eingeschaltet worden.

Erinnerungen an Anschlag in Halle

Sollte sich ein antisemitischer Hintergrund bestätigen, würde das dunkle Erinnerungen an den Anschlag auf das jüdische Gotteshaus in Halle vor fast einem Jahr wecken. «Die Frage ist, was haben wir nicht gelernt seit Halle?», sagte Landesrabbiner Shlomo Bistritzky von der Jüdischen Gemeinde Hamburg, der nach eigenen Angaben wenige Minuten nach der Tat eintraf. «Alle waren sehr, sehr schockiert.»

Am 9. Oktober 2019 hatte der schwer bewaffnete Rechtsextremist Stephan Balliet versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Die begingen dort zu dem Zeitpunkt den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Als ihm dies nicht gelang, erschoss er eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen 20 Jahre alten Gast. Auf seiner Flucht verletzte der Deutsche mehrere Menschen teils sehr schwer. Gegen ihn läuft am Oberlandesgericht Naumburg der Prozess.

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, erklärte zu der Tat in Hamburg, für Überlebende des Holocaust sei es ein zutiefst bedrückender Gedanke, dass jüdische Menschen und jüdische Einrichtungen in Deutschland offensichtlich immer noch nicht ausreichend geschützt werden könnten.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) reagierte bestürzt. «Ich wünsche dem Opfer viel Kraft und baldige Genesung. Hamburg steht fest an der Seite unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger», erklärte er am Abend. Die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) twitterte: «Es beschämt mich zutiefst, dass heute ein Hamburger jüdischen Glaubens vor der Synagoge Hohe Weide attackiert worden ist.» (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Wenn aus Hakenkreuzen Friedensbotschaften werden

Mit Liebe und Humor gegen Nazi-Schmierereien

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

11 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Andre Buchheim
05.10.2020 00:10registriert November 2019
Ja, wohin Antisemitismus speziell und Menschenfeindlichkeit so führen. Trifft diese Propaganda auf psychisch Kranke, werden diese zu Einzeltätern. Trifft es auf eine Masse, entsteht eine Tätergemeinschaft.
Wann lernen wir endlich, Liebe und Mitmenschlichkeit zu verbreiten, statt Ablehnung und Ausgrenzung?
317
Melden
Zum Kommentar
11

«Homosexuelle haben Recht auf Familie» – Papst befürwortet eingetragene Partnerschaft

Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat sich erstmals öffentlich für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft geäussert.

Papst Franziskus hat sich am Mittwoch zum ersten Mal öffentlich für die gleichgeschlechtliche Partnerschaft ausgesprochen. Dies berichtet die Nachrichtenagentur AP. Er habe sich befürwortend im Dok-Film «Francesco» geäussert.

«Homosexuelle Menschen haben das Recht, in einer Familie zu leben. Sie sind Kinder Gottes», sagte Franziskus in einem Interview. «Man soll weder jemanden aus einer Familie werfen, noch ihn dafür das Leben zur Hölle machen. Wir brauchen dafür ein Partnerschaftsgesetz, …

Artikel lesen
Link zum Artikel