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Warum wir Widersprüche aushalten müssen: Denken in schwierigen Zeiten

Escher Relativity
Ausschnitt aus dem Lithografiedruck «Relativität» des niederländischen Künstlers M. C. Escher, 1953.bild: scherinhetpaleis

Warum wir Widersprüche im Denken aushalten müssen

Die Welt ist ein kaum mehr zu verstehender, brennender Ort geworden. Umso mehr müssen wir darum bemüht bleiben, richtig über sie nachzudenken. Der Versuch einer Denkhilfe in schwierigen Zeiten – mit ein paar Abstechern in die Ethnologie, Philosophie und Psychologie.
15.03.2026, 15:3115.03.2026, 15:31

Dass man auch grundlegend anders denken kann, hab ich das erste Mal vor 16 Jahren so wirklich zu denken versucht.

Das war während meines Studiums, genauer in einem Seminar über literarischen Primitivismus. Also über moderne Texte, die sich mit all dem beschäftigen, was die zeitgenössischen Humanwissenschaften als «primitives Denken» bezeichnet haben; dabei geht es sehr viel um Projektionen von Europäern über Denken, Sein und Kunst von «Naturvölkern» aus überseeischen Gebieten. Um das Spiel und das Experimentieren mit kolonialen Vorurteilen und Rechtfertigungen, mit der Exotisierung und Romantisierung vom Leben fernab von Industrie und Technik, welche die Sehnsucht nach Ursprung, nach Unschuld und Natürlichkeit auf einem Kontinent stillen sollten, der mit den Weltkriegen eine radikale Umdeutung aller Werte erleben sollte.

Auch darum ist es ebenso die Auseinandersetzung mit den «inneren Kolonien»; mit dem eigenen Fremden oder der Vorstellung davon, die geographisch oder zeitlich aus dem eigenen Ich ausgelagert wird. Sprich, das Unzivilisierte, das Kind – oder der Wahnsinn im eigenen Kopf.

Paul Gaugin
Paul Gauguin ist ein gutes Beispiel für künstlerischen Primitivismus: «Nafea faa ipoipo» (Wann heiratest Du?), 1892 – gehört zu den Tahiti-Bildern des französischen Malers, anhand derer er ein verloren geglaubtes Paradies inszenierte. Er exotisierte also jene für ihn fremde Welt, stilisierte sich selbst als Wilden, ohne allerdings die realen kolonialen Machtverhältnisse aufzuheben.Bild: wikimedia

Faszinierende Sache, aber führt nun leider zu weit. Egal, jedenfalls haben wir da Claude Lévi-Strauss (1908–2009) gelesen, den französischen Ethnologen, der nichts mit den Jeans zu tun hat (und darum später in New York auch seinen Namen in L.-Strauss verkürzte, damit die Studenten nichts zu lachen hatten). Er war der Begründer des ethnologischen Strukturalismus, also einer dieser Herren, die den Drang verspürten, nicht immer alles aus einer Biographie oder einer Geschichte heraus zu verstehen, sondern aus seiner Organisation im Jetzt schlau zu werden. Synchron, nicht diachron. Den Strukturalisten ging es also ums Beziehungsgeflecht, um Regeln, Gesetze und überindividuelle Strukturen, die den zu untersuchenden Gegenstand umgeben.

Und als solcher wagte er sich ans «primitive Denken», das vor ihm ein anderer Lévy, Lévy mit y, der Lucien Lévy-Bruhl (1857–1939), als «prälogisch», also «vorlogisch», identifizierte (und später selbst relativierte). Diese Wertung war durchdrungen von der Vorstellung einer linearen Menschheitsentwicklung, als deren Spitze sich Europa verstand: Die Naturvölker befänden sich demnach auf einer niedereren Stufe, wo noch nicht in kausalen Zusammenhängen gedacht werde, sondern in mystischen; wo ein Mensch zugleich auch ein Papagei sein könne und wo Wörter nicht einfach Symbole und Beschreibungen seien, sondern ebenso real wie das, was sie bezeichnen.

Widersprüche würden in jener Denkwelt nicht logisch aufgehoben, sondern blieben einfach bestehen, meinte Lévy-Bruhl.

Lévi-Strauss aber packte nun das Material seines Vorgängers und machte sich nach Südamerika auf, um seine eigenen Feldforschungen an den Bororo, den Nambikwara und den Tupi-Kawahib zu betreiben.

UNSPECIFIED - OCTOBER 15: French anthropologist Claude Levi-Strauss (n1908) in Amazonia in Brazil c. 1936 (Photo by Apic/Getty Images)
Claude Lévi-Strauss im brasilianischen Amazonasgebiet, um 1936.Bild: Hulton Archive

Aus den dort gewonnenen Beobachtungen entwickelte er seine Theorie des «wilden Denkens», das er, ganz im Gegensatz zu Lévy-Bruhls Ansatz, eben nicht als eine minderwertige Vorstufe der Logik verstand, sondern als eine ganz eigene, aber strukturell gleichwertige Logik, die bloss anders arbeitet. Mit konkreten Bildern, Dingen und Mythen statt mit abstrakten Formeln.

Und Widersprüche würden in diesem Denksystem nicht einfach hingenommen, sondern anders verarbeitet. Während die aristotelische Logik darauf zielt, Widersprüche zu eliminieren – durch Definition, Unterscheidung oder Zurückweisung einer Seite –, führt der Mythos die Gegensätze zusammen. Er erzählt den Widerspruch. Macht seine Existenz narrativ sinnvoll, indem er ihn in Bilder und Figuren überführt, damit die Spannung, die er erzeugt, erträglich wird. Sprich, formale Logik macht die Welt konsistent und stimmig, während der Mythos sie bewohnbar macht.

Ich will mich an einem eigenen Beispiel versuchen.

Mein 5-jähriger Sohn kam letztens zu mir und fragte: «Mami, gell, das Christkindli gibt es überhaupt nicht. Du legst doch die Geschenke unter den Baum, oder?»

Im Lande des Christkinds. Einer der ersten Adventskalender (1903)
Im Lande des Christkinds: einer der ersten Adventskalender, 1903.Bild: wikimedia

Ich musste leer schlucken. Ich wollte nicht, dass er diese magische Welt schon verlässt. Aber er tat es, es war so weit, also blieb mir nichts anderes übrig, als ihn auf seinem Weg zu begleiten. Ich erzählte ihm dafür meine eigene Geschichte:

«Du hast recht, das Christkindli gibt es in Wirklichkeit nicht. Aber weisst du was? Als ich genauso alt war wie du, ging ich einen Tag vor Weihnachten zu meiner besten Freundin nach Hause. Voller Vorfreude hab ich gejauchzt: ‹Morgen kommt das Christkindli!›, woraufhin ihre Mutter mich anschaute und meinte: ‹Das Christkindli gibt es nicht.› Ich ging nach Hause, sehr traurig und wütend. Ich schrie meine Mutter an und fragte sie, warum sie mich angelogen habe.»

Er umarmte mich. Und dann sagte er: «Ach weisst du, ein bisschen gibt es das Christkindli glaub schon auch.»

Mit seinen kleinen Ärmchen hat er mich getröstet und war bereit, zwei sich widersprechende Wahrheiten gelten zu lassen.

Die erzählte Welt ist also eine Welt, in der wir trotz all ihrer verwirrenden Gegensätze leben können, ohne daran zu zerbrechen.

Der Mensch ist nämlich, und an dieser Stelle betreten wir das Feld der Psychologie, grundsätzlich schlecht darin, Widersprüche auszuhalten. Leon Festinger (1919–1989) hat das in seiner Theorie der kognitiven Dissonanz 1957 folgendermassen beschrieben: Wenn eine Person gleichzeitig zwei Gedanken hat, die nicht miteinander vereinbar sind, leidet sie. Es entsteht eine innere Spannung, die ihr Hirn möglichst schnell loswerden will, also ändert sie entweder ihre Einstellung, nimmt bloss noch selektiv wahr – confirmation bias lässt grüssen – oder beginnt damit, die Fakten umzuinterpretieren.

Beobachtet hatte Festinger jene innere Widerspruchsauflösung an einem kleinen UFO-Kult in den USA, in den er sich selbst verdeckt eingeschlichen hatte. Die Seekers glaubten daran, dass am 21. Dezember 1954 eine Flut die Welt zerstören würde und allein ihre Gruppe rechtzeitig von einem Raumschiff gerettet würde.

Ufo
Symbolbild.Bild: Shutterstock

Als die Apokalypse ausblieb, erklärte die Führerin Dorothy Martin ihren Anhängerinnen und Anhängern, dass deren unerschütterlicher Glaube Gott oder besser die «Guardians» umgestimmt habe; die Welt sei noch einmal vom Untergang verschont geblieben.

Viele der Seekers hatten vor der erwarteten Ankunft der Aliens ihr Haus verkauft und ihren Job gekündigt. Auch Reissverschlüsse, Haken und Ösen hatten sie aus ihren Hosen und BHs entfernt – Metall hätte das rettende UFO von seinem Weg abbringen können.

Zu viel hatten sie bereits für ihren Glauben hingegeben, um ihn einfach aufzugeben. Und so deuteten sie die Widerlegung kurzerhand in eine Bestätigung um. Damit der Glaube bleiben konnte, musste die Realität angepasst werden; damit war der innere Widerspruch getilgt. Selbstbild und Fakten wieder stimmig.

Dann begannen sie damit, eifriger als je zuvor zu missionieren. Soziale Bestätigung hilft laut Festinger, die unangenehme kognitive Dissonanz weiter zu reduzieren.

Es ist also nicht Wahrheit, nach der wir Menschen suchen, sondern Konsistenz. Wir sind von Natur aus eher darauf aus, Widersprüche zu glätten – und dafür passen wir unsere Geschichten an.

«Menschen finden die Wahrheit nicht, sie erschaffen sie – so wie sie auch ihre Geschichte erschaffen.»
Althistoriker Paul Veyne (1930–2022)

Um also unverbogene Wahrheiten zu finden, müssen wir lernen, Widersprüche auszuhalten. Und natürlich haben auch westliche Denker längst versucht, diese nicht einfach zu eliminieren, sondern für den Erkenntnisgewinn fruchtbar zu machen. Und zwar schon seit den alten Griechen, genauer seit Heraklit (520–460 v. Chr.), der erkannt hat, dass alles Seiende durch sein Gegenteil bedingt ist – ohne Unten gibt es auch kein Oben. Widerspruch ist bei Heraklit also kein Fehler, sondern das Strukturprinzip des Seins. Er hat den Keim gesät, aus dem später die sogenannte Dialektik erwuchs. Die Denkweise, die den Widerspruch nicht vermeiden, tilgen oder auflösen will, sondern ihn nutzt, um einseitige Positionen zu überwinden und zu einem umfassenderen Verständnis zu gelangen.

Auf Heraklit folgen Sokrates, Platon und Aristoteles – der den Widerspruch als logisches Problem behandelt –, im Mittelalter beschäftigen sich die Scholastiker damit und ziehen Gott – und sein biblisch gesehen höchst widersprüchliches Wesen – mit rein, danach tun sich die zwei eher schwer Verständlichen Leibniz und Hegel (1770–1831) daran gütlich. Was ich davon glaube zu verstehen, ist Folgendes: Der Widerspruch ist der innere Motor, der die Dinge überhaupt in Gang setzt. Keine Bewegung, keine Entwicklung ohne Widerspruch also, der bei Hegel immer schon in den Dingen selbst steckt und nicht etwa von aussen kommt. Er bringt das Beispiel einer Knospe, die zur Blüte wird und schliesslich zur Frucht. Ist sie im Stadium der Blüte, wird die Form der Knospe widerlegt, ist sie Frucht, wird die Blüte zur unwahren Form.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831.Bild: wikimedia

Das ist jetzt nichts bahnbrechend Neues, könnte man denken, was der deutsche Philosoph da beschreibt, ist ja einfach Wachstum. Und ja, das stimmt, nur kehrt er die Sache um: Es ist nicht die Konsistenz oder Identität der Pflanze, die hier betont wird, sondern ihre Veränderung. Die Veränderung ist das Primäre, durch sie erscheint jede frühere Gestalt als einseitig, vorläufig, nicht wahr. Die Wahrheit der Pflanze ist nicht irgendeine ihrer einzelnen Formen, sondern der Prozess ihrer Metamorphose.

Hegel findet also, dass wahre Konsistenz keine starre Gleichheit ist, sondern im Gegenteil die Fähigkeit, sich durch seine eigenen Widersprüche hindurch zu verändern und eben dadurch bei sich zu bleiben.

Wenn wir nun diesen Gedanken auf unsere Psyche übertragen und unser Bedürfnis, kognitive Dissonanz, also Widersprüche, reflexartig abzuwehren und zu glätten, damit unser Ich keine Löcher kriegt, könnten wir sagen:

Die Löcher sind gut, ja geradezu notwendig für die Entwicklung. Wir müssen unsere Widersprüche also annehmen, sie durchdenken und integrieren, indem wir uns fragen: Welche meiner Überzeugungen, Ansichten und Praktiken sind dadurch unhaltbar geworden?

Nur so finden wir zu einer Konsistenz, zu einem Selbstbild, das nicht bequemer, dafür aber wahrer ist.

Jetzt ist das Ganze aber wie alles auf dieser Welt nicht so einfach. Weil wir zwar an den Widersprüchen wachsen können, sie sich aber nicht immer hübsch synthetisieren lassen, um auf eine höhere Ebene zu kommen, wie das bei Hegel der Fall zu sein scheint. Besonders dann, wenn man sie auf die Gesellschaft zu übertragen versucht. Hegel ist Idealist, sprich, er versucht, Vernunft und Wirklichkeit miteinander zu versöhnen, und geht darum von einer inneren Vernunftlogik aus; alle Widersprüche laufen bei ihm letztlich auf ein vernünftiges Ganzes hinaus.

Mit Blick auf all die himmelschreienden gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten sagt Theodor W. Adorno (1903–1969) – und davor natürlich auch Karl Marx (1818–1883) – nein. Denn was ist, wenn die Widersprüche die Falschheit des Systems, dieses «vernünftigen Ganzen» offenlegen?

Theodor W. Adorno
Der deutsche Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno.bild: dpa

Bereits 1944 kam er gemeinsam mit Horkheimer zum Schluss: Die Aufklärung, die ursprünglich angetreten war, den Glauben an Mythen aus der Welt zu schaffen, ist durch ihren Herrschaftscharakter selbst zum Mythos geworden. Man habe die Wahrheit auf ihren Zweck reduziert, sie identisch gemacht mit dem Begrifflichen; die Welt wurde mittels formaler Logik in Sprache, in Formeln, in Zahlen gepresst, um sie messbar, regulierbar und damit beherrschbar zu machen. Hinter der Sprache, hinter den Formeln und Zahlen sind aber reale Dinge und echte Menschen. Und ganz besonders: echtes Leid. Menschliches Leid, das nicht wegrationalisiert werden kann. Und auch niemals wegrationalisiert werden darf.

Ganz besonders nach dem Holocaust nicht. Für Adorno zeigt die industrielle Vernichtung von sechs Millionen Juden vor allem eines: Die Grenze des Denk- und Machbaren hat sich verschoben. In seiner «Erziehung nach Auschwitz» fordert er deshalb, dass sich jene menschenvernichtende Erfahrung nicht wiederhole. Die radikale Negation des Schlimmsten wird zum normativen Minimalkriterium aller Theorie und Praxis.

Skandalon muss Skandalon bleiben und darf niemals in Sinn überführt werden. Der Widerspruch – hier als subjektiv erfahrenes Leid, das im Gegensatz steht zu einer objektiv herrschenden, gesellschaftlichen Ordnung – verdient keine Synthese im Sinne Hegels und damit auch keine Rechtfertigung. Begriff und Sache, Subjekt und Objekt, Denken und Sein sind nicht identisch. Hier wird nichts auf den gleichen Nenner gebracht. Hier wird auf dem Widerspruch beharrt als Zeichen realer, gesellschaftlicher Konflikte, an denen Machtstrukturen und Ungerechtigkeiten sichtbar werden.

Adornos negative Dialektik misst jede Theorie, jedes System und jede Ideologie daran, ob sie Leid verschleiern, rechtfertigen oder verharmlosen – oder ob sie dazu beitragen, es zu mildern oder abzuschaffen.

So, das war jetzt ein gigantischer Haufen philosophischer Theorie. Darum versuch ich jetzt mal, all das Zusammengetragene möglichst fruchtbar zusammenzuwursteln und auf die heutige Zeit anwendbar zu machen.

Denn das war das erklärte Ziel dieses Artikels: Eine Art Denkanleitung für Menschen zu liefern, die noch nicht ganz aufgegeben haben, die Welt in ihrer ganzen, irrsinnigen Komplexität verstehen zu wollen. Und dafür, das glaube ich zumindest, muss man die Fähigkeit stärken, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche wahrzunehmen und zu ertragen, ohne gleich in Panik, Aggression, Resignation oder Schwarz-Weiss-Denken zu verfallen.

Psychologisch ausgedrückt nennt sich diese Fähigkeit Ambiguitätstoleranz. Also das Aushalten kognitiver Dissonanz, das man wiederum mit dialektischem Denken trainieren kann. Auf dass wir dem Verlangen widerstehen, Widerspruch gleich auszumerzen oder zu glätten, und ihm stattdessen als Möglichkeit von Einsicht und Veränderung begegnen.

Mythen machen Widersprüche narrativ erfahrbar. Literatur kann sowas. Das fängt schon bei Kinderbüchern an, «Ist okay» (2025) von Ye Guo beispielsweise, das von Ziege und Hase erzählt, die verschieden und Freunde sind. Ohne Aber und ohne Belehrung.

Ist Okay, Ye Guo
Hase verzweifelt, wenn sie bei ihrem Ausflug vom Weg abkommen, während Ziege ruhig die Karte studiert. Dann treffen sie sich jeweils irgendwo in der Mitte, um gemeinsam ihr kleines Drama zu bewältigen.Bild: mixtvision

Auch die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri kann das. Sie hat in ihrem Buch «Der Nahost-Komplex. Von Menschen, Träumen und Zerstörung» (2025) ein Mosaik an Stimmen aus dem Nahen Osten gelegt. Dafür reiste sie durch Israel, Palästina, den Libanon, den Iran, Rojava und führte Gespräche mit rund 200 Menschen über die alltägliche Gewalt, über ihre Ängste und Hoffnungen. Das macht rund 200 Wahrheiten, die miteinander verwoben sind und sich gleichzeitig widersprechen. Es sind die Stimmen der Leidtragenden, die zusammengenommen die Komplexität dieser zerrissenen Region widerspiegeln und die eben nicht in ein einfaches, stimmiges Narrativ zu pressen sind.

Natalie Amiri
Die vielfach ausgezeichnete Journalistin Natalie Amiri moderiert seit 2014 den «Weltspiegel» aus München. Von 2015 bis 2020 leitete sie das ARD-Studio in Teheran, seit 2024 arbeitet sie in Vertretung für das ARD-Studio in Tel Aviv.Bild: wikimedia

Es bleibt uns also kaum etwas anderes übrig, als zu lernen, Widersprüche auszuhalten – und überall dort, wo man sie glätten will, um Leid zu rechtfertigen oder zu verharmlosen, im Sinne Adornos Alarm zu schlagen. Denn wenn wir auch angesichts dieses Weltchaos unsere Meinung verloren haben, können wir noch immer Haltung bewahren.

Und ja, Denken in Zeiten von Social-Media-Algorithmen, die Schnelligkeit, Einfachheit und Eindimensionalität millionenfach belohnen und reproduzieren und damit schwer zu durchdringende Echokammern fördern, ist anstrengend.

Eigentlich ist es bereits von Natur aus anstrengend. Weil sich beim Lernen im Gehirn stets etwas verändern muss, sonst hat man nichts gelernt. Sich immer nur Bestätigung für die eigene Ansicht reinzupfeifen, ist also auch für die Bildung neuer Gehirnzellen wenig förderlich. Dafür begünstigt es das, was der amerikanische Soziologe Arie Kruglanski in den 1990er Jahren als «Need for Cognitive Closure» bezeichnet hat: den Drang, möglichst schnell zu einem Ergebnis zu kommen, und das Bestreben, einmal gefundene Antworten dauerhaft beizubehalten.

Wir haben also diverse Feinde im Kampf für mehr Ambiguitätstoleranz, und der grösste scheint unsere eigene Natur zu sein. Wenn hier auch angefügt werden muss, dass die zwei Kulturpsychologen Kaiping Peng und Richard E. Nisbett in einer vergleichenden Studie (1999) herausgefunden haben, dass US-amerikanische Studenten ganz anders mit Widersprüchen umgehen als chinesische. Sie neigen dazu, den Widerspruch zugunsten einer Seite aufzulösen, während die ostasiatischen Probanden eher eine Versöhnung beider Seiten anstreben und eine Art Mittelweg suchen.

Kein Wunder also, dauerte es im Westen Jahrhunderte, den Widerspruch nicht als Denkfehler, sondern als Erkenntnisprinzip zu begreifen. Darum auch ist die Ambiguitätstoleranz eine schwer zu erwerbende Kompetenz und keine Selbstverständlichkeit.

Und darum trainiert euch, trainiert eure Kinder, erzählt ihnen Geschichten, macht Widersprüche erfahrbar, wechselt die Perspektiven, macht Rollenspiele, bereitet sie vor auf eine farbige, schwierige, vieldeutige Welt, in der das Christkindli weiterhin existieren darf, auch wenn Mami die Geschenke unter den Baum legt.

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