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30.07.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Eine Frau legt am Bahnsteig 7 im Frankfurter Hauptbahnhof Blumen nieder. Ein achtjähriger Junge ist im Frankfurter Hauptbahnhof von einem Mann vor den einfahrenden ICE gestoßen und getötet worden. (KEYSTONE/DPA/Frank Rumpenhorst)

Bild: dpa

ICE-Drama von Frankfurt: Täter lebte in Wädenswil und war in psychiatrischer Behandlung

Am Montag ist am Frankfurter Hauptbahnhof ein achtjähriger Junge gestorben, nachdem ihn ein 40-jähriger Mann auf das Gleis gestossen hat. Der aktuelle Informationsstand im Überblick.



Wer ist der mutmassliche Täter?

Der mutmassliche Täter stammt aus Eritrea und lebt in der Schweiz. Er ist im Kanton Zürich in Wädenswil wohnhaft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankfurt ist der Mann verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist Mitglied der christlich-orthodoxen Glaubensgemeinschaft, wie die Kantonspolizei Zürich an der Medienkonferenz am Dienstagnachmittag mitteilt.

2008 wurde ihm in der Schweiz Asyl gewährt, seit 2011 besitzt er eine Niederlassung der Kategorie C. Der 40-Jährige arbeitete bis im Januar 2019 bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) in einer Werkstatt. Seither war er wegen psychischen Problemen krank geschrieben und befand sich in psychiatrischer Behandlung.

Der mutmassliche Täter wurde im Jahresbericht 2017 einer Integrationsorganisation als Beispiel für gelungene Integration porträtiert. Auf die Publikation verwies Horst Seehofer an der Medienkonferenz in Berlin. Auch aus Sicht der Schweizer Behörden sei er gut integriert gewesen.

Doch am vergangenen Donnerstag ist er erstmals polizeilich aufgefallen. Er sperrte seine Frau und seine drei Kinder in der Wohnung in Wädenswil ein. Zuvor bedrohte er seine Nachbarin mit einem Messer und würgte sie. Danach wurde er schweizweit zur Verhaftung ausgeschrieben.

Was ist passiert?

Am Montagvormittag, kurz vor 10 Uhr, eine Mutter stand mit ihrem acht Jahre alten Sohn am Bahnsteig, als die beiden plötzlich von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestossen wurden.

«Das Kind wurde vom Zug überrollt und tödlich verletzt, es starb noch im Gleisbett», sagte Polizeisprecher Thomas Hollerbach. «Der Mutter ist es noch gelungen, sich zur Seite zu rollen und zu retten.» Laut der Polizei wollte der Mann eine dritte Person schubsen – diese wehrte sich jedoch.

Der mutmassliche Täter konnte zunächst entkommen. Er wurde aber von Passanten verfolgt; die Polizei konnte ihn schliesslich ausserhalb des Bahnhofs festnehmen.

Am Dienstagnachmittag ist der Mann in Untersuchungshaft genommen worden. Der Haftbefehl wegen Verdachts des Mordes und des zweifachen versuchten Mordes sei antragsgemäss erlassen worden, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Deutschland.

Um 15 Uhr informierte der Innenminister Horst Seehofer an einer Medienkonferenz über das Tötungs-Delikt. Er bezeichnete die Tat als «kaltblütigen Mord».

Was weiss man noch nicht?

Das Tatmotiv ist noch nicht bekannt. «Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, dass Täter und Opfer sich kannten», sagte eine Polizeisprecherin der Polizei Frankfurt. Auch was seinen ersten Gewaltausbruch in Wädenswil auslöste, weiss die Polizei noch nicht.

Warum er trotz nationaler Fahndung über die Grenze nach Deutschland reisen konnte, sei Gegenstand der Ermittlung sagt Staatsanwalt Thomas Brändli. Wo er sich seit der Tat in Wädenswil aufhielt und warum er ins Ausland reiste sei noch nicht bekannt. Mit wem er seit Donnerstag Kontakt hatte, ist noch ebenfalls nicht geklärt. Eine Radikalisierung oder einen terroristischen Hintergrund schliesst die Polizei aus.

Auch zur Frage seit wann und wegen welcher psychischer Erkrankung er in Behandlung war, konnte er noch nichts sagen. Ob er in einer Klinik war, ist noch unklar.

Gibt es solche Vorfälle öfters?

Wie jetzt in Frankfurt gab es in Deutschland schon in der Vergangenheit Fälle, bei denen Menschen von Fremden auf die Gleise gestossen wurden:

Voerde, 20. Juli 2019: In der niederrheinischen Stadt stösst ein 28-jähriger Mann eine 34-jährige Frau vor eine einfahrende Regionalbahn. Sie stirbt an ihren Verletzungen. Das Motiv des Mannes ist unklar. Er war wegen Diebstahls und Körperverletzungen polizeilich bekannt.

München, 26. April 2017: Ein 59-jähriger Mann wartet an einem U-Bahnhof, als ihn eine 38-jährige Frau vor die einfahrende Bahn stösst. Der Zug bremst und kommt etwa zehn Meter vor dem Mann im Gleisbett zum Stehen. Die Frau leidet unter paranoider Schizophrenie. Ein Gericht ordnet eine Unterbringung in der Psychiatrie an.

Berlin, 19. Januar 2016: Eine junge Frau wird auf einem U-Bahnhof von einem psychisch kranken 29-Jährigen vor eine Bahn gestossen, überrollt und tödlich verletzt. Der Täter wird im Prozess zur dauerhaften Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt.

Innenminister Horst Seehofer kündigte an der Medienkonferenz Konsequenzen an. Das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung sei angespannt. «Wir brauchen dringend mehr Polizeipräsenz.» Ausserdem fordert Seehofer eine Verstärkung der Videoüberwachung an den Bahnhöfen.

(jah/watson.de/sda)

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