Sie verehrte ihn wie einen Gott – und traf ihn mit 17 im Hotelzimmer
1997. Die Spice Girls haben gerade mit «Wannabe» Girl Power zum Mainstream erklärt. Dem Eurodance geht mit Aqua und Sash! langsam die Luft aus. Und in den Hitparaden hält sich der heute verurteilte Sexualstraftäter Sean Combs alias Puff Daddy noch in den Top-5.
In diesem Jahr bekommt die 10-jährige Marie Franz von ihrem Vater ein Album geschenkt. Auf dem Cover, ein deutscher Liedermacher namens Konstantin Wecker. In den 1970er- und 1980er-Jahren begeisterte er als rebellischer Barde mit seinen poetischen wie moralischen Botschaften über Frieden, Antifaschismus und die Liebe.
In den konsumhungrigen 1990ern, in denen sich diese Geschichte abspielt, ist Weckers Kapitalismuskritik fast schon verhallt. Wecker belegt keinen Platz in den Charts. Aber für das Mädchen Marie Franz ist er sofort der Hit.
«Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mich Kunst richtig gepackt hat, ich habe mich verloren in dieser Musik», sagt die 38-Jährige bei unserem Telefonat. In ihrem Zimmer hängt kein zeittypisches Plakat der deutschen Casting-Band Bro’sis, sondern eines von «K». Sie nennt ihn «Gott». Und Gott wohnt fortan in ihrem Kinderzimmer.
Das könnte der Beginn einer mustergültigen Fan-Biografie eines introvertierten Kindes sein, gepflastert mit Postern, Liebesbriefen und Fan-Fiction. Erlebt von unzähligen Mädchen während der Adoleszenz. Psychologisch erklärbar: die Suche nach Selbstbestätigung und Identität.
Mit 16 schreibt sie den ersten Liebesbrief
Mit 12 Jahren bekommt Marie Franz ein Konzertticket von ihren Eltern geschenkt. Sie liebt die religiöse Stimmung an Weckers Konzerten. Immer, wenn er in die Nähe ihres Wohnorts kommt, geht sie hin. Mit 16 schreibt sie ihm einen Liebesbrief, er antwortet ihr, handschriftlich. Sie lässt sich bei Autogrammstunden seinen Namen auf den Arm schreiben, um ihn dann nicht mehr zu waschen. Sie ist der Teenie unter seiner gealterten Fan-Base.
«Bei seinen Texten hatte ich immer das Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Er stand für mich für die richtigen Werte ein, zeigte Rückgrat und sagte Nein, wenn andere schwiegen. Das alles hat grossen Eindruck auf mich gemacht.»
2005, da ist sie 17, nimmt der 58-jährige Künstler sie bei einer Autogrammstunde zur Seite, fragt sie, ob sie etwas mit ihm trinken gehen will. Sie ist mit ihrem Freund hier, also notiert Wecker auf einen Zettel: «9:00, Hilton, Zi. 4050.»
Am nächsten Tag schwänzt Marie Franz die Schule. Die Mutter fragt: «Was, wenn er mehr will?» Mehr sagt sie nicht.
«Wir hatten zweimal Sex innerhalb kurzer Zeit und verbrachten zwei Stunden auf dem Hotelzimmer mit Gesprächen über Bücher und Spiritualität», erinnert sich Franz an ihre Begegnung. «Was für eine schöne Belohnung für meine Lieder du bist», soll er gesagt haben, bevor sie in die Schule zurückkehrt. Weckers Nummer notiert sie sich rückwärts unter ihre Schreibtischplatte. Man schreibt sich, telefoniert.
Im Konstantin-Wecker-Lied «Lauscher hinterm Baum», veröffentlicht 1973, versetzt sich der Künstler in die Perspektive eines alten Voyeurs, der hinter Büschen jungen Mädchen unter die Röcke schaut. «Abends, wenn die braven Kinder heimgehn zu Mama,/stehen viele alte Männer hinter ihren Bäumen da./Augen zu, den Mund geöffnet, ihre Hände sind ganz nah/an dem Ding, mit dem vielleicht vor zwanzig Jahren noch was geschah.»
Wecker war, als er das Lied veröffentlichte, 25 Jahre alt, aber im Alter ist er nicht hinterm Baum geblieben. Das wissen wir heute. In der «Süddeutschen Zeitung» meldeten sich in den letzten Monaten vier Frauen. Alle waren 15 oder 17 Jahre alt, als sie sich als Fans auf den wesentlich älteren Künstler einliessen. Alle bestreiten nicht, dass der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war. Aber alle Biografien sind gepflastert mit psychiatrischen Klinikaufenthalten, Depressionen und Bindungsproblemen. In einem Fall soll es zu einer Ausgleichszahlung gekommen sein.
Als Wecker sich bei Marie Franz nach ein paar Treffen nicht mehr meldet, bricht die Welt für sie zusammen. Sie schreibt Gedichte, in denen sie den Künstler religiös überhöht, um ihren Schmerz zu verarbeiten. Ihre Cousine wird die handgeschriebenen Gedichte Wecker später persönlich überreichen. Eine Antwort erhält sie nie.
Es brauchte die #MeToo-Bewegung, die Debatte um die Fankultur der Band Rammstein und deren ausgeklügeltes Groupie-Rekrutiersystem, damit «ich meine Erfahrungen endlich einordnen konnte», sagt Franz, die auf Wunsch Weckers die «Beziehung» nie verriet – nur zwei Freundinnen wussten in der Schule Bescheid.
Heute, 20 Jahre später, sagt sie: «Ich habe als junges Mädchen Weckers Interesse an meinem Körper als Interesse an meiner Persönlichkeit fehlinterpretiert, sein Kontaktabbruch war eine Katastrophe für mein unterentwickeltes Selbstwertgefühl.»
Jahre später begleiten sie noch Angst- und Panikattacken. «Ich habe bis heute Probleme, mich auf jemanden einzulassen und meine eigenen Körpergrenzen wahrzunehmen, mich bei intimen Beziehungen zu fragen, was ich denn eigentlich will, denn mein jugendlicher Körper wurde von Wecker ja nur benutzt.»
Vor ungefähr einem Jahr fing Marie Franz damit an, ihre Erlebnisse aufzuschreiben und die Gedichte zu sichten, die sie Wecker einst widmete. Sie sind ihr heute peinlich, die Liebeserklärungen verfasst mit einer Absolutheit, wie sie nur Jugendliche schreiben können oder Erwachsene über Gott. Trotzdem hat Marie Franz diese Texte jetzt in einem Buch mit Klarnamen veröffentlicht. «Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, dass ich diese Geschichte öffentlich erzähle, für mich, um Deutungshoheit über meine Geschichte zu erlangen. Für andere, damit sie von meiner Erfahrung lernen können.»
Auf dem Prüfstand: die Sexualmoral der 1970er-Jahre
Die Neubewertung ihrer Erlebnisse, welche die Schuldfrage zum Künstler Konstantin Wecker verschiebt, ist aber nicht nur das Ergebnis einer erfolgreichen Psychotherapie. Es lässt sich daran auch ein Wandel des Zeitgeists ablesen.
Nur ein Jahr nach Erscheinen des Liedes «Lauscher hinterm Baum» wird der deutsche Regisseur Wim Wenders seinen Film «Falsche Bewegung» mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski drehen. Eine Filmszene zeigt die jugendliche Darstellerin nackt, in einer sexualisierten Gewaltdarstellung. Und wie Marie Franz hat sich auch Nastassja Kinski erst jetzt an die Öffentlichkeit gewandt und den Regisseur gebeten, die Szene aus dem Film zu entfernen, weil sie als Kind spürte, «dass das nicht in Ordnung ist».
Im selben Jahr wie Wenders Film veröffentlichte auch der französische Autor und Intellektuelle Gabriel Matzneff das Buch «Les Moins de Seize Ans» («Die Unter-16-Jährigen»), in dem er die Beziehung zu jungen Mädchen verherrlicht. Unterstützt von Intellektuellen forderte er 1977 mit einer Petition in der Zeitung «Le Monde» die Aufhebung des Pädophilie-Verbots. Mit marxistischen Argumenten wollten die Intellektuellen damals das Kind von der Herrschaft der Erwachsenen befreien. Man schoss mit Argumenten aus der Psychoanalyse gegen die gehemmte Nachkriegsgesellschaft.
Wecker schweigt sich zu Marie Franz aus
Die Sexualmoral der 1970er-Jahre, die auch Weckers Weltbild geprägt hat, sie scheint, im Jahr 2026, gerade auf dem Prüfstand zu stehen. Gegen den jahrzehntelang mit Preisen geehrten Autor Gabriel Matzneff wurde zeitweise ermittelt. Und die Schuld wechselt – zögerlich – die Seite. «Mich kostet es bis heute Überwindung zu sagen, dass ich nicht schuld war», sagt Marie Franz. «Aber ich möchte Frauen, die Ähnliches erlebt haben, ermutigen, die Schuld nicht bei sich zu suchen.»
Wecker selbst hat im letzten Jahr, nach der Bekanntwerdung einer anderen Beziehung zu einer 15-jährigen Schülerin über seinen Anwalt öffentlich um Entschuldigung gebeten. Zu Marie Franz und zwei weiteren Fällen schweigt er sich aus. Sein Anwalt sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», Wecker sei «aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, sich zu erinnern». Auch unsere Bitte um eine Stellungnahme blieb vom Management unbeantwortet.
Marie Franz ist enttäuscht. «Er hätte beispielhaft vorangehen und Verantwortung für sein Handeln übernehmen können», sagt sie. Sein Schweigen sei eine «versäumte Chance, das Narrativ positiv mitzubestimmen». Weckers mit viel Haltung vorgetragenen Lieder hört sie heute nicht mehr.
Marie Franz: «Auserwählt». Goldblatt Verlag, 96 S. (schweizheute.ch)

