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Ein V-Mann packt aus – der Spitzel, der vor Berlin-Terrorist Amri gewarnt hatte



epa05684720 An undated handout composite photo made available by German Federal Criminal Police Office (BKA) on 21 December 2016 shows suspect Anis Amri who is searched for in connection to the 19 December Berlin attacks. A manhunt for the truck driver is underway after an initial suspect had to be released after he was cleared of the suspicion. At least 12 people were killed and dozens injured when a truck on 19 December drove into the Christmas market at Breitscheidplatz in Berlin, in what authorities believe was a deliberate attack.  EPA/BKA / HANDOUT BEST QUALITY AVAILABLE, MANDATORY CREDIT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Er verübte den Anschlag von Berlin: Anis Amri. Bild: EPA/DPA/BKA

Hätte der islamistische Terroranschlag in Berlin im Dezember 2016 verhindert werden können? Vor dem Islamisten Amri hat besonders ein V-Mann gewarnt. Aber er wurde nicht gehört. Nun legen «Spiegel»-Journalisten seine Geschichte vor.

VP01 heisst er in den Akten, der V-Mann, der mit dem späteren islamistischen Attentäter Anis Amri unterwegs war. Er ermittelte verdeckt für die Kriminalpolizei in Nordrhein-Westfalen unter Dealern, Mördern, Dieben und schliesslich unter Islamisten und Terroristen.

Murat Cem ist sein Deckname, wie der «Spiegel» Anfang März berichtete. In «Undercover - Ein V-Mann packt aus» beschreiben die «Spiegel»-Reporter Jörg Diehl, Roman Lehberger und Fidelius Schmid detailliert seine Einsätze.

Vor dem islamistischen Terroranschlag auf einem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 hatte Cem die Polizei mehrfach vor Amri gewarnt. Die Autoren bezeichnen ihn als «wohl wichtigsten Polizeispitzel der deutschen Kriminalgeschichte».

Geheimwaffen der Polizei

V-Männer sind die Geheimwaffen der Polizei gegen Verbrecher und Extremisten. Und oft die einzige Chance, um Mörder zu überführen oder in abgeschottete Kreise von Drogenhändlern oder Islamisten vorzudringen. Sie werden Vertrauenspersonen (VP) genannt. Selten erfährt die Öffentlichkeit von ihren Einsätzen.

Murat Cem wird auf Verdächtige angesetzt, um sie auszuhorchen. Was er dabei nicht darf: selber Straftaten begehen oder andere dazu drängen. Vertrauen unter Kriminellen gewinnt man aber nur, wenn man nicht zimperlich ist. Der V-Mann ist auf einer ständigen Gratwanderung. Die Regeln legt Cem «situationsbedingt» aus, wie die Autoren schreiben.

Der junge Mann mit freundlichem Auftreten und fundierten Kenntnissen der Kleinkriminalität geht wochenlang auf Polizeikosten mit Dealern und Mördern trinken, zum Glücksspiel und ins Bordell, nimmt Drogen und plant grosse Rauschgiftgeschäfte. Bei der Übergabe des Stoffs schlägt dann regelmässig ein Spezialeinsatzkommando (SEK) zu.

Die Polizei lobt und bezahlt Cem. 100 Euro gibt es pro Tag in bar. Sie schickt ihn aber auch immer wieder in neue Einsätze, ohne Rücksicht auf sein Familienleben oder andere Jobs. Die Fahnder brauchen Erfolge, Cem geniesst sein Leben als eine Art Geheimagent.

Von insgesamt 60 Einsätzen in 17 Jahren ist in dem Buch die Rede. Selten geht etwas schief. Einmal durchschaut ein türkischer Zuhälter mitsamt seiner Schlägertruppe in Köln Cem, trotzdem bleiben sie befreundet. Eine Fahnderin schimpft gegenüber seinen VP-Führern, die Polizei könne nicht die ganze Zeit «Murats Fickerei» bezahlen.

Schilderungen des V-Manns im Zentrum

Das Buch beruht vor allem auf Cems Schilderungen. Vieles sei durch Akten und Gespräche mit Weggefährten überprüft worden, beteuern die Autoren. Manche Passagen stützen sich trotzdem nur auf Cems Erinnerungen - auch wenn der «Spiegel» sie so erzählt, als sei er dabei gewesen.

2013 setzt die Kriminalpolizei Cem auf Islamisten in Nordrhein-Westfalen an. Monatelang betet er in Moscheen, lässt sich einen Bart wachsen und dringt in die Salafistenszene im Ruhrgebiet vor. Er liefert Informationen über Hassprediger und mögliche Anschlagspläne, die zu einem umfangreichen Ermittlungsverfahren führen.

Am 17. November 2015 lernt Cem den Tunesier Anis Amri kennen, der in den nächsten Monaten viel von Anschlägen spricht. Cem informiert das Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen. Dort ist man alarmiert. Gleichzeitig wiegelt das Bundeskriminalamt (BKA) ab und hält Cem als Quelle für nicht zuverlässig. Im Februar fährt Cem mit Amri nach Berlin in die islamistische Fussilet-Moschee. Bis zu seinem Anschlag zehn Monate später geht Amri dort ein- und aus. Cem kehrt zurück ins Ruhrgebiet, wenig später gibt es Streit. Beide sehen sich nie wieder.

Berlin trauert

Im Herbst 2016 zieht das LKA Cem aus der Islamistenszene ab. Es gibt Razzien, die Islamisten nennen ihn einen Spion und rufen zu seiner Tötung auf. Cem warnt das LKA noch einmal vor Amri. Doch der ist dort nicht mehr wichtig, zuständig ist inzwischen Berlin. Murat Cems V-Mann-Karriere läuft aus, das LKA schickt ihn samt Familie in ein Zeugenschutzprogramm. Der ehemalige Top-Spitzel ist unglücklich. Kurz nach dem Terroranschlag am 19. Dezember 2016 in Berlin klingelt sein Handy. «Es war Anis Amri», sagt ein Polizist.

2017 wird durch Zeitungsberichte bekannt, dass ein V-Mann an Amri dran war. Ab 2019 erzählt Cem dem «Spiegel» in langen Sitzungen seine Geschichte. Demnächst hat er noch andere Zuhörer: Der Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags zum Berliner Terroranschlag beschloss Anfang Mai, die VP01 vorzuladen und als Zeugen zu befragen. (aeg/sda/dpa)

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    Alle Leser-Kommentare
  • champedissle 19.05.2020 19:12
    Highlight Highlight Sämtliche in Europa erfolgtten islamistischen Anschläge hätten verhindert werden können, wenn die Geheimdienste, bzw. die Behörden ihre Arbeit gewissenhaft erledigt hätten.
  • Saraina 19.05.2020 18:45
    Highlight Highlight Je mehr Anschläge desto mehr Gefährdung. Je mehr Gefährdung, desto mehr Geld für den Sicherheitsapparat, für Überwachung, für Beamte.
  • Stinkstiefel 19.05.2020 16:53
    Highlight Highlight Die Reaktion auf Terror ist immer eine politische Forderung nach mehr Überwachung, sprich; mehr Daten.

    Regelmässig kommt dann nachträglich raus, dass man die Informationen eigentlich gehabt hätte. Die Behörden haben‘s massiv verkackt. Und das wird mit grösseren Bergen von Daten alles andere als besser...
    • insert_brain_here 19.05.2020 17:25
      Highlight Highlight War bei 9/11 die gleiche Geschichte, eigentlich hätte mans gewusst, das laute Geschrei nach neuen Überwachungsinstrumenten dient nicht zuletzt auch dazu das eigene Versagen zu kaschieren.
      Das ganze Instrumentarium, dass im kalten Krieg gegen KGB und Co. offensichtlich ziemlich gut funktioniert hat soll plötzlich machtlos gegen ein paar in Höhlen versteckte Bartträger sein?
    • Alnothur 19.05.2020 22:20
      Highlight Highlight Das gleiche ist ja jetzt auch kürzlich in Kanada passiert. Die Behörden haben von dem Typen gewusst. Sie wussten, dass er illegal Waffen besitzt, seine Freundin verprügelt und herumspinnt. Gemacht haben sie nichts. Nach dem Anschlag wurde erst einmal wieder gross angekündigt was man alles für die Sicherheit verschärfen wolle. Die Tatsache aber, dass alle Infos und Möglichkeiten da waren, den Täter zu stoppen, hat man dann versucht, unter den Teppich zu kehren...
  • murrayB 19.05.2020 16:49
    Highlight Highlight Der Anschlag hätte wohl verhindert werden können - jedoch scheint es, dass man überfordert war allen Hinweisen nachzugehen...

    Bedenklich, wenn man nicht mehr Herr der Lage ist über gewisse Gesellschaftsgruppen...
    • Patrik Hodel 19.05.2020 20:24
      Highlight Highlight Was gibts da zu blitzen?
      Erklährt Euch!
  • Dong 19.05.2020 16:34
    Highlight Highlight V-Männer sind i.d.R. Kriminelle, die die Situation für sich ausnutzen wollen. Die Glaubwürdigkeit solcher Leute sollte sehr kritisch beurteilt werden.
    Im Amri-Fall ist aber zweifellos der Verfassungsschutz knietief drin, weshalb der Prozess auch ständig blockiert ist. Da gibt es auch einige sehr verdächtige Ungereimtheiten (Amri hat Papiere und Handy im Wagen gelassen, in Überwachungsvideos fehlen die wichtigen Abschnitte, Pegida-Gründer Lutz Bachmann kannte die Nationalität des Täters vor der Polizei...), leider berichtet meines Wissens hierzulande nur Telepolis darüber.
    • Quo Vadis 20.05.2020 07:36
      Highlight Highlight Auf Aluhut-TV gab's vor kurzem auch eine Doku darüber. Diese wurde zwischen 'Die Erde ist flach' und 'Die Rothschild sind das Übel' ausgestrahlt.
    • Dong 20.05.2020 11:01
      Highlight Highlight @Quo Vadis: Ich bin kein Aluhut, weil die sehen in JEDER Ungereimtheit ein Indiz. Es gibt in DE aber den Amri-Fall und die NSU-Geschichte, wo die Menge der Ungereimtheiten m.E. zu gross ist und wo die Aufarbeitung am Widerstand des Verfassungsschutzes aufläuft. Die offizielle Version ist die, dass man die Informanten schützen muss. Ich persönlich denke, dass gerade der NSU-Fall gut zeigt, dass V-Leute öfter Brandbeschleuniger sind als Brandmelder, trotz guter Absicht des Verfassungsschutzes.

      Ausser Telepolis ist berichtet btw. der Postillon:
      https://www.der-postillon.com/search?q=V-Leute
  • smoking gun 19.05.2020 16:31
    Highlight Highlight „Nun legen Spiegel-Journalisten seine Geschichte vor“.

    Ach so, jetzt wo der Spiegel mit der Geschichte kommt, ist das keine VT-Spinnerei mehr, sondern gutes, journalistisches Handwerk.

    Bei Telepolis ist man schon lange an den seltsamen Vorgängen rund um dem Weihnachtsmarkt-Anschlag dran:

    https://www.heise.de/tp/thema/Anis-Amri#liste
    • nadasagenwirjetzteinfachmal 20.05.2020 08:44
      Highlight Highlight Die VT gehen aber davon aus, dass der Anschlag
      A . Gar nie stattgefunden hat
      B. Nicht durch Amri ausgeführt wurde.
      C. Der deutsche Staat hat den Anschlag bewusst nicht verhindert.


      Der Spiegel Bericht stützt aber keine dieser Thesen, sondern geht davon aus, dass der Anschlag durch Amri statt gefunden hat.
      Er geht auch nicht davon aus, der er durch den Staat bewusst toleriert wurde.

      Es wird also keine der VT bestätigt durch den Bericht.
    • smoking gun 20.05.2020 09:18
      Highlight Highlight Die Punkte A,B und C mögen einige interessant finden, ich teile sie nicht. Der eigentliche Skandal besteht darin, dass die deutschen Behörden alles tun, um eine saubere Aufklärung des Anschlags zu verhindern (kennen wir ja bereits vom NSU-Skandal).

      Der wahrscheinlichste Grund für dieses Verhalten dürfte sein, dass man Amri und seine Kumpels lange hat machen lassen was sie wollen - solange sie als Quellen von Informationen nützlich waren. Das ist irgendwann grausam aus dem Ruder gelaufen und nun versucht man, zumindest die Rolle der Geheimdienste nicht publik machen zu müssen.
  • Ehrenmann 19.05.2020 16:21
    Highlight Highlight Nun haben Sie ja Bushido als V Mann in Berlin.
  • Sauäschnörrli 19.05.2020 16:13
    Highlight Highlight Gibt auch bereits eine SpiegelTV-Doku.

    Play Icon
  • andy y 19.05.2020 16:05
    Highlight Highlight Ich hoffe das war ist nicht wirklich sein Deckname? Zu jedem Namen gibt es ein Gesicht, dieses lässt sich beschreiben und festhalten. Kann mir Vorstellen das es einige sind die daran Interesse haben. Welche Motivation das LKA hatte diese Quelle als nicht zuverlässig zu bezeichnen, obwohl er schon Jahrelang erfolgreich im Einsatz war, werden wir wohl nie erfahren. Was mich aber ärgert ist die Tatsache das auch dieser Fall benutzt wurde um den Bürgern mehr Überwachung zu verkaufen. Dabei hätte man einfach auf den Mann hören sollen und ermitteln.
  • Varanasi 19.05.2020 15:26
    Highlight Highlight

    Es gibt zu dieser Geschichte gibt es auch einen interessanten Podcast von Zeit Verbrechen.
    „Tod auf dem Weihnachtsmarkt“
    17.12.2019



    • Varanasi 19.05.2020 15:35
      Highlight Highlight Ohweiohwei... das hätte ich vor dem Abschicken wohl besser nochmal überlesen sollen.

      Die ganze Geschichte zeigt ein unglaubliches Behördenversagen auf.
    • andy y 19.05.2020 16:07
      Highlight Highlight Und? Entspricht das nicht den Tatsachen? Der Verdacht war ja kurz nach dem Anschlag bei einigen schon vorhanden. Damals wurden sie als VT betitelt damit sie keiner ernst nimmt
    • Varanasi 19.05.2020 17:16
      Highlight Highlight Was für einen Verdacht meinst du?

      Vor allem die Polizei machte viele Fehler. Dann kam noch der Förderalismus dazwischen. Sie hätten ihn in Berlin vor dem Anschlag fast festgenommen, doch auch das ist missglückt. Das hat mit VT nicht viel zu tun.

      Es lohnt sich hierzu den Podcast anzuhören.
  • D. Saat 19.05.2020 15:26
    Highlight Highlight Dazu gibt es auch eine Podcast-Folge von Zeit Verbrechen, welche ich wesentlich informativer empfunden habe als diesen Artikel.

    https://open.spotify.com/episode/0ozpsrOEWEwAapVILwfWRt?si=MTVgZzPfQNiT8qwWuotSRw

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