International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: shutterstock.com

Europol sucht online nach Hinweisen in Kindesmissbrauchsfällen – und du kannst mithelfen

Felix Huesmann / watson.de



Der Kampf gegen Kindesmissbrauch ist ein harter Job. Fahnder sitzen täglich vor ihren Bildschirmen und sichten Material, das zum Grauenhaftesten gehört, das man sich vorstellen kann.

Manchmal erzielen sie durch ihre Arbeit bahnbrechende Erfolge, wie die Stilllegung der Darknet-Plattform «Elysium» im Jahr 2017. Dort tauschten mehr als 100'000 Nutzer Fotos und Videos aus, die den Missbrauch von Kindern zeigen. Durch monatelange Ermittlungen in den Abgründen des Internets, gezielte Hacks und aufwändige Observationsmassnahmen konnten die Ermittler am Ende nicht nur die Seite dichtmachen, sondern auch die Hintermänner in Deutschland festnehmen.

So spektakulär und erfolgreich ist der Kampf der Behörden gegen Kindesmissbrauch jedoch nicht immer. Vieles ist kleine Detailarbeit. Die Ermittler haben häufig kaum Hinweise auf die Herkunft von Missbrauchsfotos und -videos. In diesen Fällen können die kleinsten Details sie den Tätern einen Schritt näher bringen.

Seit fast zwei Jahren setzt die EU-Polizeibehörde Europol in solchen Fällen auch auf die Hilfe des Internets. Auf der Suche nach Hinweisen veröffentlicht Europol Ausschnitte aus Fotos und Videos. Personen sind auf diesen Bildern nicht zu sehen, sie werden herausgeschnitten. Was identifiziert werden soll: Ein Kleidungsstück, ein Wandkalender, eine Landschaft. Alles, was den Ermittlern Hinweise auf den Aufnahmeort liefern könnte.

Einige der Bilder, die Europol zuletzt veröffentlicht hat

Das Projekt heisst «Stop Child Abuse – Trace An Object»

Auf Deutsch etwa: «Stoppe Kindesmissbrauch – Orte einen Gegenstand». Die Bilder werden auf der Europol-Website veröffentlicht und auch über die Social-Media-Accounts der Behörde verbreitet. Auf Twitter hat sich eine ganze Community gebildet, die bei der Suche nach Hinweisen hilft. Für sie ist es nicht nur eine gute Tat, sondern auch ein Gedankensport.

Einer, der sich regelmässig an dieser Suche beteiligt, ist Matthias Cantow. Er arbeitet für ein Institut, ist dort für die Software zuständig. In seiner Freizeit betreibt er die Seite wahlrecht.de, auf der vor allem Wahlumfragen veröffentlicht werden. Früher publizierte die Seite auch regelmässig Artikel. Damit die Fakten stimmen, recherchierte er im Internet. Und das schon, «als es noch gar keine Sozialen Medien gab», wie er sagt. Heute recherchiert er dort vor allem Bildern hinterher.

Bildern wie diesem:

Bild

Das Foto hatte Europol im Februar gepostet. Die Behörde wollte wissen: «Erkennt ihr die Stadt im Hintergrund?» Die Suche der Crowd nahm ihren Lauf. Matthias Cantow war es schliesslich, der den Aufnahmeort fand.

«Das war ein recht einfacher Fall», sagt er. «Ein Nutzer hatte schon die Vermutung geäussert, dass das Foto St. Petersburg zeigt.» Cantow musste die Vermutung also nur noch überprüfen und eingrenzen.

Er erklärt:

«Ich habe mir die Region mit Google Maps angeschaut und habe versucht abzuschätzen, von welcher Seite man auf dem Foto auf die Stadt schaut.»

Schnell war klar: Die Vermutung stimmt. Das Bild wurde im russischen St. Petersburg aufgenommen. Matthias Cantow suchte auf Google Maps weiter, bis er den genauen Strandabschnitt fand.

Über 23'000 Hinweise seit 2017

Hinweise wie den von Matthias Cantow gibt Europol anschliessend an die Behörden vor Ort weiter. Zu Details der Ermittlungen hält sich Europol bedeckt, auch, weil viele noch laufen, wie eine Sprecherin mitteilt. Zu den bisherigen Erfolgen schreibt sie nur so viel:

Nicht jede Suche ist für die Twitter-Community so einfach wie der Fall aus St. Petersburg. Manche komplizierteren Suchen sind dafür umso ergiebiger.

Das war so ein Fall:

Im Oktober 2018 veröffentlichte Europol zwei Fotos, die auf einem Hausdach aufgenommen wurden. Dazu schrieb die Polizeibehörde:

«In dieser Stadt, vermutlich in Asien, wurde ein Kind sexuell missbraucht. Erkennst du die Stadt? Ermittler benötigen diese Informationen, um den Täter zu finden und ein Opfer zu retten.»

Bild

Über 500-mal wurde das Foto retweetet. Dutzende Nutzer schrieben ihre Ideen und Vermutungen in die Kommentare. Auch Matthias Cantow suchte nach Hinweisen. «Da haben sich die Stärken dieser Crowd-Suche gezeigt», sagt er. Bei so einem Bild reiche es nicht aus, das Handwerkszeug zu beherrschen, also mit Bildersuchen umgehen zu können, oder sich mit der Architektur auszukennen. «Da braucht es auch das Wissen einzelner Personen, die in der betreffenden Region schon mal im Urlaub waren oder aus der Ecke kommen. Die können helfen, die Suche einzugrenzen.»

So kam es auch: Schnell war der Blick auf China gelenkt. Einzelnen Beteiligten war die Farbe der Dächer aufgefallen, und die Form der Satellitenschüsseln. Anhand von immer mehr kleinen Details wurde die Suche weiter eingegrenzt. Bis klar war: Das Bild stammt aus der Region um Shenzhen, einer 12.5-Millionen-Stadt an der Grenze zu Hongkong. «Einer hat dann intensiv und mit grosser Ausdauer gesucht und das Gebäude gefunden», erinnert sich Cantow.

Dieser Eine war Olli Enne aus Finnland.

Die Investigativplattform Bellingcat konnte das anhand von Bildern aus Baidu Street View – dem chinesischen Pendant zu Google Street View – verifizieren. Bellingcat hat sich auf Geolokalisierung und die Verifizierung von Social-Media-Inhalten anhand offener Quellen spezialisiert. Open Source Intelligence nennt sich das, oder kurz: OSINT. Die Plattform beschäftigte sich unter anderem mit Fassbombeneinsätzen in Syrien, dem Abschuss des Passagierfliegers MH17 über der Ukraine und mit dem Fall Skripal. Immer wieder gelingen den Bellingcat-Journalisten atemberaubende Enthüllungen.

Seit Beginn des Europol-Projekts «Stop Child Abuse – Trace An Object» helfen sie auch bei der Hinweissuche in Kindesmissbrauchsfällen. In einem Artikel zeichnen sie detailliert nach, wie aufwendig und komplex die Suche nach dem Hausdach bei Shenzhen war.

So kannst du dir die nötigen Skills für so eine Suche aneignen:

Die Suche nach Hinweisen in Kindesmissbrauchs-Fällen oder digitalen Spuren in internationalen Kriegsgebieten ist der Ernstfall. Und der will geübt sein. Um sich das nötige Handwerkszeug beizubringen und dafür zu sorgen, dass es nicht einrostet, organisiert eine Twitter-Gemeinschaft aus Journalisten und anderen «OSINT»-Nerds regelmässige Quizzes.

Auch dabei geht es meist darum, den Ort zu finden, an dem ein Foto aufgenommen wurde.

Ein Beispiel:

Weniger als eine Stunde, nachdem das Foto gepostet und vom «@quiztime»-Account retweetet wurde, hatte der Erste bereits die Lösung gefunden: Das Foto wurde zwischen Pfarrwerfen und Schloss Hohenwerfen im Salzburger Land in Österreich aufgenommen.

Wie er das herausgefunden hat? Zu den Twitter-Quizzes gehört stets auch eine Beschreibung des Lösungsweges für die Mitlesenden.

So haben zwei Twitter-Nutzer den richtigen Ort gefunden:

Wer sich ebenfalls an solchen Quizzes ausprobieren will, findet regelmässig neue Rätsel-Tweets auf dem Account «@quiztime».

Europol veröffentlicht Fotos, zu denen die Behörde um Hinweise bittet, auf dieser Website.

Das könnte dich auch interessieren:

So viel verdient dein Lehrer – der grosse Schweizer Lohnreport 2019

Link zum Artikel

Prügelt Trump die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession?

Link zum Artikel

Schweizer Firmen wollen keine Raucher einstellen – weil sie (angeblich) stinken

Link zum Artikel

Liam und Emma sind die beliebtesten Namen der Schweiz – wie sieht es in deinem Kanton aus?

Link zum Artikel

AfD-Politikerin Alice Weidel ist heimlich wieder in die Schweiz gezogen

Link zum Artikel

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Link zum Artikel

2 mal 3 macht 4! – Das wurde aus den Darstellern von «Pippi Langstrumpf»

Link zum Artikel

Greta Thunberg wollte Panik säen, erntet nun aber Wut

Link zum Artikel

Pasta mit Tomatensauce? OK, wir müssen kurz reden.

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Oppos Reno 5G ist ein spektakuläres Smartphone – das seiner Zeit voraus ist

Link zum Artikel

MEI, Minarett und Güsel: Das musst du zum Polit-Röstigraben wissen

Link zum Artikel

Ich hab die 3 neuen Huawei-Handys 2 Monate im Alltag getestet – es gab einen klaren Sieger

Link zum Artikel

Keine Hoffnung auf Überlebende nach Unwetter im Wallis ++ Gesperrte Pässe in Graubünden

Link zum Artikel

Immer wieder Djokovic – oder Federers Kampf gegen die Dämonen der Vergangenheit

Link zum Artikel

QDH: Huber ist in den Ferien. Wir haben ihn vorher noch ein bisschen gequält

Link zum Artikel

YB-Fan lehnt sich im Extrazug aus dem Fenster – und wird von Schild getroffen

Link zum Artikel

10 Tweets, die zeigen, dass in Grönland gerade etwas komplett schief läuft

Link zum Artikel

Wahlvorschau: Die Zentralschweiz ist diesmal nicht nur für Rot-Grün ein hartes Pflaster

Link zum Artikel

Sogar Taschenrechner verwirrt: Dieses Mathe-Rätsel macht gerade alle verrückt

Link zum Artikel

Die bizarre Geschichte der Skinwalker-Ranch, Teil 4: Die Zweifel des Insiders

Link zum Artikel

Uli, der Unsportliche – warum GC-Trainer Forte in Aarau unten durch ist

Link zum Artikel

Die Bloggerin, die 22 Holocaust-Opfer erfand, ist tot, ihre Fantasie war grenzenlos

Link zum Artikel

Google enthüllt sechs Sicherheitslücken in iOS – das solltest du wissen

Link zum Artikel

Der neue Tarantino? Ist Mist. Aber vielleicht seht ihr das ganz anders

Link zum Artikel

Wohin ist denn eigentlich die Hitzewelle verschwunden? Nun, die Antwort ist beunruhigend

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Ab heute lebt die Welt auf Ökopump – und diese Länder sind die grössten Umweltsünder

Link zum Artikel

ARD-Moderatorin lästert über «Fortnite»-Spieler und erntet Shitstorm – nun wehrt sie sich

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zerpheros {aka Comtesse du Zerph} 27.03.2019 05:57
    Highlight Highlight Kleinteilige Informationen befrickeln, bis sie passen? Sieht spannend aus - da mach ich mit!
  • Kritiker 2.0 25.03.2019 21:22
    Highlight Highlight Das ist echt eine starke Leistung und eine super Sache! Da mache ich mit! 💪🏻😊
    • Kritiker 2.0 26.03.2019 10:46
      Highlight Highlight Also, wer hier blitzt, dem ist echt nicht mehr zu helfen... 🤔

Anführer der «Regenschirm-Bewegung» in Hongkong schuldig gesprochen

Viereinhalb Jahre nach der «Regenschirm-Bewegung» für mehr Demokratie in Hongkong sind neun Anführer der damaligen Proteste schuldig gesprochen worden. Ein Gericht der chinesischen Sonderverwaltungsregion verhängte die Urteile am Dienstag.

Der Schuldspruch erfolgte wegen Aufwiegelung und zum Teil auch Verschwörung zur Störung der öffentlichen Ordnung. Unter den Angeklagten sind Abgeordnete des Parlaments, Akademiker sowie Studentenführer. Die Strafen wurde zunächst nicht verkündet. Ihnen …

Artikel lesen
Link zum Artikel