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Zukunfts-Albtraum: Die künstlichen Ersatzfrauen in «Stepford Wives». bild: Shutterstock

Google und Facebook werden bald den Wohlfahrtsstaat übernehmen

Der bekannte Internet-Kritiker Evgeny Morozov provoziert mit einer brisanten These: Die IT-Giganten ersetzen immer häufiger den Staat, vor allem den Sozialstaat.



«Es ist möglich geworden, sich vorzustellen, dass IT-Unternehmen wie Google und Facebook de facto den Wohlfahrtsstaat ersetzen werden», schrieb Evgeny Morozov kürzlich in einem Meinungsbeitrag in der «Financial Times». Er gilt als einer der einflussreichsten Kritiker des Internets und dem damit verbundenen «Alles-ist-technisch-machbar-geworden»-Denken. 

Gratis Dienstleistungen gegen gratis Daten

Ausgangspunkt von Morozovs These ist ein Deal, den Google kürzlich mit der Regierung von Sri Lanka abgeschlossen hat. Darin verpflichtet sich das IT-Unternehmen, das Land mit einem Gratis-WiFi-Netz auszurüsten. Einen ähnlichen Deal ist Google mit der Stadt New York eingegangen. Auch Facebook geht ähnliche Verpflichtungen ein und setzt darauf, dass sich das Gratis-Engagement mit höheren Werbeeinnahmen auszahlen wird. 

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Der Internetkritiker Evgeny Morozov. bild: pd

Letztlich geht es bei all diesen Deals zwischen IT-Unternehmen und öffentlicher Hand stets um das Gleiche: Wir stellen euch gratis eine Dienstleistung zur Verfügung, ihr wiederum gebt uns gratis die persönlichen Daten eurer Bürger. 

Dieses Modell ist ausbaufähig, beispielsweise im Gesundheitswesen. Es gibt immer mehr Gadgets, die frühzeitig Krankheiten entdecken – Fitness-Ringe und Uhren beispielsweise –, und so wie im Zeitalter des Internets der Dinge Rolltreppen, Kühlschränke und Autos selbstständig melden, wenn sie defekt sind, wird dies bald auch der menschliche Körper tun. 

Patienten werden Krankheiten selbst entdecken

Das verändert, oder disruptiert, wie man neuerdings sagt, das gesamte Gesundheitssystem. Google weiss aufgrund der Klicks heute schon schneller als die Ärzte, wann und wo sich eine Grippeepidemie abzeichnet. Dieser Trend wird sich noch verstärken. «Krankheiten werden von den Patienten frühzeitig selbst entdeckt werden», stellt Morozov fest. «Und nicht mehr der Staat, sondern die Technokonzerne werden die Rechnung übernehmen.»

Morozov ist kein Freund dieser Entwicklung. Sein Buch «To Save Everything Click Here» ist eine leidenschaftliche Anklage gegen den sich abzeichnenden  IT-Staat. Er argumentiert dabei wie folgt: Die Techno-Enthusiasten sind überzeugt, dass sie die Probleme lösen können, die für die Politik anscheinend unlösbar geworden sind. Mit anderen Worten: «Wir können die Politiker und die Politik mit Technokraten und Verwaltern ersetzen», stellt Morozov fest. 

Die Utopie wird zum Albtraum

Die zunehmende Gratis-Kultur der IT-Giganten ist für Morozov der erste Schritt hin zu dieser Entwicklung, in der Algorithmen zunehmend die Menschen ersetzen. Die Menschen sollten sich jedoch sehr gut überlegen, ob sie diesen Deal auch annehmen wollen. «Es mag verlockend sein, die persönlichen Daten gegen Gratisdienste einzutauschen, Dienstleistungen, die bisher mit Steuergelder bezahlt werden», schreibt Morozov. «Aber wozu brauchen wird dann noch politische Parteien?»

Mit anderen Worten: Wenn unser Leben von Algorithmen bestimmt wird, dann werden wir vielleicht gesünder und wohlhabender sein, aber auch fremd bestimmt und unglücklich.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Zeit_Genosse 10.08.2015 03:31
    Highlight Highlight Utopisch, bis Facebook sich als eigener Staat ausruft und Millionen von Menschen Steuern zahlen um als Bürger von Exklusivdienstleistungen zu profitieren. Facebook würde zur globalen politischen Macht. usw.
  • stadtzuercher 09.08.2015 18:34
    Highlight Highlight Die Mehrheit der Menschen kapiert noch gar nicht, was der Zusammenhang ihrer an sich unwichtigen Daten und Fremdbestimmung ist. Viele Facebook-Benutzer sagen noch heute naiv: Ich habe nichts zu verbergen, was will jemand schon mit meinen Daten anfangen.
    -
    Nicht uninteressant übrigens, dass in einer Zeit, wo Daten immer wichtiger werden, die SVP plötzlich das Bundesamt für Statistik quasi abschaffen will (Budget halbieren). Diese Daten kann doch auch eine US-Firma sammeln, denken sich wohl SVP und deren dumme Wähler.
    • stadtzuercher 09.08.2015 18:43
      Highlight Highlight Die SVP über die Daten des CH-Bundesamt für Statistik: "Zu teuer, zu ungenau, unnütz." Deshalb bezahlen wohl private Firmen Milliarden dafür...
      http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/svp-will-viele-statistiken-restlos-streichen/story/10540303
    • wasylon 09.08.2015 19:17
      Highlight Highlight Lieber Stadtzürcher das Bundesamt für Statistik hat 770 Mitarbeiter und hat ein Budget von 160 Millionen. Auch für die Hälfte bekommen sie noch mehr als genug Daten. Oder ist z. B. die Vornamenhitparade wichtig für die Politik?
    • stadtzuercher 09.08.2015 21:21
      Highlight Highlight Wasylon, die Vornamenhitparade gibt ja keine Arbeit, das macht der Compi. Die Geburtsdaten werden in der Schweiz sowieso erfasst. Aber wenn der SVP-Milliardär zum Kampf gegen unseren Schweizer Staat bellt, dann muss die Herde hintennachmarschieren...
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