Epstein-Files: Es werden immer mehr. Weniger als 1 Prozent veröffentlicht
Nach einer Odyssee von mehreren Monaten unterzeichnete US-Präsident Donald Trump am 19. November den «Epstein Files Transparency Act». Damit verpflichtete sich die US-Regierung, innerhalb von 30 Tagen sämtliche Files im Zusammenhang mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Am 19. Dezember war es dann so weit: Das Justizdepartement (DOJ) schaltete ein Online-Tool frei, mit dem 12'285 Dokumente durchsucht werden konnten. Viele davon waren bis zur kompletten Unverständlichkeit geschwärzt worden.
Bereits damals wurde Kritik laut. Vor allem Justizministerin Pamela «Pam» J. Bondi stand im Schussfeld der Kritiker. Diese sind bis heute nicht verstummt. Im Getöse des aussenpolitischen Tsunamis, das zu Beginn des Jahres über die USA und die Welt hereinbrach, gingen ihre Rufe allerdings unter.
Vorgeworfen wird Bondi neben Inkompetenz primär Verschleierung und selektiver Schutz. Die jüngsten Entwicklungen haben ihre Lage nicht entschärft.
Ausgerechnet an Heiligabend, dem Tag, an dem mutmasslich die wenigsten Journalisten arbeiten – und die wenigsten US-Bürger Nachrichten konsumieren –, verkündete das Justizministerium den Fund einer weiteren Million Epstein-Dokumente. Kurz darauf berichtete die New York Times, die Sichtung sei auf 5,2 Millionen Seiten (man beachte den Unterschied von «Seite» und «Dokument») ausgeweitet worden. PBS spricht gar von 5,2 Millionen Files.
In einem Schreiben an den verantwortlichen Richter Engelmayer hiess es am 5. Januar von Seiten des Justizministeriums nun plötzlich, das DOJ sei daran, mehr als zwei Millionen Dokumente zu prüfen. Dafür seien 400 Anwälte und über 100 speziell ausgebildete FBI-Agenten im Einsatz.
Die Akten müssen wegen des Opferschutzes geprüft werden – und wegen der Staatssicherheit. Der «Epstein Files Transparency Act» fordert aber explizit, dass bei der Schwärzung von Text- und Fotopassagen keine Rücksicht auf Reputationsschäden von Politikern und bekannten Persönlichkeiten genommen werden darf.
Gegenüber Richter Engelmayer schreibt das DOJ, die Anwälte und das FBI-Personal seien «rund um die Uhr» im Einsatz. Die Kapazität der Behörde sei damit ausgelastet. Das wird eine Weile noch so bleiben. Die 12'285 veröffentlichten Dokumente entsprechen nicht einmal einem Prozent von 2 Millionen mutmasslichen Epstein-Akten (0,61 Prozent). Arbeiten die professionellen Schwärzer in demselben Tempo weiter wie bisher, dauert es (im Fall von zwei Millionen Akten) noch fast 163 Monate – über 13 Jahre – bis sämtliche Akten freigegeben werden.
Dies stösst den Initianten des Epstein-Gesetzes sauer auf. Der Hauptanstoss ihres Ärgers ist weniger das langsame Tempo der Veröffentlichung; Ro Khanna, ein demokratischer Abgeordneter aus Kalifornien, kritisiert gegenüber CNN einen anderen Punkt: «Wir möchten, dass vor allem die Aussagen der Überlebenden gegenüber dem FBI veröffentlicht werden. In diesen nennen sie die Namen von anderen reichen und mächtigen Männern, die sie missbraucht oder die Verbrechen vertuscht haben. Und wir möchten die Entwürfe der Strafverfolgungsmemos einsehen, in denen erklärt wird, warum so viele Männer an der Vertuschung und dem Missbrauch beteiligt waren.»
Als Ex-Maga-Vorzeigefrau Marjorie Taylor Greene drohte, Namen aus den Files zu nennen, wurde sie laut eigenen Aussagen von Donald Trump angeschrien: «Meinen Freunden wird es an den Kragen gehen!», soll er sie am Telefon zurechtgewiesen haben. Greene ist mittlerweile aus dem Kongress zurückgetreten.
Taktisch klug ebenfalls über die Feiertage wurde eine zweite Tranche Epstein-Files veröffentlicht. Sie beinhalten unter anderem eine Aussage, Donald Trump und Jeffrey Epstein hätten zusammen eine Frau vergewaltigt. Die betroffene Frau wurde, nachdem sie sich bei der Polizei gemeldet hatte, erschossen aufgefunden. Ein Suizid sei ausgeschlossen.
Des Weiteren finden sich in den Unterlagen ein Brief von Jeffrey Epstein an einen anderen Sexualstraftäter, indem er erwähnt, dass auch Donald Trump ihre Liebe zu jungen Mädchen teile. Das DOJ nannte das Schreiben eine Fälschung. Die Handschrift entspreche nicht derjenigen von Epstein.
Ähnlich reagierte die Sprecherin des Weissen Hauses auf eine Recherche des «Wall Street Journals». Das konservative Traditionsblatt hatte mit diversen ehemaligen Mitarbeiterinnen von Mar-a-Lago gesprochen. Trumps Privatclub wird dabei als Rekrutierungsstätte für Jeffrey Epstein dargestellt. Junge weibliche Spa-Mitarbeiterinnen wurden für Maniküren, Massagen und «andere Dienstleistungen» zu Epsteins nahegelegener Villa geschickt. Dabei hätten sich die Mar-a-Lago-Mitarbeiterinnen gegenseitig vor Epstein und seinen Übergriffen gewarnt. Auch sein bekanntestes Opfer, Victoria Giuffre, geriet über ihren Job in Mar-a-Lago in seine Fänge. Sie wurde gleich bei ihrem ersten Rencontre mit ihm vergewaltigt. Giuffre nahm sich 2025 das Leben. Ihre Memoiren erschienen posthum.
Die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline Leavitt, beschuldigte das «Wall Street Journal», Falschmeldungen zu verbreiten.
Es wird erwartet, dass das DOJ frühestens am 20. Januar neue Epstein-Akten freigibt.
