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Einzige Schweizer

Dieser Schweizer verhökert als Marktfahrer in Marokko unseren Schrott

Als Jules Trümpler zum ersten Mal in Marokko war, fürchtete er um sein Leben und wurde nach Strich und Faden ausgenommen. Doch er kehrte zurück und drehte den Spiess um. Heute dreht er den Marokkanern selbst alles Mögliche an.
25.10.2021, 14:26
Reto Fehr
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Eigentlich wollte Jules nie mehr nach Marokko. Er hatte 2011 gerade seine Ferien mit seiner damaligen Freundin im Land verbracht. Natürlich gab es schöne Momente. Aber das Unangenehme überwog.

Zurück in der Schweiz und nach einem Gespräch mit einem marokkanischen Freund beschloss er trotzdem: «Ich fahre nochmals hin. Aber dieses Mal bin ich vorbereitet und verkaufe den Marokkanern ‹Schrott› aus der Schweiz.» Seither kehrt er immer wieder ins Land zurück und tingelt als einziger weisser Marktfahrer von Stadt zu Stadt.

Was man von mausarmen Fischern lernen kann, wie er einmal 200 Kilometer vom nächsten Baum entfernt am Rande der Wüste 16 Motorsägen verkauft hat und wie man beim «Märten» nicht über's Ohr gehauen wird, das erzählt er uns hier.

Jules, du bist Marktfahrer in Marokko. Wie kommt man als Schweizer dazu?
Jules Trümpler:
Das ist eine lange Geschichte. Angefangen hat alles 2011, als ich mit meiner damaligen Freundin erstmals nach Marokko reiste und dort Ferien machte. Der Auslöser war ein Teppich.

Ein Teppich?
Viele gute Geschichten beginnen mit einem Teppich. (lacht) Wir waren beide reiseerfahren, aber noch nie in Afrika. Wir wollten drei oder vier Tage in Marrakesch verbringen, dann mit einem gemieteten Auto drei Wochen durch das Land reisen. Auf dem Papier war das ein super Plan. Aber dann kamen wir in diese lebendige, bunte, zudröhnende Stadt. Der ganze Trubel wurde uns schnell zu viel. Sie wollten für alles Geld. Und für meine Freundin gab es einige unangenehme Situationen. Am dritten Tag wurden wir richtig ausgenommen.

Jetzt kommt wohl der Teppich.
Genau. Wir wurden in einen Teppichladen gezogen. Sie schlossen die Türen, es war bedrohlich. Wir fühlten uns überhaupt nicht wohl und kauften am Ende einen Teppich für 150 Franken, damit wir wieder rauskamen.

«Wir kauften am Ende einen Teppich für 150 Franken, damit wir wieder rauskamen.»

Wie veränderte diese Situation eure Ferien?
Das Geld war ja egal, aber «äs schiisst di mega aa». Du weisst bei jeder nächsten Begegnung nicht: Will der jetzt Geld und mich in die Pfanne hauen oder mir wirklich sein Land zeigen? Wollen die Leute, dass du bei ihnen übernachtest oder möchten sie, dass du bei ihnen übernachtest und am nächsten Tag etwas dafür bezahlst? Klar, die Reise war auch schön und wir lernten auch gute Leute kennen.

Ihr habt aber nicht eure Ferien abgebrochen oder so?
Nein, das nicht. Nach der Rückkehr unterhielt ich mich mit einem marokkanischen Freund und sagte ihm: Es war schön, aber da muss ich jetzt nicht mehr hin.

Der Markt von Ouarzazte am frühen Morgen. Jules' Auslage ist hier nicht auf dem Bild.
Der Markt von Ouarzazte am frühen Morgen. Jules' Auslage ist hier nicht auf dem Bild.bild: jules Trümpler

Doch du bist wieder gegangen und jetzt reist du ein- bis zweimal im Jahr für rund zwei Monate in das Land, das du nie mehr betreten wolltest.
Mein Freund lachte nur und sagte: Du bist selbst schuld. Ich dachte erst: Ja gut, dann ist das halt so und kein Land für mich. Aber es liess mir keine Ruhe und wenig später habe ich nochmals nachgefragt. Da erklärte er mir Folgendes: «Du kommst nur mit deinem Portemonnaie. Aber ein Gast, der kommt, soll etwas mitbringen, auch wenn das nur Geschichten aus seinem Land sind. Aber du kamst nur mit einer Frau – und das war deine. Und mit Geld. Klar nehmen die dich aus. Und in Marrakesch hast du nur mit den Leuten gesprochen, die Französisch konnten. Die arbeiten mit Touristen und leben davon.›»

«Du kamst nur mit einer Frau – und das war deine. Und mit Geld. Klar nehmen die dich aus.»

Und dann?
Seine Worte beschäftigten mich, ich konnte das nicht auf mir sitzen lassen. Ich erinnerte mich dann, dass wir als «Zufluchtsort» jeweils bei Handwerkern in die Werkstatt sassen. Das waren Ruheoasen. Ich wusste auch ein bisschen, was die Werkzeuge bei uns kosten und merkte schnell: Ersatzteile waren meist teurer als unsere. Da dachte ich: Ich versuche mal, denen was zu verkaufen.

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Was wolltest du verkaufen?
Alles. Ich kaufte einen alten Lieferwagen mit Bett drin und packte diverse Dinge rein: Auf Ricardo ersteigerte ich eine Schweissanlage für einen Franken, zwei bis drei alte Fernseher packte ich ein, ich trieb von Kollegen Dinge auf oder hier vom Hof, auf dem ich arbeite. Das meiste funktionierte zwar noch, aber grundsätzlich waren alles Dinge, die wir fortwerfen würden.

Also Schrott?
Für uns ja. Für einen Marokkaner war es aber wert, diesen wieder aufzubereiten.

Dann bist du nach Marokko gerattert mit dem umgebauten Wohmobil?
Genau. Ich zahlte unendlich viel Maut auf den Strassen bis in den Süden Spaniens, setzte dann nach Tanger über. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das alles verkaufen sollte und was ich dafür verlangen konnte. Ich fuhr einfach von Handwerker zu Handwerker. Das generierte zwar viel Aufmerksamkeit, aber war wenig erfolgreich. Dann kam ich an einen Wochenmarkt und sah Marokkaner, welche Dinge aus Europa verkauften. Ich fragte sie, was das alles kostet. Aber die verrieten natürlich nichts, sie merkten sofort, dass ich nur die Preise wissen wollte.

Jules mit seinem Wohnmobil und der Auslage in Merzouga.
Jules mit seinem Wohnmobil und der Auslage in Merzouga.Bild: Armin Sommer

Das ist ja das eine. Aber ich stelle mir auch vor: Da kommt ein Weisser mit blauen Augen, einem Lieferwagen voll Ware und jetzt will dieser «Tourist» hier auch noch Dinge verkaufen und von ihrem Kuchen ein Stück abschneiden. Die wollten dich doch so schnell wie möglich los werden?
Ja, grundsätzlich schon. Zu Beginn war das extrem hart. Die haben mich gehasst. Sie kauften dann von mir Dinge zu viel zu tiefen Preisen und verkauften diese später auf ihrer Plache zum normalen Preis. Sie spannten alle zusammen, waren wirklich angepisst von mir, sprachen eine Sprache, die ich nicht verstand und versuchten, mich nach Strich und Faden auszunehmen.

«Ich habe Leute schon in ihrer Religion beleidigt, sie als schlechte Muslime dargestellt, vor hunderten von Leuten.»

Wie hält man das aus?
Das marokkanische Verkaufsgespräch wird emotional. Mit einem Weissen noch viel mehr. Sie beleidigen dich. Da ist Druck, da musst du standhaft bleiben. Das ist auch heute noch so bei neuen Märkten. Ich habe dann angefangen, genauso respektlos zurückzugeben. Ich habe Leute schon in ihrer Religion beleidigt, sie als schlechte Muslime dargestellt, vor hunderten von Leuten. Sie machen das ja auch. Tatsächlich dreht es sich dann plötzlich und man begegnet sich auf Augenhöhe.

Wie bist du über diese Phase gekommen?
Ich ging zu Beginn eigentlich nicht auf Märkte, sondern fuhr die Küste ab Richtung Süden und fragte bei Handwerkern, ob sie etwas brauchen. Da hatte ich eine wunderbare Begegnung, es war reiner Zufall. Ich parkierte vor einem Schreiner und ging in ein Café. Wenig später kam der Schreiner mit seinem Nachbarn, einem Schlosser, und einem alten Mann, der Französisch konnte, zu mir. Der Schreiner hatte die Schweissanlage in meinem Auto gesehen und wusste, dass der Schlosser so eine benötigte. Das hat alles verändert.

Inwiefern?
Vorher sagten die Schlosser: Ja, die Schweissanlage ist super, aber ich brauche sie nicht. Er aber benötigte sie. Dann kann etwas entstehen. Sie wollten die Maschine testen. Also zapften sie die Stromleitungen an und sagten, ich müsse sie einschalten. Falls es einen Kurzschluss gab, hätte es mich «gebraten». Alles klappte. Ich verkaufte für 150 Franken. Sie waren überglücklich, weil sie auf dem Markt 300 bezahlt hätten. Ich war überglücklich, weil ich mein erstes Geld verdient hatte. Aber noch viel schöner: Ich wurde zum Essen eingeladen. Mittlerweile habe ich dort eine von vielen offenen Türen und bin immer wieder willkommen. Wenn ich ankomme, kann ich so lange wie ich möchte dort Zuhause sein.

Wer arabisch kann, sieht auf der Karte schon, wann wo Markt ist. Beispielsweise Soukh el Arbaa (2. Stopp) bedeutet: Markt am Vierten. Also ist am Mittwoch (vierter Tag ab Sonntag) Markttag.

Was ist dein Vorteil?
Ich bringe interessantes Zeugs. Ich habe gute Preise und Schweizer Qualität, die sie sonst nicht kriegen. Und wichtig: Ich biete eine Show. Klar geht es um Geld, aber es geht auch um den Spass. Ich spiele in diesem Theater die Hauptrolle und die Kunden nehmen eine Nebenrolle ein. Teilweise ist es eine Komödie, teilweise ein Drama. Da gibt es viele Leute, die zuschauen und staunen. Ich bin der «Gauri» auf dem Markt. Es gibt keine anderen Weissen Verkäufer. «Gauri» ist ein despektierlicher Begriff, der nur für Ausländer verwendet wird. Ich lasse mir das nicht von allen sagen. Mein Auftreten ist Unterhaltung. Das nimmt dann auch schnell den Neid.

Preise schreibst du wohl keine an?
Nein, nie.

Wie läuft denn so ein Verkaufsgespräch?
Sagen wir, ich habe eine Bohrmaschine. Dann kommt einer, nimmt sie in die Hand und schaut, wie schwer sie ist, wie viel Kupfer drin ist. Dann schaut er die Marke an. «Made in China» wird sofort wieder zurückgelegt. Die wissen alles, sie sind nicht blöd. Dann fragt er nach dem Preis ...

Es wird immer viel diskutiert, bis ein Gegenstand den Besitzer wechselt.
Es wird immer viel diskutiert, bis ein Gegenstand den Besitzer wechselt.Bild: Armin Sommer

... und du nennst einen viel zu hohen.
Nein, ich sage nie einen Preis. Auch wenn ich sagen will: 30 Franken. Wir sind da längst im «Game». Wenn ich einen Preis nennen würde, wäre es für ihn einfach.

«Nein, ich sage nie einen Preis. Auch wenn ich sagen will: 30 Franken.»

Was sagst du dann?
Ich sage beispielsweise: Du weisst noch nicht einmal, ob sie läuft. Aber so wie alle hier rundherum weisst du, dass ich Schweizer Qualität verkaufe. Ich biete einen Service, in einem halben Jahr bin ich wieder da, ich habe Ersatzteile. So ziehe ich andere mit rein und das Theater beginnt. Dann sage ich ihm: Du weisst, was sie für einen Wert hat. Wenn du ehrliches Interesse hast, machst du mir ein gutes Angebot.

Für Jules ist das Marktfahren wie ein Theater, in welchem er Unterhaltung bietet.
Für Jules ist das Marktfahren wie ein Theater, in welchem er Unterhaltung bietet.Bild: Armin Sommer

Dann geht das Pingpong los.
Genau. Und meist führe ich mehrere – bis zu zehn – Verkaufsgespräche gleichzeitig. Wenn ich irgendwo keine Antwort bereit habe, gehe ich einfach zum nächsten Kunden und lasse den anderen zurück. Das verschafft mir Luft. Aber es ist auch schwierig. Du musst die Preise und die verschiedenen Währungen – in Marokko wird mit Dirham, Rial oder Franc gerechnet – im Griff haben. Dazu Französisch oder Arabisch sprechen oder auch Grundkenntnisse in einer der vielen Berbersprachen wie beispielsweise Amazigh, Tamazigh, Taschelheit, Khoumra, Chenoa oder Tarfi.

Hört sich anstrengend an.
Total. Das ermüdet. Wenn der Markt um 6 Uhr beginnt, bin ich um 12 Uhr fertig und muss mich hinlegen. Ich muss zu Beginn gut drauf sein. Wenn ich mich schlecht fühle, gehe ich gar nicht auf den Markt.

Ich liebe es ja, zu «märten». Gestählt bin ich insbesondere durch diverse Märkte im südlichen und östlichen Afrika. Ich möchte, dass du unseren Usern und mir einige Tipps verrätst.
Okay.

«Aber es darf nie um den Preis gehen.»

Was ich gelernt habe, ist: Wenn ich zum Beispiel so eine schöne Holzgiraffe möchte. Darf ich nie, aber auch wirklich gar nie sagen, wie sehr ich diese will.
Richtig. Und du darfst das auch nicht zeigen. Sonst geht der Preis schnell hoch.

Hier erzählt Jules von seinen Abenteuern in Marokko

Video: watson

Und dann sage ich mal einen so tiefen Preis, für den ich mich eigentlich schäme, weil ich weiss, er sagt eh einen viel höheren Preis und das Ding ist auch viel mehr wert.
Das ist die einfachste Variante. Du siehst etwas, für das du bereit bist, 10 Franken zu bezahlen. Also sagst du mal 2 und hoffst, dass der Verkäufer irgendwo bei 20 anfängt. Dann trefft ihr euch irgendwo in der Mitte.

Genau.
Aber das ist schon mal falsch.

Warum?
Weil dann geht es sofort um den Preis. Aber es darf nie um den Preis gehen. Es soll um die Schnitzkunst gehen, woher das Produkt stammt, den schönen Stand, der die Person hat. Du musst so lange wie möglich keinen Preis nennen. Im Idealfall fängt er damit an.

Diese Handkarren sind auf Märkten dafür da, dass Käufer ihre Ware nach Hause transportieren können.
Diese Handkarren sind auf Märkten dafür da, dass Käufer ihre Ware nach Hause transportieren können. Bild: Jules Trümpler

Gut. Er sagt also einen Preis, welcher mir dann natürlich viel zu hoch ist. Dann sage ich, ich schaue mal, ob sonst noch jemand so eine Giraffe hat.
Das kannst du machen. Aber du musst wissen: Die sprechen alle miteinander. Die erfahren sofort, ob du wirklich bei anderen gefragt hast. Und manchmal sprechen sie auch «Mindestpreise» ab, dann kommst du wieder und er weiss genau, was du gemacht hast. Das ist unglaublich.

Bist du auch «der/die Einzige»?
Wir suchen für unsere Serie «Der/die einzige Schweizer/in» spannende Menschen, die entweder an speziellen Orten leben oder sonst im Ausland etwas Aussergewöhnliches erlebt/absolviert haben. Gehörst du dazu oder kennst du jemanden, der uns seine Geschichte erzählen möchte? Schreib uns an reto.fehr@watson.ch

Alle bisherigen Artikel aus der Serie findest du hier.

Okay. Aber wenn mir der Preis auch nach langer Verhandlung noch immer zu hoch ist, greife ich zu meinem letzten Trick: Ich tue so, also wolle ich die Giraffe nicht mehr und laufe weg. Natürlich hoffe ich, dass er mir dann nachläuft oder nachruft.
Das kann klappen. Aber du solltest erst herausfinden, ob er seinen Tag schon finanziert hat. Weil dann wird er dir nicht nachlaufen. Aber wenn er das Geld braucht, weil eine Anschaffung bevorsteht oder irgendwas, dann könnte es aufgehen. Sonst ist es ihm egal.

«Du musst dich höchstens schlecht fühlen, wenn du deutlich zu viel bezahlst.»

Muss ich mich eigentlich schlecht fühlen, wenn mir etwas verkauft wird, von dem ich weiss, dass ich zu wenig bezahlt habe und seine «Notsituation» ausnützte. Weil oft ist es für uns Schweizer ja so, dass es auf die fünf bis zehn ausgehandelten Franken nicht wirklich ankommt.
Nein. Du musst dich höchstens schlecht fühlen, wenn du deutlich zu viel bezahlst. Der Spagat ist allerdings schwierig und da kommt bald auch das Thema Neo-Kolonialismus auf. Für uns sind fünf Franken nicht viel, für sie schon. Darum finde ich, das Gespräch ist wichtiger. Wenn ich eine halbe Stunde mit dem Verkäufer verhandelt habe, dann geht es mir besser.

Kein Markt, aber Jules legt seine Plache auch gerne mal irgendwo am Strassenrand aus.
Kein Markt, aber Jules legt seine Plache auch gerne mal irgendwo am Strassenrand aus.Bild: Jules Trümpler

Manchmal passiert es auch, dass ich wirklich nur ein bisschen schauen will. Aber dummerweise habe ich mal nach einem Preis gefragt oder noch schlimmer: Ich habe mal einen Preis genannt, den ich eigentlich gar nicht zahlen wollte, weil ich dachte, der ist eh zu hoch. Wie komme ich da wieder raus?
Das wird schwierig. (lacht). Du kannst hoffen, dass er respektlos wird, dann kannst du auch respektlos werden. Aber du kannst auch sonst einfach davonlaufen. Allerdings geht es dann schnell und alle wissen, dass du eh nichts kaufen willst und du wirst ignoriert.

«Sie wissen mehr über Wirtschaftspsychologie als einer, der bei uns einen Doktor darin gemacht hat.»

Wer sind die besten Händler?
Marokkaner sind Profis. Die bekanntesten kommen alle aus der Region Plateau de Phosphates zwischen Khouribga und Beni-Mellal. Die sind seit X Generationen im Geschäft. Sie wissen mehr über Wirtschaftspsychologie als einer, der bei uns einen Doktor darin gemacht hat. Die sind soooo gut.

Was macht sie aus?
Sie wissen, was du willst und was deine Strategie ist, bevor du das selbst weisst. Die haben eine Menschenkenntnis, das kannst du nicht glauben. Vor allem wissen sie auch, wie man mit welchen Ausländern umgehen muss. Wir können ja manchmal Leute aus unserem Kulturkreis einschätzen, aber sie können das mit allen.

Hast du da in der Region auch schon etwas verkauft?
Nein. Ich sage immer, das ist dann meine Abschlussprüfung: der Markt von Beni-Mellal. Da würde ich heute untergehen, da wäre ich am Schluss ein Häufchen Elend. Wenn ich eines Tages dahin fahre, muss ich alleine unterwegs sein, um voll in meinem Element sein zu können.

Die Festung Kasbah Ras el-Ain, früher wohl ähnlich schwierig einzunehmen wie heute der Markt von Beni-Mellal.
Die Festung Kasbah Ras el-Ain, früher wohl ähnlich schwierig einzunehmen wie heute der Markt von Beni-Mellal.bild: shutterstock

Ich drücke schon mal die Daumen. Aber sag mal noch. Du hast eingangs von deinem Erlebnis im Teppichladen gesprochen. Jetzt, wo du die Händlermentalität besser kennst: War das wirklich bedrohlich?
Nein, im Nachhinein waren wir einfach blöd, es war nicht bedrohlich. Das ist alles nur Show.

«Sie wissen, was du willst und was deine Strategie ist, bevor du das selbst weisst.»

Was hättet ihr tun sollen?
Aufstehen und herumschreien, dass sie etwas Verbotenes machen. Sie wissen es ganz genau. Gut ist natürlich, wenn andere Leute das hören. Und es gibt noch ein Zauberwort.

Ich höre.
Riba.

Was bedeutet dies?
Das ist der gesetzlich definierte Wucher. Nicht im Gesetz des Staates, das interessiert wenig, sondern im Gesetz der Moschee des Viertels. Riba betreiben, das geht nicht. Wenn das andere hören, dann ist der untendurch. Ich habe einige Male gleich respektlos reagiert, wie mit mir umgegangen wurde. Das hilft.

Je länger das Gespräch dauert, desto tiefer wird normalerweise der Preis.
Je länger das Gespräch dauert, desto tiefer wird normalerweise der Preis.Bild: Armin Sommer

Könntest du für länger oder immer in Marokko leben?
Nein, Niemals. Vergiss es. Als Tourist gefiel es mir nicht. Für mich gibt es viele «schönere Länder». Mich zieht das Game nach Marokko.

Verschiedene Sprachen, verschiedene Währungen, andere Kultur: Jules fühlt sich wohl auf dem Markt, als Tourist gefiel es ihm in Marokko weniger gut.
Verschiedene Sprachen, verschiedene Währungen, andere Kultur: Jules fühlt sich wohl auf dem Markt, als Tourist gefiel es ihm in Marokko weniger gut.Bild: Armin Sommer

Ist es eine Sucht?
Ja, es ist eine Sucht. Es geht dabei aber nicht nur um das Märten, sondern all die Erfahrungen. Da gibt es so viel und das ist Inhalt in meinem Leben geworden.

So wird ein Lastwagen richtig beladen.
So wird ein Lastwagen richtig beladen.Bild: Armin Sommer

Was hat Marokko aus dir gemacht? Warst du schon immer einer, der gut mit Leuten reden konnte?
Ich war schon immer offen und konnte mit Leuten umgehen. In Sachen Angst habe ich in Marokko viel gelernt. Ich hatte ein Problem mit der Risikoabwägung, was mich in einige heikle Situationen brachten. Da habe ich viel gelernt.

Kannst du Beispiele nennen?
Zu Beginn verkaufte ich auch mal Alkohol. Ich wusste nicht recht, dass man das nicht darf. Da musste ich dann morgens um 5 Uhr verschwinden, bevor die Polizei kam. Oder einmal verkaufte ich einen Mercedes Sprinter in Mauretanien, was nicht erlaubt ist. Mein superreicher Käufer schaffte mich dann mit Beziehungen direkt aus dem Land aus. Da gehe ich nicht mehr hin.

«Es reicht, wenn du einen Schlauch eines Traktorvorderrads aufbläst, ein Netz rein flechtest und zwei Flossen hast.»

Neben superreichen Käufern triffst du oft auch Leute, die wenig haben. Was lernst du von ihnen?
Von einem mausarmen Fischer lernte ich, dass man als Fischer nicht unbedingt ein Fischerboot braucht. Es reicht, wenn du einen Schlauch eines Traktorvorderrads aufbläst, ein Netz rein flechtest und zwei Flossen hast. Das war eindrücklich. Du lernst auch, dass nicht jede Arbeit sich sofort auszahlt.

Ein Fischer mit seinem «Traktorreifen-Fischerboot».
Ein Fischer mit seinem «Traktorreifen-Fischerboot».Bild: Armin Sommer

Was sind die schönen Momente?
Diese gibt es ohne Ende. Einmal verkaufte ich einem angehenden Schlosser Waren im Wert von 700 Franken für 250 und sagte: Wenn ich wieder komme, kannst du mir den Rest bezahlen. Das machte er dann so und lud mich noch eine Woche zu sich ein. Es gibt sehr viele sehr ehrliche Menschen.

Was sollte es in der Schweiz geben, das du auf den Märkten erlebst?
Dass man sich in die Augen schaut. Dass man aufeinander zugeht. Die Übergabe des Geldes und des Gegenstandes ist nur der Abschluss. Ein Marokkaner, der erstmals nach Zürich kommt und am Hauptbahnhof in der Halle steht, der dreht durch. All die Menschen, die sich alle ineinander bewegen, aber weder mit den Augen noch mit Gesten miteinander kommunizieren, das ist völlig ungewohnt für Marokkaner.

Sich in die Augen schauen, ein sehr wichtiger Punkt in Marokko.
Sich in die Augen schauen, ein sehr wichtiger Punkt in Marokko.Bild: Armin Sommer

Und was war das Verrückteste, das du je verkauft hast?
Ich verkaufte 16 Kettensägen am Rand der Wüste, 200 Kilometer vom nächsten Baum entfernt.

Erzähl!
Ich war in Merzouga, einer Oase. Da hat es zwar ein paar Palmen, aber die kannst du mit einer Kettensäge nicht recht zersägen. Einer wollte trotzdem unbedingt die Kettensäge. Da habe ich sie ihm halt verkauft. Einige Stunden später hörte ich Kettensäge-Geräusche. Der Käufer war ein Töfflischrauber. Sein neustes Projekt: Ein altes, schweres, französisches Militärvelo mit Motocross-Rädern ausrüsten und die Motorsäge dran schweissen, welche dann die Kette betrieb – ein Töfflimotor! Ich sagte ihm, das nächste Mal bringe ich mehr mit. Er ist ein Tüftler, schaut auf Pinterest und baut die Dinge nach. Grandios.

«Er brauchte die Kettensäge, um aus einem alten Velo ein Töffli zu machen.»

Der Markt ist etwas für Männer. Wie oft hast du Kundinnen?
Ich habe vor allem mit Männern zu tun. Das öffentliche Leben wird von ihnen dominiert. Aber einmal hatte ich 23 Nähmaschinen. Das war der Zugang in eine Welt, die für mich sonst verschlossen war.

Frauen sind selten Kundinnen auf dem Markt.
Frauen sind selten Kundinnen auf dem Markt.Bild: Armin Sommer

Wenn du siehst, wie «Schrott» noch immer gut verkauft und wertgeschätzt wird, wie denkst du dann über unsere Wegwerfgesellschaft?
Aus meiner Sicht ist das Problem, dass wir zu selten einer Arbeit nachgehen, die uns erfüllt, sondern einer, mit der wir möglichst viel Geld verdienen können. Als Folge davon kaufen wir uns dann viel Unnützes. Es geht dabei weniger um den Gegenstand, sondern um die Befriedigung beim Kauf. Der Gegenstand hat für uns dadurch einen tieferen Wert und wird schneller wieder entsorgt. In anderen Ländern wird ein Gegenstand viel mehr wertgeschätzt, weil es um diesen geht und nicht um die Aktion des Kaufs.

Zum Abschluss noch: Gibt es etwas, das du nicht verkaufen kannst?
Alkohol. Obwohl, es geht. Aber es ist mühsam. Sonst nichts. Und übrigens: Dass Staubsaugen in der Wüste nichts nützt, das stimmt hinten und vorne nicht. Du musst immer alles vom Sand befreien, da brauchst du einen Staubsauger. Einen Staubsauger in der Wüste zu verkaufen, das ist Pipifax.

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Sie fand den Weg nach Afrika auch, allerdings wegen eines Buches, nicht wegen eines Teppichs:

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