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USA erlassen Sanktionen gegen Europäer – wegen angeblicher Zensur

FILE - European Commissioner for Internal Market Thierry Breton speaks during a signature ceremony regarding the Chips Act at EU headquarters in Brussels, on Feb. 8, 2022. Breton warned Elon Musk on W ...
Auch der ehemalige EU-Kommissar Thierry Breton wurde sanktioniert.Bild: keystone

USA erlassen Sanktionen gegen Europäer – wegen angeblicher Zensur

Die US-Regierung verhängt ein Einreiseverbot gegen mehrere Personen aus Europa wegen der angeblichen Zensur von US-Plattformen. Auch Politiker und Aktivistinnen sind betroffen.
24.12.2025, 04:3024.12.2025, 13:07

Das von der US-Regierung verhängte Einreiseverbot wegen angeblicher Zensur amerikanischer Online-Plattformen betrifft unter anderem die Leiterinnen der deutschen Organisation HateAid, die sich gegen Hass im Netz engagiert. Betroffen sind die beiden Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon, wie das US-Aussenministerium auf X mitteilte.

Ballon und von Hodenberg reagierten auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur wie folgt:

«Wir sind nicht überrascht. Es ist ein Akt der Repression einer Regierung, die zunehmend Rechtsstaatlichkeit missachtet und versucht, ihre Kritiker mit aller Härte zum Schweigen zu bringen.»

Die beiden Geschäftsführerinnen von HateAid – einer gemeinnützigen Organisation, die sich seit Jahren gegen Hass und Hetze im Netz engagiert – sehen mit dem Vorgehen der Regierung von US-Präsident Donald Trump eine neue Eskalationsstufe erreicht:

«Die US-Regierung stellt damit die europäische Souveränität infrage.»

Sie versuche mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich US-Konzerne in Europa an geltendes Recht halten müssen.

«Wir lassen uns von einer Regierung nicht einschüchtern, die Zensurvorwürfe instrumentalisiert, um diejenigen, die sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen, mundtot zu machen», heisst es in der Stellungnahme. HateAid werde seine Arbeit als Beratungsstelle mit aller Kraft fortsetzen. «Wir solidarisieren uns mit allen weiteren Betroffenen und allen, die nun ähnliche Massnahmen befürchten müssen.»

Für ihren Einsatz gegen digitale Gewalt war von Hodenberg im Oktober mit dem deutschen Bundesverdienstorden ausgezeichnet worden. Damals hiess es, von Hodenberg habe 2018 mit der Gründung von HateAid Pionierarbeit geleistet: Die Organisation sei die erste bundesweite Beratungsstelle, an die sich Menschen bei Fällen von Gewalt im Netz wenden können. HateAid bietet Hilfe an, wenn sich jemand im Internet mit beleidigenden und diskriminierenden Aussagen konfrontiert sieht.

US-Sanktionen betreffen fünf Personen

Die von der US-Regierung verhängten Einreiseverbote betreffen auch den früheren französischen EU-Kommissar Thierry Breton, der als Architekt des EU-Gesetzespakets Digital Services Act gilt, der Online-Plattformen reguliert. Ausserdem nannte das US-Aussenministerium zwei weitere Betroffene: Den Gründer der Organisation Center for Countering Digital Hate, Imran Ahmed, und die Gründerin der Organisation Global Disinformation Index, Clare Melford – beide setzen sich gegen Hass im Netz und gegen Desinformation ein.

Das Ministerium hatte die Namen der fünf Betroffenen nicht sofort mitgeteilt. Die Rede war zunächst bloss von «radikalen Aktivisten» und «instrumentalisierten» Nichtregierungsorganisationen, die Zensurmassnahmen durch ausländische Staaten vorangetrieben hätten. Sie sollen versucht haben, US-Plattformen zu zwingen, «amerikanische Standpunkte» zu unterdrücken, die sie ablehnten.

Der betroffene Thierry Breton verglich die vom US-Aussenministerium verkündeten Sanktionen gegen ihn und vier weitere Personen mit der «Hexenjagd» auf vermeintliche Kommunisten zu Zeiten der McCarthy-Ära in den USA. Auf der Plattform X schrieb er:

«An unsere amerikanischen Freunde: Die Zensur findet nicht dort statt, wo ihr sie wähnt.»

Auch die französische Regierung kritisierte das Vorgehen der USA scharf. Sie erinnerte daran, dass der Digital Services Act der Europäischen Union vom EU-Parlament und allen Mitgliedstaaten mit grosser demokratischer Mehrheit beschlossen worden sei, damit im Netz kein rechtsfreier Raum entstehe. Das Gesetz finde in den USA auch gar keine Anwendung, betonte Frankreichs Aussenminister Jean-Noël Barrot. Er schrieb auf X zudem:

«Die Völker Europas sind frei und souverän und lassen sich von anderen keine Regeln für ihren digitalen Raum aufzwingen.»
epa12609279 French Foreign Affairs Minister Jean-Noel Barrot leaves the Elysee Palace after a special cabinet meeting in Paris, France, 22 December 2025. The special cabinet meeting held to approve a  ...
Jean-Noël Barrot kritisiert die US-Sanktionen.Bild: keystone

US-Aussenminister kritisiert «Ideologen in Europa»

US-Aussenminister Marco Rubio hatte zuvor auf X die Sanktionen gerechtfertigt:

«Viel zu lange haben Ideologen in Europa organisierte Bemühungen angeführt, um amerikanische Plattformen dazu zu zwingen, amerikanische Standpunkte zu bestrafen, die ihnen nicht passen.»

Unter Präsident Donald Trump werde die US-Regierung «exterritoriale Zensur» nicht länger tolerieren und Einreiseverbote gegen «führende Persönlichkeiten des globalen Zensur-Industrie-Komplexes» ein. Man sei bereit, die Liste zu erweitern, wenn es keine Kurskorrektur gebe.

Rubio und andere US-Regierungsvertreter hatten in der Vergangenheit schon mehrfach angebliche Internetzensur in Europa kritisiert. Hintergrund war eine Entscheidung der EU-Kommission, wonach die Plattform X des Milliardärs Elon Musk wegen Transparenzmängeln eine Strafe von 120 Millionen Euro zahlen muss. Die Entscheidung löste in den Vereinigten Staaten heftige Reaktionen aus. Rubio sprach auf X von einer «Attacke auf alle amerikanischen Tech-Plattformen und das amerikanische Volk durch ausländische Regierungen». Die Tage der Online-Zensur für Amerikaner seien vorbei.

(sda/dpa/con)

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204 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Squawk 7700
24.12.2025 05:24registriert Mai 2025
Es ist an der Zeit, dass die EU diese Plattformen hart an die Zügel nimmt, deren Gewinne besteuert und sie hart reguliert. Trump muss man auf solche Dinke mit härte Antworten.
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Celtic Swiss
24.12.2025 05:25registriert Juni 2024
Ich habs schon im Januar geschrieben: Die ganze MAGA-„Administration“ ist gefährlich und müsste schon lange mir Sanktionen und Einreiseverbote belegt werden!
Auch von der Schweiz!
ALLE US -Amis damit belegen, sollen die doch bei sich zu Hause MAGA feiern…
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Xicotencatl Axayacatl
24.12.2025 06:12registriert August 2024
Es war wohl eine Frage der Zeit, bis die USA offen gegen ehemals Verbündete vorgehen.
Ich hoffe, es bleibt nicht nur bei scharfer Kritik, sondern dass die Europäer symbolträchtige Gegensanktionen ergreifen. Ein Einreiseverbot für diesen Musk wäre doch mal was. Die USA müssen mal empfindlich spüren, dass langsam genug Heu unten ist.
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