Neue Recherche zeigt: Epstein versteckte Computer und Fotos vor dem FBI
2005 durchsuchten zum ersten Mal Behörden ein Grundstück des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein. Der damalige Chef der Polizei von Palm Beach, Michael Reiter, sagte danach konsterniert: «Der Ort war zuvor gesäubert worden.»
Zwar konnten die Ermittler belastendes Material sicherstellen, der Computer mit den Aufnahmen sämtlicher Überwachungskameras des Grundstücks war aber vor dem Eintreffen der Polizei fortgeschafft worden. Offenbar in Eile – die Kabel dafür waren zurückgeblieben.
Reiter suggeriert mit seiner Aussage, dass Epstein vorgängig gewarnt worden war. Auch Epsteins Verteidigungsteam, ein Konsortium aus Staranwälten, fiel wiederholt dadurch auf, Details zu den Ermittlungen zu kennen, noch bevor diese öffentlich bekannt wurden. Er habe während seiner gesamten Karriere nie etwas Vergleichbares erlebt, erklärte Reiter in einem Interview mit NBC. Der heutige Pensionär wird in seiner Wortwahl noch deutlicher. Er nannte die Epstein-Untersuchungen «die schlimmste Tragödie des Strafrechtssystems der Moderne». Von den Ereignissen frustriert gab er auf und überliess die Ermittlungen dem FBI.
Eine neue Recherche des «Telegraph» (Paywall) gibt nun Hinweise darauf, dass Jeffrey Epstein tatsächlich vor der Hausdurchsuchung gewarnt wurde, warum die Ermittlungen damals so harzig verliefen – und suggeriert, dass weiteres belastendes Material vorhanden sein könnte. Dieses könnte sich in verschiedenen gemieteten Lagerräumen in den USA befinden.
Der «Telegraph» hat aus verschiedenen E-Mails und Kreditkartenauszügen aus den Epstein-Files ein Puzzle zusammengefügt, das beweist, dass Jeffrey Epstein ab 2003 in der Nähe seiner Residenzen mindestens sechs Lagerräume mietete. Die Zahlungen dafür wurden teilweise bis 2019, bis zu Epsteins Tod, verrichtet. Brisant: Der «Telegraph» prüfte auch die Durchsuchungsbefehle des FBI. Diese liefern nicht den geringsten Hinweis, dass die Behörde jemals einen der Lagerräume durchsuchte und/oder den Inhalt beschlagnahmte. Auf eine Anfrage des Journalistinnen-Teams reagierte das FBI bisher nicht.
Auch auf die Frage, wer den Computer vor der ersten Razzia aus der Palm-Beach-Residenz entfernt hatte, gibt es neue Hinweise. Bisher bekannt war: Epsteins Assistentin Adriana Ross, ein Model aus Polen, kreuzte kurz vorher in Begleitung eines Mannes in Palm Beach auf und entfernte drei Computer aus Epsteins Villa. Nicht bekannt war bisher die Identität der männlichen Begleitung. Die Hinweise verdichten sich, dass es sich dabei um einen von Epstein angeheuerten Ex-Polizisten handelt.
Der pädophile Straftäter hatte die Detektei Riley Kiraly beauftragt, Material aus seinen Villen zu schaffen. Dies geht aus einem E-Mail-Verkehr hervor, in dem der Beteiligte Bill Riley einen Epstein-Berater, Anwalt Robert «Bob» D. Critton, fragt, was er mit den Gütern anstellen soll, die er «vor dem Durchsuchungsbefehl von Jeffs Haus nahm».
Bei der im E-Mail erwähnten Klägerin (plaintiff), welche die Herausgabe der Computer forderte, handelt es sich laut «Telegraph» um die verstorbene Virginia Giuffre.
Sowohl William «Bill» Riley als auch Steve Kiraly sind Ex-Polizisten. Das ist im Detektiv-Business nichts Ungewöhnliches. Angesichts der Tatsache, dass Jeffrey Epstein und sein Verteidigungsteam offensichtlich Informationen aus Ermittlerkreisen erhielten, erhält der ehemalige Beruf der beiden aber eine gewisse Brisanz. Man kann davon ausgehen, dass sowohl Riley als auch Kiraly in Polizeikreisen von Palm Beach vernetzt waren. Sicher ist: Die Detektive wurden für ihre Arbeiten fürstlich entlohnt. Von Januar bis Mai 2010 überwies Epstein der Agentur 38'500 Dollar.
Laut dem Mail wurden die von Epstein fortgeschafften Harddisks von einem gewissen Dave Kleiman geklont. Der Computerexperte starb im Jahr 2013. Die offizielle Todesursache war eine Infektion mit MRSA-Bakterien. Grössere Bekanntheit erlangte Kleiman aber erst später. Gizmodo verdächtigte ihn 2015, der legendäre Erfinder von Bitcoin, Satoshi Nakamoto, zu sein.
Aufgrund von Vertraulichkeitsklauseln kommentierten weder die Storage-Vermieter, die Detektei noch das FBI die Recherche. Jeffrey Epsteins Bruder wusste laut eigener Angaben nichts von den gemieteten Lagerräumen. Was mit dem Inhalt geschah, ist bis heute unklar.
Laut «Telegraph» sollen neben den Computern aus dem Palm-Beach-Resort im Minimum auch Geräte von Epsteins Privatinsel Little Saint James entfernt worden sein.
Einige der betroffenen Lageranbieter behaupten, nicht gewusst zu haben, dass Jeffrey Epstein ihr Kunde war. So auch Manhattan Mini Storage. Die Firma bewarb 2023 ihre Leistungen ausgerechnet mit dem Spruch: «Safe, Secure, Protected, With Minimal Charges, Just Like Prince Andrew» – «Sicher, geschützt, mit minimalen Gebühren/Anklagen – genau wie Prinz Andrew».
Als der frustrierte Polizeichef Michael Reiter die Epstein-Untersuchungen dem FBI überliess, hatte er gehofft, neuen Schwung in den Epstein-Fall zu bringen. Schnell musste er feststellen, dass er sich geirrt hatte.
Beim FBI übernahm ein gewisser Alexander Acosta die Untersuchungen. Trotz stichhaltiger Beweise brachte er Epstein nicht vor Gericht, sondern unterzeichnete einen Vergleich, der Epstein und weitere Verdächtige mit Immunität vor einer weiteren Strafverfolgung ausstattete.
Neun Jahre später beförderte Donald Trump Alexander Acosta zum Arbeitsminister der Vereinigten Staaten.
