Paracetamol oder Ibuprofen? Bei der Wahl des Schmerzmittels zeigen sich kulturelle Unterschiede.
In der Schweiz ist der Wirkstoff Paracetamol hoch im Kurs. Die Krankenkassen bezahlten letztes Jahr insgesamt 430 Millionen Franken für Schmerzmittel – 56 Millionen entfielen auf Paracetamol-Produkte wie Dafalgan.
Sogar noch beliebter ist Paracetamol in Frankreich. Dort ist es aus keiner Hausapotheke wegzudenken. Die Franzosen kaufen pro Jahr sagenhafte 538 Millionen Packungen. Ganz anders sieht es in Deutschland aus. Dort heisst der Kassenschlager Ibuprofen.
Wie tief die nationalen Präferenzen bei Schmerzmitteln verankert sind, zeigte sich in Frankreich in der Covid-Krise. Der französische Gesundheitsminister riet auf Twitter zu Beginn der Pandemie dazu, bei einer Corona-Erkrankung kein Ibuprofen zu schlucken, da dieses «ein Faktor zur Verschlimmerung der Infektion» sein könnte. Er begründete dies damit, dass Ibuprofen stärker gegen Entzündungen wirkt als Paracetamol.
Die Warnung des französischen Gesundheitsministers stellte sich später als falsch heraus. Doch der ministerielle Rat verfehlte seine Wirkung nicht: Die Franzosen kauften im Frühjahr 2020 noch mehr Paracetamol als ohnehin schon. Damit die Versorgung nicht zusammenbrach, mussten die Behörden die Abgabe auf zwei Packungen pro Person einschränken.
Auch zwei Jahre später, als die Maskenpflicht gefallen war und allerlei Erreger leichtes Spiel hatten, blieb die Versorgungssituation prekär. Noch immer fehlte es an Schmerzmitteln, vor allem in Sirupform für Kinder. Auch in der Schweiz kam es zeitweise zu Lieferengpässen. Mittlerweile hat sich hierzulande die Situation etwas entschärft. Doch das könnte sich mit der anstehenden Erkältungs- und Grippesaison rasch wieder ändern.
Während die Schweiz im Kampf gegen Medikamentenengpässe auf Pflichtlager zurückgreift, hat der französische Präsident Emmanuel Macron einen anderen Weg eingeschlagen. Er hat bereits während der Pandemie angekündigt, die Paracetamol-Produktion zurückzuholen. Das Medikament soll ab 2026 wieder vom Wirkstoff bis zur Verpackung in Frankreich hergestellt werden. Derzeit stammt die Grundlage für Paracetamol, ein weisses, kristallines Pulver, hauptsächlich aus China und Indien. Dementsprechend gross ist die Abhängigkeit von diesen Ländern. Im Krisenfall versorgen sie erst die eigene Bevölkerung, wie die Pandemie gezeigt hat. Europa hat das Nachsehen.
Eine zentrale Rolle Macrons Plan der «Gesundheitssouveränität» spielt das Pharmaunternehmen Upsa. Es produziert im südfranzösischen Agens jährlich 450 Millionen Packungen seines Kassenschlagers Dafalgan. Den Grundstoff dafür bezieht die Firma hauptsächlich aus den USA, Indien und China. Das soll sich bald ändern. Der französische Staat investiert zusammen mit den Firmen Upsa, Sanofi und Sequens 120 Millionen Euro in eine neue Paracetamol-Fabrik in Rousillon. Zudem verzichtet der französische Staat während zweier Jahre auf eine Preissenkung bei diesen Medikamenten. Heute kostet eine Packung Dafalgan in der Apotheke 2.18 Euro. Dem Hersteller bleiben davon 76 Cent.
Dass Frankreich das Paracetamol nach Europa zurückholt, könnte der Schweiz nützen. Auch hierzulande ist Dafalgan beliebt, es ist eines der meistverkauften Schmerzmittel. Allerdings stehen die Paracetamol-Hersteller unter massivem Preisdruck. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) überprüft regelmässig die Medikamentenpreise und drückt sie nach unten – zum Wohle der Prämienzahler. Diese Praxis hat allerdings eine Nebenwirkung: Bei bereits günstigen Medikamenten lohnt es sich für die Hersteller irgendwann nicht mehr, das Produkt anzubieten. In der Schweiz kostet eine Packung mit 30 Dafalgan-Tabletten (500mg) in der Apotheke 11.60 Franken. Davon bleiben dem Hersteller aber lediglich 2.19 Franken. Beim Dafalgan-Kindersirup sind es sogar nur 1.38 Franken.
«Mit diesem Preis verdienen wir nichts», sagt Patrick Leimgruber, Chef des Upsa-Ablegers in der Schweiz, zu CH Media. Es sei gefährlich, die Preise für kritische Arzneimittel wie Dafalgan immer weiter zu senken. Bereits heute müssten die Hersteller jeden Rappen umdrehen. «Bei weiteren Preiskorrekturen besteht die Gefahr, dass auch Schmerzmittel trotz grosser Nachfrage irgendwann vom Markt verschwinden.» Leimgruber betont, dass es Upsa ein Anliegen ist, die Schweiz mit ausreichend Dafalgan zu versorgen. Dies gelingt aber nicht immer, wie ein Blick auf die Datenbank des Spitalapothekers Enea Martinelli zeigt. Seit der Pandemie kam es immer wieder zu Engpässen bei einzelnen Dafalgan-Produkten.
Die Warnrufe der Industrie sind mittlerweile bis zum Bundesrat durchgedrungen. Um die Versorgungslage zu verbessern, hat die Regierung kürzlich verschiedene Massnahmen angeordnet: Neben Importerleichterungen und einem Ausbau der Pflichtlager soll auch die Preisspirale nach unten durchbrochen werden. Konkret soll der Bundesrat die Kompetenz erhalten, kritische Medikamente zu definieren, die von den Preissenkungsrunden ausgenommen sind. Über diese Gesetzesänderung beugt sich derzeit das Parlament.
Patrick Leimgruber begrüsst solche Vorstösse. Interessant findet er auch die Idee des Bundesrats, sogenannte Kapazitätsverträge mit Herstellern abzuschliessen. Damit würde sich der Bund verpflichten, eine gewisse Menge eines Medikaments zu kaufen. Gleichzeitig müsste der Hersteller die Lieferung garantieren. «Wir sind jederzeit bereit, über solche Abmachungen zu diskutieren, um die Versorgungssicherheit zu verbessern», sagt Leimgruber.
Die Massnahmen des Bundesrats gehen zwar viel weniger weit als Emmanuel Macrons Wiederansiedlungspläne oder die milliardenschwere Forderung der Schweizer SP, den Generikariesen Sandoz zu verstaatlichen. Doch die bundesrätlichen Ansätze lassen sich wohl rascher und kostengünstiger umsetzen.
Denn auch die französische Industriepolitik kann die Kräfte der globalen Märkte nicht aushebeln. Das zeigte kürzlich eine Ankündigung des zweiten grossen französischen Paracetamol-Produzenten, Sanofi. Der Konzern möchte seine Sparte Opella, die unter anderem das Paracetamol-Schmerzmittel Doliprane herstellt, zur Mehrheit an einen amerikanischen Investmentfonds verkaufen. Die Verkaufspläne schürten erneut die Angst, dass Doliprane dereinst nicht mehr in Frankreich hergestellt werden könnte. Emmanuel Macron hat sicherheitshalber bereits Bedingungen für den Deal durchgesetzt und kauft sich mit Staatsgeldern von rund 150 Millionen Euro in die Schmerzmittelfirma ein – damit die Franzosen auch weiterhin ihr geliebtes Paracetamol in der Apotheke vorfinden.
Da muss man sich schon fragen, was in der Schweiz schief läuft - und hat zumindest einen Grund für unser überteuertes Gesundheitssystem.