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ARCHIV - Alexander Lukaschenko, Pr

Alexander Lukaschenko Bild: sda

Wahlen in Weissrussland: Der vergebliche Versuch, einen Diktator abzuwählen

Weissrusslands Präsident Lukaschenko scheinbar mit klarer Mehrheit gewählt – unabhängige Befragungen sehen das anders.

Paul Flückiger, Warschau / ch media



Die von Manipulationsvorwürfen überschattete Präsidentenwahl in Weissrussland soll Staatschef Alexander Lukaschenko staatlichen Nachwahlbefragungen zufolge erwartungsgemäss haushoch gewonnen haben. Den sogenannten Exit Polls zufolge soll er 79 Prozent der Stimmen geholt haben, wie die Staatsagentur Belta am Sonntagabend meldete. Die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja soll demnach nur 6.8 Prozent der Stimmen zugesprochen bekommen. Unabhängigen Nachwahlbefragungen im Ausland zufolge soll Tichanowskaja 71 Prozent geholt haben, Lukaschenko erhielt demnach 10 Prozent.

Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin bei der Präsidentenwahl in Belarus und Ehefrau des prominenten inhaftierten Bloggers Tichanowski, streckt bei einem Wahlkampfauftritt die Faust in die Luft. Foto: Sergei Grits/AP/dpa

Lukaschenkos Widersacherin Swetlana Tichanowskaja. Bild: sda

Am Sonntag hatten sich teils stundenlange Schlangen vor den Wahllokalen gebildet. In den sozialen Medien wurden Fotos jubelnder Bürger nach der Stimmabgabe gepostet, die Hand zum Siegeszeichen der Opposition erhoben. Viele Bürger fotografierten ihre Wahlzettel vor der Abgabe und mailten die Aufnahmen zu einer unabhängigen Parallelzählung.

Diese einzigartige Mobilmachung ist der 37-jährigen Tichanowskaja zu verdanken, einer bisher politisch unbekannten Hausfrau und Englischübersetzerin. Sie hat es geschafft, die Unzufriedenheit in Weissrussland nach 26 Jahren ununterbrochener Herrschaft des Autokraten Lukaschenko zu kanalisieren.

Zur sechsten Präsidentenwahl seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Europas letzter Diktator neben sich selbst vier Kandidaten zugelassen. Seine drei grössten Widersacher liess er indes im Vorfeld verhaften oder sie setzten sich aus Angst ins Ausland ab. Der Banker Wiktor Babariko und der bekannte Videoblogger Sergej Tichanowskij sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Ihnen drohen hohe Haftstrafen. An der Stelle des Bloggers hatte sich indes im Juni schleunigst seine Ehefrau Swetlana Tichanowskaja gemeldet und die für eine Kandidatur nötigen 100000 Unterschriften gesammelt. Die zwei gemeinsamen Kinder schickte sie sicherheitshalber mit der Grossmutter in die EU.

«Ich habe es satt, immer nur zu schweigen»

«Ich bin keine Politikerin, ich brauche keine Macht», sagt Tichanowskaja. «Mein Ehemann ist in Haft; und so habe ich mein friedliches Leben für uns alle geopfert, denn ich habe es satt, immer nur zu warten, immer nur zu schweigen», begründete sie. «Und ich bin es leid, immer Angst zu haben». Damit traf Tichanowskaja den Nerv der weissrussischen Gesellschaft.

Zu ihren Wählermeetings zog sie, unterstützt von zentralen Frauen der beiden anderen ausgeschiedenen Kandidaten, Tausende auch in der Provinz an, wo Lukaschenko bisher auf grosse Unterstützung zählen konnte. Doch der Autokrat hatte mit seiner Negierung der Coronapandemie für viel Unmut gesorgt.

Da Weissrussland keine Social-Distancing-Massnahmen ergriff und sich Lukaschenko über das Virus lustig machte, kam es rasch zu einer sehr hohen Ansteckungsrate. Dazu kommt eine zunehmende Wirtschaftskrise, seitdem sich Russland weigert, seinen der Demokratie ebenso abgeneigten Freund Weissrussland weiterhin zu subventionieren.

Auf Tichanowskajas überraschenden Wählerzuspruch reagierte Lukaschenko in den letzten Tagen zunehmend mit Repression. Wurden bereits in der Wahlkampfphase über 1300 politische Aktivisten festgenommen, traf es am Sonntag im ganzen Land Dutzende teils unbeteiligte Passanten und enge vertraute Tichanowskajas.

Am Sonntagabend liess Lukaschenko am Leninplatz vor dem Parlament seine «Omon»-­Sondereinheiten aufmarschieren - und das Internet wie erwartet weitgehend lahmlegen. «Wir brauchen kein Blut auf den Strassen», appellierte Tichanowskaja direkt an die Sicherheitskräfte in einem Video. «Ich halte mir alle Optionen offen», hatte Lukaschenko auf eine entsprechende Frage eines Journalisten geantwortet. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Herman Munster 10.08.2020 12:03
    Highlight Highlight Man sind die Zukunft Aussichten für die Weissrussen, Mist! Düster, nahezu Hoffnungslos.
    Auf der einen Seite Lukaschenko, der Diktator der an der Macht bleiben will und auf der anderen Putin der Weissrussland zurück will. Es ist noch unklar wie viel der Russische Geheimdienst in Weissrussland mitmischt. Aber vermutlich im ganz grossen Stil.
    Also die Demokratiebewegung hat auf jeden fall ganz schlechte Karten! Lukaschenko kann einfach sagen die sind von Putin Gekauft und wollen Weissrussland Russland einfügen. Die Demokratiebewegung sollte sie von Putin Unterstützt werden, Belarus Verschwindet.
    • Herman Munster 10.08.2020 14:36
      Highlight Highlight Es ist ja kein Geheimnis das Putin die UDSSR zurück will. Krim hat er schon, Ukraine ist ins Stottern geraten. Weissrussland ist das nächste Ziel. Dafür muss der Machthaber weg und am besten eine "Demokratische" Regierung die als erste Amtshandlung den Anschluss an Russland verlangt.
      Also für die Bevölkerung heisst es dann Krass ausgedrückt, unter neuem Management! Aber nichts wird besser oder Sozialer, nur die Bilder in den Schulzimmer ändern. Anstatt Lukaschenko ist plötzlich Onkel Wladimir an der Wand und das Symbol für das Denkverbot!
    • rodolofo 10.08.2020 15:17
      Highlight Highlight Dass die Demokratiebewegung Weissrusslands von Putin unterstützt wird, kann ich mir jetzt beim besten Willen nicht vorstellen.
      Lukaschenko passt hervorragend in das rechtsnationalistische Mafia-Konzept von Putin hinein!
      Der lokale Herrscher kann tun und lassen, was er will, muss sich einfach bei den grösseren Dingen der Führungsmacht Russland unterordnen.
      Ähnliche Arrangements pflegt Russland mit Tschetschenien und mit Syrien.
      Dieses Vasallen-Modell würde Putin gerne ausweiten auf andere, rechtsnationalistische Interessenten.
      Le Pen und Salvini wären wohl nicht abgeneigt...
  • THEOne 10.08.2020 11:32
    Highlight Highlight immerhin waren sie noch kulant. nur 79% stimmen, kim hatte 100% stimmen....
    • Junge Schnuufer 10.08.2020 13:32
      Highlight Highlight Wenn es keine Gegenkandidaten gibt, kannst du auch nicht weniger haben;)
  • rodolofo 10.08.2020 07:00
    Highlight Highlight Das haben Diktatoren so an sich, dass man sie kaum mehr los wird, wenn sie es einmal geschafft haben, das "Chef-Büro" in Beschlag zu nehmen.
    Darum gilt auch hier: "Wehret den Anfängen!"
    Wir kennen alle in unserem persönlichen Umfeld autoritäre Machtmenschen, die es bereits im Ansatz zu neutralisieren gilt.
    Wer hat eigentlich den Spruch "Der Klügere gibt nach, der Esel bleibt stehen!" erfunden? Vermutlich der Esel!
    Also: Der Klein-Nazi, der Krieg will, bekommt ihn auch!
    Allerdings wird dieser Krieg anders geführt, als sich dieser Klein-Nazi vorstellt, unkonventionell, mit HUMOR, hihii... ;)
  • Mr. Stärneföifi 10.08.2020 06:19
    Highlight Highlight „Der letzte Diktator Europas“... Da ist grad ein Schmunzeln über Orbáns Gesicht gehuscht. Habt ihrs auch gesehn?
    • Quacksalber 10.08.2020 07:42
      Highlight Highlight Die Möchtegerns zählen nicht.
    • Oberon 10.08.2020 07:56
      Highlight Highlight Naja, Viktor Orbán ist gegen Lukaschenko ein "linker" Junge.



    • De-Saint-Ex 10.08.2020 08:15
      Highlight Highlight Und Putin ?
    Weitere Antworten anzeigen
  • DrDeath 10.08.2020 02:02
    Highlight Highlight Wenn man alle Anführer ehemaliger Sowjetrepubliken in einen Sack stecken und draufhauen würde, wärs glaub ich nicht ganz einfach den falschen zu treffen
    • Zrombi 10.08.2020 13:26
      Highlight Highlight Eigentlich nicht lustig. Aber diese Aussage hat mich schon etwas zum schmunzeln gebracht. Vermutlich weil sie stimmt...
    • DrDeath 10.08.2020 17:30
      Highlight Highlight Lustig hab ich das eigentlich auch nicht gemeint. Wenn Sarkasmus Humor ist, dann eine recht spezielle Art.
  • Andre Buchheim 10.08.2020 00:06
    Highlight Highlight Was soll man da sagen? Ich bin sprachlos und schockiert, mein Herz schlägt für die weißrussische Bevölkerung. Was will man machen, wenn Wahlen zu einer bloßen Kulisse einer Scheindemokratie verkommen. Wir sind damals in der DDR dagegen aufgestanden. Ich fürchte jedoch, dass das im Falle Weißrusslands nicht annähernd ähnlich friedlich verlaufen würde, leider. Es ist zum verzweifeln.
  • Triple A 09.08.2020 23:01
    Highlight Highlight Wie schön wäre es, die Schweiz ringte sich durch, Frau Tichanowskaja zum Wahlerfolg zu gratulieren!
    • Rocky Gonzales 10.08.2020 02:34
      Highlight Highlight Wie sehr ich es ihr auch gönnen möchte, doch auch hier wäre es eine Farce zu gratulieren wie auch dem Wahlerfolg von "klein Adolf" (sieht so aus) zu zu jubeln. Man kennt beide Wahlergebnisse nicht ob getürkt oder nicht. Daher wäre die Gratulation der Schweiz z.G. Frau Tichanowskaja, auch wenn noch so gewünscht nicht sinnvoll.
    • Zanzibar 10.08.2020 06:56
      Highlight Highlight Dann bräuchten wir plötzlich doch noch die neuen Flugis zur Verteidigung.
    • Gulasch 10.08.2020 08:28
      Highlight Highlight Die Schweiz wird ihren Arsch kaum bewegen, keine Zivilcourage!
      Aber die EU ist auch nicht besser, duldet schliesslich den neuen Diktator Orban, und dies als EU-Mitglied!
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Folter, Verhaftungen und Vergewaltigungen – Aktivistin berichtet von der Hölle in Minsk

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