International
Gesellschaft & Politik

6 Menschen an christlicher US-Schule erschossen – 5 Punkte

6 Menschen an christlicher US-Schule erschossen – 5 Punkte zum Fall

Eine 28-jährige Person hat an einer christlichen Schule in den USA drei Kinder und sechs Menschen insgesamt getötet. Sie ging früher dort zum Unterricht. Der Fall im Überblick.
27.03.2023, 19:5328.03.2023, 22:49
Mehr «International»

Was ist passiert?

Bei Schüssen an einer Grundschule in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee sind am Montag drei Kinder und drei Erwachsene getötet worden. Die Person, die die Tat mutmasslich begangen hat, wurde von Polizisten erschossen, teilte die Polizei in Nashville mit.

Damit sei Schlimmeres verhindert worden, machte John Drake, Polizeichef von Nashville, später deutlich. Bei den drei getöteten Erwachsenen handelt es sich der Polizei zufolge um Mitarbeiter der Schule, ihr Alter wird mit Anfang 60 angegeben.

epa10546154 (L-R) Nashville District Attorney Glenn Funk, Tennessee Bureau of Investigation Director David Rausch, Metro Nashville Police Department Chief John Drake and Nashville Fire Department Dire ...
Der Chef der Nashviller Polizei, John Drake.Bild: keystone

Die Polizei war am Montagvormittag gegen 10.00 Uhr (Ortszeit) zu der Schule gerufen worden. «Als die Beamten im zweiten Stockwerk ankamen, sahen sie eine Schützin, eine Frau, die schoss», sagte Don Aaron von der Polizei in Nashville. «Wir wissen, dass sie mit mindestens zwei Sturmgewehren und einer Handfeuerwaffe bewaffnet war.»

Um was für eine Schule handelt es sich?

Die Covenant-Grundschule ist eine christliche Privatschule, die auf einem grünen Hügel Nashvilles liegt – der Hauptstadt des Bundesstaats Tennessee mit knapp 700'000 Einwohnern. Die Schulgebäude liegen in einem beschaulichen Wäldchen. In der Schule werden Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse unterrichtet. Es gibt dort auch einen Kindergarten. Nach Angaben der Lokalzeitung «The Tennessean» werden dort rund 200 Kinder betreut. Die Einrichtung wirbt mit einem christlichen Leitbild und damit, den Kindern «einen sicheren Ort zu bieten, an dem sie sich frei entfalten können».

epa10545728 A handout photo made available by the Metro Nashville Police Department shows the scene outside the Covenant School, Covenant Presbyterian Church following a shooting in Nashville, Tenness ...
Polizisten am Tatort.Bild: keystone

Wer ist die tatverdächtige Person?

Nach Angaben der Polizei habe Audrey Elizabeth Hale die Tat begannen. Die Person kommt aus Nashville. Vor ihrem Tod hat Hale die Personalpronomen auf den Online-Profilen zu männlich («he/him») gewechselt. Hale wird darum als trans Person beschrieben – also als Mensch, der sich nicht mit dem Geschlecht identifiziert, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.

«Es gibt im Moment eine Theorie, über die wir vielleicht später sprechen können, aber sie ist nicht bestätigt.»
Polizeichef John Drake über das Motiv

Über einen etwaigen Zusammenhang zwischen der Lebensgeschichte von Hale und der Tat sagten die Ermittler nichts. «Es gibt gegenwärtig eine Theorie, über die wir vielleicht später sprechen können, aber sie ist nicht bestätigt», sagte Drake. Die Person hatte ihre Waffen nach Polizeiangaben legal erworben.

epa10546344 A frame grab from a handout surveillance video released by Metro Nashville Police Department shows alleged shooter they identify as Audrey Elizabeth Hale during the shooting at the Covenan ...
Überwachungsaufnahmen zeigen Hale bewaffnet in der Schule.Bild: keystone

Manifest gefunden

Die Ermittler werten nun Material aus, das Aufschluss über das Motiv geben könnte. «Wir haben ein Manifest, wir haben einige Schriften, die sich auf diesen Tag, diesen Vorfall beziehen, und die wir auswerten», sagte Polizeichef Drake. Es seien auch Lagepläne der Schule gefunden worden, auf denen unter anderem Überwachungskameras und Eingänge eingezeichnet waren.

epa10546346 A frame grab from a handout surveillance video released by Metro Nashville Police Department shows alleged shooter they identify as Audrey Elizabeth Hale gaining entry by shooting out the  ...
Hale zerschoss die Aussentür der Schule, um sich Eintritt zu verschaffen.Bild: keystone

Hale zerschoss eine gläserne Aussentür und verschaffte sich so Zugang zu der Schule. Die Person trug laut Polizei noch mehrere Runden Munition bei sich und wollte möglicherweise auch noch andere Tatorte ins Visier nehmen. Ein in der Nähe der Schule geparktes Auto habe Hinweise zur Identität des Täters gegeben, sagte Drake.

Am Dienstag erklärte Drake, die 28-Jährige sei wegen einer «emotionalen Störung» in ärztlicher Behandlung gewesen. Er nannte dazu keine weiteren Details. Das Motiv für die Tat sei weiter unklar. Ihre Opfer in der Grundschule habe sie wohl zufällig ausgewählt.

Wie reagiert die US-Politik?

US-Präsident Joe Biden ordnete an, die Flaggen im ganzen Land zu Ehren der Opfer «dieser sinnlosen Gewalttat» bis Freitagabend auf halbmast zu setzen. Die Anweisung gilt für das Weisse Haus, alle öffentlichen Gebäude, Militäreinrichtungen und die US-Botschaften.

Zudem forderte er nach der neuen Attacke umgehend eine Verschärfung der Waffengesetze im Land – einmal mehr. Doch schon seine Vorgänger scheiterten immer wieder mit dem Versuch, das von parteipolitischen Gräben durchzogene Parlament zu einem Verbot von Sturmgewehren und anderen wirkungsvollen Schutzmassnahmen zu bewegen. Biden geht es da nicht anders. Deshalb behilft er sich mit kleineren Eingriffen, für die er nicht auf den Kongress angewiesen ist. Ohne eine substanzielle Reform des Waffenrechts sehen Experten allerdings keinerlei Chance auf echte Veränderungen.

President Joe Biden speaks during an SBA Women's Business Summit in the East Room of the White House, Monday, March 27, 2023, in Washington. (AP Photo/Alex Brandon)
Joe Biden
Joe Biden versucht erfolglos die Waffengesetze in den USA zu verschärfen.Bild: keystone

Um die durchzusetzen, wären Biden und seine Demokraten auf die Kooperationsbereitschaft der Republikaner im Kongress angewiesen – doch die ist bei diesem Thema nicht in Sicht. Bemühungen um schärfere Waffengesetze laufen seit vielen Jahren ins Leere – vor allem, weil Republikaner dagegen sind. Und weil die Waffenlobby, allen voran die mächtige National Rifle Association (NRA), vehement jeden Versuch bekämpft, Waffenbesitz stärker zu regulieren. Daran haben auch die verheerenden Amokläufe an Grundschulen nichts geändert.

«Wie viele Kinder müssen noch ermordet werden, bevor die Republikaner im Kongress aufstehen und handeln?»
Karine Jean-Pierre, Sprecherin der US-Regierungszentrale

Auch die Sprecherin des Weissen Hauses, Karine Jean-Pierre, appellierte mit eindringlichen Worten an den Kongress. «Wie viele Kinder müssen noch ermordet werden, bevor die Republikaner im Kongress aufstehen und handeln?», sagte sie am Montag in Washington. «Genug ist genug», mahnte sie. «Wir müssen mehr tun.»

Biden habe mehr als jeder andere Präsident getan, um gegen die Waffengewalt im Land vorzugehen. Doch nun müsse der Kongress dringend handeln. «Unsere Kinder sollten sich in der Schule sicher und geschützt fühlen können», sagte Jean-Pierre. Attacken wie jene in Nashville seien «verheerend» und «herzzerreissend».

Die USA, die Waffen und die Schulen

In den USA gehören Schiessereien und selbst Amokläufe zum traurigen Alltag. Sehr oft kommen bei derartigen «mass shootings» Sturmgewehre wie beim Militär zum Einsatz, mit denen sich in kurzer Zeit viele Kugeln abfeuern lassen. Überwiegend sind die Täter Männer. Während in vielen Ländern ein aufwendiges Prozedere durchlaufen werden muss, um an eine Waffe zu kommen, ist es in vielen Teilen der USA ein Leichtes, sich eine Waffe zu beschaffen – selbst solche, die eigentlich für Kriege entwickelt wurden. In den Vereinigten Staaten sind nach Angaben des Forschungsprojektes Small Arms Survey mehr Waffen im Umlauf als irgendwo sonst auf der Welt. Mit weitem Abstand.

Das sorgt auch an anderer Stelle für düstere Rekorde: Laut Daten der Gesundheitsbehörde CDC wurden allein im Jahr 2020 in den USA rund 20'000 Menschen erschossen – mehr als 50 pro Tag. Im gleichen Jahr waren Schusswaffenverletzungen erstmals Todesursache Nummer eins für Kinder und Jugendliche im Land, noch vor Verkehrsunfällen. Nach Angaben des Weissen Hauses kamen in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr Schülerinnen und Schüler durch Schusswaffen ums Leben als Polizisten und Soldaten im aktiven Dienst zusammen.

Selbst Grundschulen werden in bedenklicher Regelmässigkeit zum Tatort – wie im Dezember 2012, als ein 20-Jähriger in Newtown im Bundesstaat Connecticut 20 Kinder und sechs Lehrer erschoss. Auch damals herrschte riesiges Entsetzen im Land, doch es folgten weitere, nicht weniger unbegreifliche Gräueltaten: So erschoss im Mai 2022 im texanischen Uvalde ein 18-Jähriger an einer Grundschule 19 Kinder und zwei Lehrerinnen.

(con/sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Dr. Dres Strandvilla? Macht 20 Millionen, bitte
1 / 13
Dr. Dres Strandvilla? Macht 20 Millionen, bitte
quelle: weahomes.com / weahomes.com
Auf Facebook teilenAuf X teilen
«Habt ihr das nicht satt?» – Frau unterbricht Amoklauf-Pressekonferenz
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
170 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Sunstich
27.03.2023 20:13registriert Mai 2020
…aber Dragshows und Bücher über Aufklärung bedrohen unsere Kinder!
30440
Melden
Zum Kommentar
avatar
Janster
27.03.2023 19:58registriert März 2021
Das Schlimme ist dass ich mich dabei ertappe zu sagen "schon wieder" und gleichzeitig denke es wird sich auch dieses Mal nicht ändern und in ein paar Wochen passiert es wieder.
2256
Melden
Zum Kommentar
avatar
Fight4urRight2beHighasaKite
27.03.2023 20:23registriert Oktober 2022
Ich wollt ja grad das übliche schreiben, aber irgendwie ist auch das zynische "Thoughts and Prayers" langsam ausgelutscht.
18911
Melden
Zum Kommentar
170
«Die Absurdität der Wokeness findet man in ‹Queers for Palestine›»
Die deutsche Ethnologin Susanne Schröter ist eine streitbare Kritikerin von Woken und Islamisten. Im Interview spricht sie über Gendern, Palästina-Proteste und warum sie mit einem dritten Geschlecht kein Problem hat.

Sie kritisieren Wokeismus und Islamismus. Auch die Krise des Westens ist Ihr Thema. Wie ernst ist die Lage?
Susanne Schröter:
Wir setzen massiv Anreize in eine falsche Richtung. Den Islamismus halte ich für ein ernstes Problem. Es ist nicht einfach ein Folklore-Phänomen, das sich in Wohlgefallen auflöst, weil wir eine Zunahme von fundamentalistischen Strömungen aus dem Ausland erleben. Und uns zum Teil die Integration überhaupt nicht gelingt. Muslime, die eher säkular, moderat und liberal sind, geraten extrem unter Druck und haben teilweise Angst.

Zur Story